Sonntag, August 14, 2022
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Dämonen mit Diäten bekämpfen

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Diäten sollen unseren Körper entgiften, vor Zivilisationskrankheiten schützen oder zu einer
Traumfigur verhelfen. Oft werden die Erwartungen aber enttäuscht. Doch es gibt auch Überraschungen.

Von Prof. Dr. Peter Schönfeld

Wenn ein Mensch plötzlich an einem Herztod verstarb oder einen epileptischen Anfall bekam, glaubte man im Mittelalter, dass dieses das Werk von Dämonen ist. Deshalb warnte die Kirche Ärzte davor, Epileptikern zu helfen. Nach dem Schlaganfall und der Alzheimer Erkrankung nimmt die Epilepsie („Fallsucht“, „Krampfleiden“) den 3. Platz unter den neurologischen Erkrankungen ein. Weltweit soll es 1% Betroffene geben. Dostojewski ist nur einer von den vielen berühmten Namen, die mit Epilepsie gelebt haben. Auch Napoleon gehörte dazu. Er hatte allerdings das Glück, dass ihn die Anfälle nur im Schlaf ereilten, und nicht auf dem Schlachtfeld. Das Anfallsleiden war schon in der Antike gut bekannt. So besagt ein unter König Hammurapi von Babylon (1728-1686 v. Chr.) verfasster Gesetzestext, dass ein gekaufter Sklave bis spätesten einen Monat nach dem Kauf zurückgegeben werden kann, wenn dieser an der Epilepsie leidet. Der Grund für diese großzügige Regelung liegt auf der Hand, er taugte nicht für die Arbeit.

Ein epileptischer Anfall wird immer durch einen sogenannten Trigger ausgelöst. Das kann Stress, Schlafmangel, körperliche Erschöpfung, grelles und flackerndes Licht, Sauerstoffmangel oder Alkohol sein. In seltenen Fällen ist es auch nur Musik, wie der Neurologe Oliver Sacks in einem seiner Bestseller („Musicophilia“) beschreibt.

Eine Krankheit mit vielen Namen
Unsere Vorfahren hatten ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu dem Anfallsleiden. Für die Griechen war es eine „Heilige Krankheit“ („hiera nosos“). Die Römer hatten für die Krankheit gleich mehrere Namen. Einer davon war die „Mondsucht“ („Morbus lunaticus“). Sie glaubten, dass der Wechsel der Mondphasen einen Einfluss auf das Anfallsgeschehen hat. Auch waren sie davon überzeugt, dass Epilepsie ansteckend ist. In Rom wurde deshalb sofort eine Volksversammlung (lat. Comitia) abgebrochen, wenn ein Anwesender einen epileptischen Anfall bekam. Daher der Begriff des „Komitientleidens“. Wegen der Angst vor Ansteckung gerieten Epileptiker in das soziale Abseits, man machte einen Bogen um sie. Das wurde mit dem Namen „Morbus insputatus“ ausgedrückt, was frei übersetzt heißt, „Die Krankheit, vor der man ausspuckt“. Besonders im mittelalterlichen Christentum wurde die Epilepsie zu einer „dämonischen Krankheit“. Davon berichtet auch die Bibel in den Erzählungen von der „Heilung des Besessenen aus Gerasa (in Markus 5, 1-20, in Matthäus 8, 28-34 und in Lukas 8, 26-39) und der „Heilung des epileptischen Knaben“ (in Markus 9,14-29). Nur die strenge Einhaltung der religiösen und gesellschaftlichen Normen galt als Schutz vor der Inbesitznahme des Körpers durch teuflische Dämonen. Wurde man trotzdem deren Opfer, musste sich der Betroffene einer exorzistischen Behandlung unterwerfen.
Warum erregte Epilepsie in allen Epochen so viel Aufmerksamkeit?

