COVID-19: Wer ist schuld? Eine Spurensuche von Prof. Dr. Reinhard Szibor

In dieser Zeit der Pandemie scheint die Welt Kopf zu stehen, so wie die abgebildete Fledermaus. Philanthropen, wie Bill Gates, die gewaltige Summen ihres privaten Vermögens für die Bekämpfung der Krankheit einsetzen, werden gehasst, Demagogen und Verschwörungstheoretiker wie Attila Hildmann und Xavier Naidoo erhalten ein Ausmaß an Sympathie, das kaum vorstellbar ist.

Wenn Katastrophen auftreten, bewegt viele Menschen die Frage nach der Schuld. Zu Zeiten der Pest war es alles ganz einfach. Es ließ sich immer jemand finden, vielleicht eine rothaarige Frau oder ein Alchemist, denen man den Ausbruch der Epidemie anlasten konnte, etwa weil man sie mit dem Teufel im Bunde sah. Das war für jedermann leicht zu verstehen und somit wurden die Beschuldigten öffentlich verbrannt. Danach spürte das Volk eine gewisse Genugtuung. Das Bedürfnis nach Schuldzuweisungen ist auch in unserer Corona-Krise präsent. Und es soll auch wieder alles ganz einfach sein. Obwohl man in Europa keine Todesstrafe mehr vollstrecken kann, schafft doch schon allein die Identifizierung der Schuldigen eine gewisse Befriedigung. Auch heute finden sich wieder Personen und Personengruppen, denen man die Schaffung der Pandemie in die Schuhe schieben kann.

Geheimnisvolle Mächte, jüdisch-amerikanische Netzwerke, Banken, Pharmakonzerne und Virologen hätten sich zusammengefunden, um Coronaviren zu verbreiten und somit Möglichkeiten geschaffen, die Menschheit zu beherrschen. Die Rolle der Alchemisten nehmen jetzt Wissenschaftler ein, die mittels Gentechnik Killerviren schaffen würden. Diese könnten sie dann als Werkzeug der Machtübernahme instrumentalisieren. Gentechnik kommt immer gut an, wenn man Ängste induzieren will. In den von Trump regierten USA kommen noch die Chinesen als Bösewichte hinzu.

Gib GATES keine Chance
In Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie in Australien sind die bevorzugten Hassfiguren Bill Gates und seine Frau Melinda, die über ihre Stiftung dreistellige Millionenbeträge in die Impfstoff- und Medikamentenentwicklung pumpen. Anstatt Lob und Anerkennung ernten sie Verdächtigungen und Beschimpfungen. Zusammen mit den G5-Netzbetreibern, mit denen sie im Bunde stünden, würden sie das Virus über die Sendemasten verbreiten, um eine möglichst hohe Durchseuchung zu erreichen. Gleichzeitig würden sie die Impfstoffentwicklung vorantreiben, und das nur deshalb, um weltweit eine allgemeine Impfpflicht durchzusetzen. Für dieses Ziel hätten sie der WHO Millionenbeträge gespendet, um diese hörig zu machen. Im Budgetzeitraum 2018/2019 waren es tatsächlich 367,7 Millionen Dollar. Damit hätten sie das Machtorgan, mit dem man einen teuflischen Plan durchsetzen könne, in ihrer Hand. Eine angeblich angestrebte allgemeine Zwangsimpfung böte dann dem Microsoftgründer die Gelegenheit, als eigentliches Ziel des Eingriffs jedem Menschen einen Mikrochip zu implantieren, mit dessen Hilfe man ihn unbegrenzt kontrollieren und sogar sein Handeln steuern könne.

Das alles klingt nach einer ungeheuer witzigen Satire, mit der man die Impfgegnerschaft mal so richtig auf die Schippe nimmt. Aber nein, es ist ernst gemeint! Diese Sichtweise hat eine große Anhängerschaft gefunden und man sieht auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen massenhaft Plakate mit Aufrufen gegen die G5-Netzbetreiber und mit der Losung „Gib Gates keine Chance!!“. Optisch kopieren die Plakate die bekannte Kampagne „Gib AIDS keine Chance“. Die Träger dieser Plakate glauben, dass sie einfach nur besser informiert seien als die Ärzte und die Bevölkerungsmehrheit, die einen Impfstoff herbeisehnen. Da zitiere ich ausnahmsweise mal Karl Marx: „Eine Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“. Das gilt auch, wenn die Idee völlig absurd ist.

Bill, das ideale Feindbild
Man könnte sich fragen, wieso es eigentlich gerade Bill Gates ist, der sich als Verkörperung des Bösen eignet. Die Gründe sind vielfältig. Zunächst ist er überdurchschnittlich intelligent, er soll einen IQ von 160 haben. Das macht ihn Vielen unsympathisch. Zuschauer von TV-Talkshows wissen, dass dort nicht selten sympathie- heischende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sowohl Künstler als auch Politiker, vorwiegend eines hier nicht genannten Parteienspektrums, sich damit brüsten, dass sie in der Schule immer Versager waren, besonders in Mathematik und den Naturwissenschaften. Damit kann man in Deutschland punkten. Bill Gates gilt da eher als unsympathischer Streber. Er ist Repräsentant eines Amerikas, das mehrheitlich das kapitalistische Wirtschaftssystem wertschätzt und verteidigt. Das kommt in Deutschland, in dem es erstaunlicherweise trotz DDR-Erfahrung eine Sehnsucht nach einer Renaissance der sozialistischen Gesellschaftsordnung gibt, nicht gut an.

