Samstag, Mai 21, 2022
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Cringe

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Unserem verehrten Leser Herrn Werner Gliwa aus Magdeburg sind wir noch etwas schuldig. In seiner Zuschrift an die Kompakt-Zeitung, abgedruckt in der Ausgabe Nr. 198 im November 2021, bemerkt Herr Gliwa, dass ihm das Gendern mit Sternchen oder mit Doppelpunkt nicht gefalle. Und in Island sei es unerwünscht, die Landessprache mit Fremdvokabeln zu verändern. Wer, so fragt er, habe denn das Jugendwort des Jahres erfunden. Das Jugendwort für das Jahr 2021 heißt „cringe“, und das bezeichnet er als negatives Beispiel, zeugt es doch von der Verunstaltung der deutschen Sprache.

Sprache ist eine gesellschaftliche Erscheinung. Das klingt vielleicht erstmal wie eine These, für manche eventuell wie eine hohle Phrase, also ohne tieferen Sinn. Auf den ersten Blick ist das natürlich auch nicht gleich eine Antwort auf die Bemerkungen und Fragen von Herrn Gliwa. Aber sehen wir uns doch unsere Gesellschaft an. Überall sehen Sie eine äußerst große Vielfalt, Vielfalt in allen Dingen, angefangen bei den materiellen Dingen. Wie viele Automarken gibt es, wie viele Hersteller von Produkten für das tägliche Leben, wie viele Einkaufsmöglichkeiten, wie viele Verlage, wie viele Zeitschriften usw. usf. Und das, obwohl ständig eine immer größere Konzentration der Produktivkräfte stattfindet. So vielfältig wie die materiellen Dinge in unserem Leben, so vielfältig sind auch die Akteure, also Personen oder Gruppen von Personen, die in der Gesellschaft auftreten. Da gibt es Arbeitnehmer, da gibt es Arbeitgeber, da gibt es politische Parteien, da gibt es kleine Splittergruppen usw. usf. Die Akteure treten mitunter auch gegeneinander an. Dazu kommt, dass in unserer jetzigen Gesellschaft immer wieder der Individualismus gepredigt wird. Kollektives, Gemeinsames, das gab es zu Zeiten des Kommunismus, da wurde, so wird argumentiert, das Individuum als solches ignoriert, nur die gemeinsame Linie zählte. Heute können sich Akteure zusammentun, sei es in Gewerkschaften oder in Arbeitgeberverbänden oder auch in Gruppen von Impfgegnern. Dabei entwickelt sich auch eine spezielle Sprache, die nur im Rahmen dieser oder jener Gruppe von Akteuren gebraucht wird. Nehmen Sie, liebe Leserin, eine Zeitschrift zur Hand, die für junge Menschen bestimmt ist. Wenn Ihre Geburt schon etwas länger zurückliegt, könnten Sie vielleicht Schwierigkeiten haben, alles in den Texten zu verstehen. Oder nehmen Sie sich den Bericht des Vorstands einer Aktiengesellschaft über das vergangene Geschäftsjahr vor. Wir wollen nicht von sogenannten Fachsprachen reden, nein, es geht um Texte, die eigentlich allgemeinsprachlich sein sollten. Mit der immer größeren Differenzierung von Personengruppen in der Gesellschaft geht auch eine immer größere Differenzierung in der Sprache vor sich.

Die Differenzierung in der Sprache kann auch gepflegt werden. Das soll bedeuten, dass manche Personengruppen sich vom allgemeinen Sprachgebrauch absondern oder sich bewusst absondern wollen. Und es gibt jemand, der das aufgreift. In Bezug auf die Jugendsprache hat sich der Langenscheidt-Verlag an die Spitze gesetzt, jedes Jahr gibt er ein „Lexikon 100 Prozent Jugendsprache“ he-raus. Mit der Kampagne „Jugendwort des Jahres“ hat er ein günstiges Mittel für die Werbung gefunden. Seit dem Jahre 2008 wird im Internet aufgerufen, Wörter, Begriffe oder Ausdrücke, die typisch für die Jugendsprache sein sollen, einzusenden. Die zehn häufigsten werden herausgefiltert und zur Wahl gestellt. Die ersten drei werden entsprechend den erzielten Stimmen als Platz 1, 2 und 3 veröffentlicht. Die Ergebnisse werden auch in der Tagesschau des ARD-Fernsehens verkündet. 2020 wurde der Langenscheidt-Verlag von PONS übernommen (vielleicht haben Sie auch ein Wörterbuch von PONS im grünen Einband zu Hause?), da gab es auf Beschluss des Konzernvorstands keine Wahl eines Jugendworts.

