Corona um die Welt – Kanada

Niemand darf rein, niemand darf raus. Das Coronavirus hat den Erdball fest im Griff, eine Regierung nach der nächsten hat ihre Landesgrenzen geschlossen. Das Privileg der Reisefreiheit bleibt fast allen in diesen Wochen und Monaten verwehrt. Dank des Internets können wir uns jedoch weiterhin grenzenlos austauschen. Unsere Redakteurin Josephine Schlüer hat mehrere Jahre im Ausland gelebt und sich bei Freunden und Bekannten weltweit umgehört, wie diese ihren von der Pandemie beeinflussten Alltag bestreiten. Heute Teil 5:

Franziska Emslie (31) aus Deutschland
Wohnort: St. Catherines, Kanada

Ich lebe seit 2013 in Kanada. Mein Mann ist Kanadier. Nach der Heirat haben wir beschlossen hier zu leben. Als PR-Koordinatorin bin ich bei der örtlichen YWCA, einer Notunterkunft für obdachlose Frauen und Familien, in Vollzeit und unbefristet beschäftigt. Ich habe großes Glück, weil ich derzeit im Mutterschaftsurlaub bin. Daher ist mein Einkommen unabhängig vom Coronavirus gesichert. Außerdem hat mein Mann einen Job mit einem Grundgehalt, sodass er mit oder ohne Arbeit bezahlt wird. Es wäre finanziell schwierig für uns, wenn er lange zu Hause bleiben müsste, weil der Selbstbehalt niedrig ist. Aber im Moment müssen wir uns keine Sorgen machen.

Wir haben vier Kinder. Meine Stieftochter ist an der Universität, wo der Betrieb bis auf einige Online-Kurse komplett eingestellt wurde. Mein Stiefsohn geht zur High School, die ebenfalls geschlossen ist. Meine andere Tochter geht normalerweise in die Kita. Dort wurden sogar alle Kindergärtnerinnen auf unbestimmte Zeit entlassen. Meine Jüngste ist erst zwei Monate alt und sowieso bei uns zu Hause. Im Moment befinden wir uns zu viert in häuslicher Quarantäne, weil mein Mann gerade aus Europa zurückgekehrt ist. Die Älteren wohnen derzeit bei ihrer Mutter. Wir stellen sicher, dass wir den Tag für unsere Tochter ähnlich dem Kita-Alltag strukturieren. Sie ist drei und Routine ist wichtig für sie. Dabei wechseln mein Mann und ich uns ab, sodass wir mal Pause haben oder Zeit für Hausarbeiten oder um Dinge für uns selbst und unsere Gesundheit zu tun.

Da ich derzeit im Mutterschaftsurlaub bin, hat sich nur geändert, dass ich jetzt viel Gesellschaft habe. Mein Mann arbeitet normalerweise viel im Ausland und daher bin ich oft allein. Um ehrlich zu sein, genießen wir die Nähe gerade.

Ich finde es unzuverlässig wie die Medien hier über den Virus berichten. Das geht mir allerdings oft so in Kanada. Generell ziehe ich klassische Medien den sozialen Medien vor. Letztere haben definitiv viel Angst verursacht und zu negativen Gefühlen und Sorgen beigetragen. Ich vermisse beispielsweise Nachrichten zu den Entwicklungen in China. Es geht ständig um neue Fälle und Tote in Kanada und weniger um Verbesserungen, Veränderungen oder Bemühungen, die Verbreitung zu verlangsamen.

Die Stadt hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen schnell verändert. Zu Beginn war Corona für die meisten ein Scherz. Dann folgte die Schließung der Schulen. Arbeitgeber sagten ihren Angestellten, sie sollten zu Hause bleiben. Jetzt sind auch alle Restaurants geschlossen. In den Geschäften sind Toilettenpapier, Gemüse und Kartoffeln knapp.

Gefühlt halten sich die meisten Leute aber an die Empfehlungen der Regierung, schon aus Solidarität gegenüber den Menschen aus Risikogruppen. Wir möchten wirklich, dass alle in der Gemeinde sicher sind. Auch für die Mitarbeiter des Gesundheitswesens ist es wichtig, dass sich der Virus möglichst langsam verbreitet, damit es nicht zum Kollaps kommt.

Für uns persönlich ist es wahrscheinlich nicht das Schlimmste, etwas langsamer zu leben und die Gesellschaft des anderen zu genießen, aber gesamt betrachtet gibt es dieser Situation nichts Positives abzugewinnen. Es ist ein Albtraum für die Betroffenen, ein Albtraum für die Wirtschaft, für die Beschäftigten im Gesundheitswesen. Und ich mache mir Sorgen um die Bildung unserer Kinder.

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