Bill und Melinda Gates und ihr Team setzen darauf, die Probleme in den Entwicklungsländern durch wissenschaftlichen Fortschritt und die Anwendung neuartiger Technologien zu lösen. Sie fördern die Strategien, die sie selbst und die Mehrheit der Wissenschaftler für aussichtsreich halten. Die von linken Parteien und Nichtregierungsorganisationen geforderte Mitbestimmung über den Einsatz ihres privaten Kapitals lehnen sie ab. Schwerpunkte der Förderung durch die Gates-Stiftung sind die Finanzierungen von Impfprogrammen, die Entwicklung von Impfstoffen und von neuartigen Nutzpflanzen. Letztere bringen mehr Erträge, versorgen die fehlernährte Bevölkerung in afrikanischen und asiatischen Ländern besser mit Vitaminen und Spurenelementen und sind umweltfreundlicher, weil sie weniger chemische Pflanzenschutzmittel benötigen. Das alles ist ohne Gentechnik nicht zu haben. Aber es ist ein rotes Tuch für viele Nichtregierungsorganisationen und die meisten Parteien Deutschlands (außer der FDP).

Eine unzerbrechliche Allianz aus der SPD der Nach-Schröder-Ära, den Linken, den Grünen und der AfD (und sogar Teilen der CDU/CSU) und deren assoziierten Organisationen kämpft gegen eine Technologie, die Millionen Menschenleben retten und die Landwirtschaft umweltfreundlich gestalten könnte. Auch nimmt man Bill und Melinda übel, dass sie in Sachen Gentechnik mit dem jüdischen Monsantokonzern (inzwischen von Bayer einverleibt) kooperiert haben. Kurz, Bill und Melinda Gates bedienen alle wissenschafts- und technologiefeindlichen, antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments, die sich in all diesen Parteien und deren Organisationen sowie auch in breiten Teilen unserer Bevölkerung in unterschiedlicher Ausprägung nachweisen lassen.

Corona, ein Virus mit Strafauftrag?
International und auch in Deutschland gibt es eine Menge religiöser und quasi-religioser Erklärungen dafür, warum die Corona-Katastrophe über uns gekommen ist. US-Amerikaner glauben zu 44 Prozent, die Pandemie sei ein Weckruf Gottes, also ein Zeichen, dass das Weltgericht bevorsteht. Einige Minister des Trump-Kabinetts nehmen regelmäßig an Meditationen mit dem evangelikalen Pastor Ralph Drollinger teil. Der predigt, dass COVID-19 durch den Zorn des Herrn ausgelöst wurde. Er glaubt, dass zu viele Menschen an verantwortlichen Positionen stünden, von denen sich Gott im Zorn abgewandt habe, weil sie (aus seiner Sicht) unnatürlich als Lesben und Schwule leben, weil sie Abtreibung tolerieren oder die Natur mehr verehren als Gott. Jeder Geistliche kann die Bibel auslegen, wie er möchte. In Deutschland predigt der Dekan am Bibelseminar Bonn, Prof. Friedhelm Jung, dass der Schöpfer Sünde nicht ungestraft lasse. Weil viele Menschen gottlos und in schweren Sünden leben (Stolz, Lüge, Pornografie, Diebstahl, Homosexualität usw.), übe Gott Vergeltung aus.

Und jetzt kommt die einzige frohe Botschaft dieses Artikels: Auch wenn die religiöse Verknüpfung von menschlichem Fehlverhalten und einer darauf folgenden Strafe Gottes in Form von Katastrophen immer wieder auftaucht, verkündet in unseren geläuterten Kirchen, sowohl in der katholischen als der evangelischen, die überwältigend große Mehrheit der Geistlichen einen gnädigen Gott, dem es fernliegt, die Menschheit mit Epidemien zu strafen. Im Gegenteil stünde der liebende Schöpfer an der Seite derer, die die Kranken behandeln und pflegen und derer, die versuchen, die Epidemie mit politischen Maßnahmen einzudämmen und Impfstoffe zu entwickeln. Wenn die Kirchen sich davon verabschiedet haben, mittelalterlich anmutende Bestrafungsszenarien zu proklamieren, übernehmen diese Rolle gern andere.

Quasi – religiöse Schuldzuweisungen
Renate Künast von den Grünen meint, die Schuldigen für COVID-19 entlarvt zu haben. Im Bundestag hat sie unsere Bauern zu Sündenböcken erklärt: „Der Grund für die Pandemie ist die falsche Art und Weise, wie wir unsere Nahrungsmittel produzieren, Landwirtschaft betreiben und mit der Umwelt umgehen.“ Laut Künast sei „jetzt die Zeit, diese Erkenntnisse zu nehmen und eine Ernährungswende einzuläuten.“(sic). Realer Hintergrund dieser Spekulation ist die durchaus richtige Erkenntnis, dass eine Vielzahl der Krankheitserreger, sowohl Viren als auch Bakterien, von Tieren auf Menschen übergegangen sind. Somit ist die Art, wie wir mit Tieren zusammenkommen, für die Entstehung von Seuchen relevant.