Für 2021 hat es „cringe“ auf den ersten Platz geschafft. In sprachlicher Hinsicht, so könnte man meinen, sind wir, Deutschland, mehr und mehr eine Kolonie von Großbritannien oder den USA, also die englische Sprache ist immer mehr auf dem Vormarsch. Nehmen wir die Erklärung und Übersetzung aus einem PONS-Wörterbuch: cringe vi (vi = intransitives Verb): sich ducken, schauern, feel uncomfortable. we all cringed with embarrassment – das war uns allen furchtbar peinlich. In einem anderen, einsprachigen Wörterbuch finden wir auch einen Satz wie: It makes me cringe when I think how stupid I was. Und welche Erklärung gibt es für den Gebrauch dieses Wortes in der Sprache von Jugendlichen in Deutschland? cringe – Bezeichnung für etwas Peinliches, eine Situation oder Handlung einer Person, für die man sich fremdschämt. Von englisch cringe = zurückschrecken, erschaudern. Wir können uns natürlich fragen, ob „cringe“ auch Eingang in den allgemeinen Wortschatz unserer Sprache findet, das heißt, ob auch ältere Menschen darauf zugreifen oder zumindest den Sinn verstehen.

Die Kampagne zur Suche eines Jugendwortes läuft also schon mehrere Jahre. Da wollen wir uns ansehen, mit welchen Ausdrücken wir in der Vergangenheit beglückt worden sind. Von den drei bestplazierten Wörtern eines Jahres geben wir hier nur den 1. Platz mit einer kurzen Erläuterung an.

2008: Gammelfleischparty – Party für Menschen über 30 Jahren, Ü-30-Party
2009: hartzen – Arbeitslos sein, „rumhängen“
2010: Niveaulimbo – Ständiges Absinken des Niveaus, aus dem Ruder laufende Partys und sinnlose Gespräche unter Jugendlichen
2011: Swag – Beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung
2012: YOLO – Abkürzung von „you only live once“; Aufforderung, eine Chance zu nutzen
2013: Babo – Boss, Anführer, Chef
2014: Läuft bei dir – Wenn jemand Erfolg oder Glück hat. „Du hast es drauf!“; cool, krass; wird auch ironisch genutzt.
2015: Smombie – Ein zusammengesetztes Wort aus den Begriffen „Smartphone“ und „Zombie“. Damit sind Menschen gemeint, die durch den ständigen Blick auf ihr Smartphone so stark abgelenkt sind, dass sie ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen.
2017: I bims – Ich bin ´s- (bewusste Verdrehung und Einfügung falscher Buchstaben)
2018: Ehrenmann, Ehrenfrau – Freundlicher, höflicher Mensch, Gentleman, Lady
2019: (Wahl eines Jugendwortes ausgefallen)
2020: lost – Ahnungslos, verloren, verirrt von englisch lost = verloren, verschollen, verirrt; Verwendung: „Du bist / ich bin total lost“
2021: cringe – Bezeichnung für etwas Peinliches, eine Situation oder Handlung einer Person, für die man sich fremdschämt. Von englisch cringe = zurückschrecken, erschaudern.

Nun kann man diese Wörter und Ausdrücke aus unterschiedlicher Sicht betrachten. Es ist natürlich nicht gerade schmeichelhaft, eine Ü-30-Party, also eine Feier von Menschen mit einem Alter von über 30 Jahren, als Gammelfleischparty zu bezeichnen. Aber die Sicht auf Ausdrücke, die es nicht auf den ersten Platz geschafft haben, zeigt, dass die jungen Menschen durchaus ihre Umwelt kritisch wahrnehmen und auch zu sich selbst kritisch sind. So stand 2008 auch “Bildschirmbräune” zur Diskussion. Damit waren die gemeint, die in ihrem Computerzimmer sich vor sonnenbedingtem Hautkrebs schützen. Und “Snombies” – siehe oben. Die bisherige Bundeskanzlerin war auch im Visier der Jugendlichen. Mit dem Ausdruck “merkeln” sollte die Bedeutung “nichts tun, keine Entscheidung treffen” verbunden werden, abgeleitet von ihrem Regierungsstil. “Bankster” stand 2009 auf der Tagesordnung, zusammengesetzt aus Banker und Gangster, ganz passend zu den damals herrschenden Bankenbossen, die in ihrer Gier der ganzen Welt mehr als nur eine Finanzkrise eingebracht haben. Wenn Sie gerne mal ein Bier trinken, dann können Sie sich mit “Im Augenblick bin ich ganz unterhopft” bemerkbar machen (Jahr 2009, 3. Platz der Wertung). Das Wort von 2017 – “I bims” – als ganz bewusste Auslassung von Buchstaben erinnert mich an die Studentenzeit, als wir als Pflichtfächer Marxmus und Lenmus (Marxismus, Leninismus) hatten. Alles, was wir schön und angenehm fanden, bezeichneten wir als “Das bietet!”.

Auch wenn bei manchen Jugendwörtern etwas dran ist, was wir vielleicht als Überspitzungen einschätzen, so sollten wir doch nicht die Nase rümpfen. Denken wir lieber an die schönen alten deutschen, leider wenig gesungenen, Volkslieder “Lasst doch der Jugend, der Jugend, der Jugend ihren Lauf!”, denn “Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr”.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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