Freitag, September 17, 2021
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Da baut sich was zusammen

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Bauprojekte rufen immer Gegner hervor, vor allem wenn es um die Vermeidung von Bodenversiegelung und um geforderten Klimaschutz geht. Aber lassen sich die Wohnwünsche und Bedingungen dadurch wirklich in eine gewünschte Richtung
steuern? Manche Wohn-Fakten zeigen das Gegenteil.

Im Jahr 2020 wurden in Deutschland rund 19,3 Millionen Wohngebäude gezählt. Jährlich wächst der Bestand an Wohngebäuden und damit auch die Gesamtgröße der Wohnfläche in Wohngebäuden – 2020 waren es insgesamt rund 3,81 Milliarden Quadratmeter. Jedem Einwohner in Deutschland stehen somit 47,4 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Die Anzahl der Wohnungen in Wohngebäuden nimmt jährlich zu. Die meisten der bestehenden Wohnungen befinden sich in Mehrfamilienhäusern, knapp ein Drittel in Zweifamilienhäusern. Die meisten Wohnungen befinden sich im am dichtesten besiedelten Bundesland Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg. Trotzdem wohnen im genannten, starkbesiedelten Bundesland mehr Personen in einer Wohnung als beispielsweise in Sachsen-Anhalt.

Was befeuert diese Entwicklung? Während die Bevölkerung in Deutschland nicht mehr gravierend zunimmt, wächst dennoch die Wohnfläche kontinuierlich. Ein Grund dafür könnte – und dies wird vor allem in Sachsen-Anhalt deutlich – die zunehmende Anzahl älterer Menschen sein, die häufiger als Single leben. Manche haben ihren Partner durch Tod verloren, andere bleiben nach einer Trennung allein. Die Kinder sind seit langem aus dem Haus, die Eltern bleiben auf der gesamten Familienwohnfläche wohnen. Dies ist die eine Quelle für stetig wachsende Wohnflächen. Aber auch der Wunsch nach großen offenen Räumen ist im Wohlstandsland Deutschland ungebrochen.

In Deutschland gab es im Jahr 2019 rund 41,5 Millionen Privathaushalte. Den häufigsten Haushaltstyp stellen dabei die Alleinlebenden (Ein-Personen-Haushalte / Single-Haushalte) dar. Allein 17,56 Millionen Einpersonenhaushalte gab es im Jahr 2019. Von diesen Single-Haushalten konnte sich bisher lediglich knapp mehr als ein Viertel den Traum vom Eigenheim erfüllen. Mehr als 70 Prozent der Ein-Personen-Haushalte in Deutschland leben weiterhin zur Miete. Mit rund 58 Prozent gilt dies ebenso für die Mehrheit der Deutschen insgesamt. Durchschnittlich müssen diese Haushalte etwas mehr als ein Viertel ihrer Nettoeinkommen für die Mietzahlungen (bruttokalt) aufbringen. Bei Ein-Personen-Haushalten liegt die Mietbelastungsquote sogar bei knapp mehr als 30 Prozent.

Insgesamt lag der Anteil der Wohnkosten der privaten Haushalte in Deutschland am gesamten verfügbaren Haushaltseinkommen im Jahr 2018 bei etwa 26,1 Prozent. Die Wohnkosten setzen sich zusammen aus den Ausgaben für Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung. Die Quote der Überbelastung durch Wohnkosten belief sich im selben Jahr auf ca. 14,2 Prozent. Die Quote der Überbelas-tung durch Wohnkosten entspricht dem in privaten Haushalten lebenden prozentualen Anteil der Bevölkerung, bei dem die Wohnkosten insgesamt (abzüglich Wohnungsbeihilfen) sich auf mehr als 40 Prozent des verfügbaren Nettoeinkommens (abzüglich Wohnungsbeihilfen) belaufen. In dichtbesiedelten Gebieten Deutschlands waren sogar etwa 17,6 Prozent der privaten Haushalte überbelastet durch Wohnkosten.

Um Kosten zu sparen ziehen mittlerweile viele erwachsene Deutsche in Wohngemeinschaften. Laut der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse, kurz AWA, leben derzeit rund 4,8 Millionen Bundesbürger in einer WG. Etwa 1,37 Millionen dieser WG-Bewohner sind zwischen 20 und 29 Jahren alt. Dies entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung in dieser Altersgruppe von ca. 14,3 Prozent. Gerade Studenten bevorzugen diese Art des Zusammenlebens, zeigt sich doch, dass in den letzten Jahren in typischen Studentenstädten – wie fast überall in den deutschen Ballungsräumen – die Mietpreise stetig angestiegen sind. Die höchsten Mietpreise des Landes werden derzeit in der bayerischen Landeshauptstadt München verlangt.

Obwohl klimaschutz-politisch mehr Energieeinsparung gefordert wird, treiben Wohnwünsche den Verbrauch von Wärme und Strom an. Während sich ein großer Teil der Bevölkerung modernen Wohnraum – egal, ob als Eigentum oder zur Miete – leis-ten kann, bleiben viele Menschen im unteren Einkommensbereich auf günstigen Wohnraum angewiesen. Die viel beschworene Schere zwischen Armen und Superreichen ist statistisch oft das geringere Übel. Die Unterschiede verschärfen sich unter mittleren und geringen Einkünften. Wer es sich leis-ten kann, zieht in vermeintlich sichere Wohngebiete mit Urbanität und Angebotsvielfalt für die Freizeit, andere mit wirtschaftlich schwacher Erwerbsbiografie können Großsiedlungen kaum verlassen bzw. werden durch steigende Mieten dahin zurückgedrängt. Auch wenn vielfach der Wunsch existiert, weniger Flächenverbrauch zu beanspruchen bzw. Bodenversiegelung zu vermeiden, würden Verbote in diese Richtung begehrte Wohnviertel verteuern und soziale Brennpunktgebiete möglicherweise noch mehr benachteiligen. (tw)

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