Tatsächlich hat der Evolutionsbiologie Jared Diamond rekonstruiert, dass es zu Seuchen vor allem durch den Übergang zur Viehzucht und der damit einhergehenden Nähe zu Tieren kam: „Bei Pocken, Grippe, Tuberkulose, Pest, Masern und Cholera handelt es sich um Erreger, die sich aus Krankheiten von Tieren entwickelt hatten“. Der Übergang des AIDS-Erregers HIV (Humane-Immundefizienz-Virus) auf Menschen erfolgte durch den Genuss von „Buschfleisch“, also von Fleisch von Tieren aus den Urwäldern. Die Konsumenten hatten unzureichend erhitztes Affenfleisch gegessen und sich so infiziert. Das aktuelle Coronavirus, das COVID-19 auslöst, hat nach molekulargenetischen Befunden seinen Ursprung in Fledermäusen und ging vermutlich über einen bisher nicht sicher identifizierten Zwischenwirt (Schuppentiere?) auf den Menschen über. Es besteht der Verdacht, dass dieses Ereignis sich auf einem Tiermarkt im chinesischen Wuhan zugetragen habe.

Und was hat unsere Nahrungsproduktion in Deutschland damit zu tun? Eigentlich gar nichts. Aber Frau Künast verquickt einige naturwissenschaftlich belegte Fakten mit ihrer anthroposophischen Weltsicht, konstruiert daraus Halbwahrheiten und hofft, dass sie das, was sie als Landwirtschaftsministerin (2001 bis 2005) auf den Weg gebracht hat, jetzt durch Schwingen der Corona-Keule vollenden kann. Sie klagt die von ihr gehassten konventionellen Landwirte an, die uns reichlich mit hochwertigen und sicheren Lebensmitteln versorgen und fordert eine Agrarwende. Darüber, wie diese aussehen soll, muss man nicht rätseln, sie hat es längst offenbart. Ihr Ziel ist eine Umstellung der Nahrungsmittelproduktion auf die sogenannte „Biologische Landwirtschaft“, in der es tatsächlich einige positive Elemente gibt, die aber eine Minderproduktivität um 40 bis 50 Prozent ausweist. Die Defizite werden dann durch Importe aus den Entwicklungsländern ausgeglichen. Natürlich werden dort, weil die Flächenerträge gering ausfallen, Urwälder für die Landwirtschaft abgeholzt, um den europäischen Bedarf an vermeintlich nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu decken. Nebenbei bemerkt: Im Jahre 2011 kam es zu einem EHEC-Ausbruch, mit fast 4000 Erkrankten. 53 Personen verstarben in Folge der Infektion, viele wurden dadurch zu Invaliden und verstarben verfrüht. Die Infektion kam aus einem Bio-Betrieb, also genau der Landwirtschaft, die Künast fordert.

Besondere Förderung durch Künast erfuhr die landwirtschaftliche Fakultät der Uni Kassel (Außenstelle Witzenhausen), die ihren Ausbildungs- und Forschungsschwerpunkt in der „Biodynamischen Landwirtschaft“ nach Rudolf Steiner sieht. Produkte dieser Wirtschaftsform werden bekanntlich unter dem Markennamen „Demeter“ gehandelt. Die Demeter-Wirtschaft wendet die Regeln der „Biolandwirtschaft“ in verschärfter Form an, aber tragende Elemente sind esoterische Rituale, bei denen astrologische Theorien eine zentrale Rolle spielen. Man füllt Kuhhörner mit Kuhdung, vergräbt diese bei Vollmond, um den Mist später in homöopathischer Dosierung auf dem Feld zu verteilen. Das Präparat soll die „kosmischen Kräfte“ des Bodens aktivieren.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wollte man das ganze okkulte Gedankengebäude Steiners und seiner „Follower“, zu denen Renate Künast und die Demeter-Bauern gehören, hier erläutern. Vielleicht kann man es mit Steiners Worten so zusammenfassen: „Unser Denken hört auf, und unser Kopf wird der Schauplatz des Wirkens der höheren Hierarchien.“

In den Diesbach-Medien seiner Heimatstadt veröffentlichte Otte am 15.7. auch ein mehrseitiges Essay, in welchem er seinen Standpunkt ausführlich erläutert und auch auf die äußerst fahrlässige Verwechslung von Fallsterblichkeit und Infektionssterblichkeit durch das Robert Koch Institut eingeht.

Ottes Essay kann unter https://www.wnoz.de/Prof-Otte-Warum-die-Epidemie-in-Deutschland-vorbei-ist-16babc69-31ed-46fc-bb00-f590eb64bb24-ds oder mit dem abgebildeten QR-Code für 99 Cent abgerufen werden. Für Fachinteressierte ist dieser Langtext Gold wert.

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