Das lag an der Bestürzung, die der Anblick der unkontrollierten Bewegungen eines krampfenden Epileptikers bei Menschen auslösen konnte, wenn der ganze Körper von einem „grand mal“ (großer Anfall) betroffen war. Dostojewski hat in seinen Romanen die Epilepsie literarisch verarbeitet. Es sind die zentralen Romangestalten, wie der Fürst Myschkin in „Der Idiot“ und der Vatermörder Smerdjakow in den „Brüdern Karamasow“, die mit der Epilepsie geschlagen sind. Bei Dostojewski ist der epileptische Anfall immer die Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis, obwohl er wusste, dass seine eigene Epilepsie (eine Schläfenlappenepilepsie) eine erbliche Wurzel hatte. Im Dritten Reich wurde sie zu einer gefährlichen Erbkrankheit gemacht und damit im „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ gelistet. Danach konnten Epileptiker zwangssterilisiert werden. Aus heutiger Sicht ist es befremdend, dass es in England den Epileptikern bis in die 1970er Jahre gesetzlich verboten war zu heiraten. In Indien und China ist Epilepsie auch heute noch ein anerkannter Scheidungsgrund.

Wie ein Gewitter im Gehirn
Dass die Menschen des Mittelalters im Anfallsgeschehen eine „dämonische Erkrankung“ sahen, ist ein Rückschritt gegenüber der Antike. Denn der Urvater der Ärzte, Hippokrates von Kos (460 v. Chr. – 370 v. Chr.), vertrat bereits die Ansicht, dass es sich bei der Epilepsie um eine natürliche Erkrankung des Gehirns handelt. Es dauerte dann allerdings noch mehr als 2000 Jahre bis der englische Neurologe John Hughlings Jackson (1835 – 1911) dem Wesen der Epilepsie sehr nahekam. Aus seinen genauen Beobachtungen des Anfallsablaufes zog er intuitiv die Schlussfolgerung, dass die krampfende Muskulatur nur das sichtbare Symptom, nicht aber die Ursache der Krankheit ist. Nach seinem Verständnis wurde die Muskelaktivierung durch eine energetische Entladung von Teilen des cerebralen Nervengewebes ausgelöst. Er verglich diese Entladung mit dem Abbrennen von Schießpulver in bestimmten Nervenzellen. Heute gibt es dafür das Bild von einem „Gewitter im Gehirn“. Und wenn es „blitzt“, strömen große Mengen an Ca2+-Ionen durch Membrankanäle in das Innere der Nervenzellen. Wenn das passiert, ist die ursprüngliche Rolle der Ca2+-Kanäle, den kontrollierten Eintritt von Ca2+-Ionen in die Nervenzelle zu steuern, verloren gegangen.

Sind Darmbakterien schuld?
Zwischen dem Darm und dem Gehirn gibt es eine rege Kommunikation. Vielfältige Signale werden von den Darmbakterien, z. B. als Essig-, Propion- und Buttersäure, an das Gehirn gesendet. Dadurch wird u. a. der „Filter“ zwischen dem Blutkreislauf und dem Gehirnmilieu („Blut-Hirn-Schranke“) intakt gehalten. Interessanterweise exis-tiert ein gravierender Unterschied in der Zusammensetzung der Darmflora bei den Epileptikern, die nicht auf Medikamente ansprechen. Deren andere Bakterien scheinen von ursächlicher Bedeutung für das Anfallsgeschehen zu sein. Bei den Betroffenen lässt sich über eine Manipulation der Darmflora durch probiotische Ernährung die Anfallshäufigkeit reduzieren. Ein anderes Beispiel ist die Krankengeschichte eines 22-jährigen Epileptikers. Dieser blieb nach einer Stuhltransplantation von einem Gesunden lange Zeit anfallsfrei. Alle Ergebnisse zusammengenommen legen nahe, dass ein normaler „Bakterien-Cocktail“ im Darm zur Kontrolle des Anfallsgeschehens beiträgt. Übrigens, die Darmflora beeinflusst auch die Alzheimer- und Parkinson-Erkrankung.

Hilfe aus dem Abfall
Die Römer behandelten die Epilepsie mit ihrem Allheilmittel, dem Theriak (theriaca = wildes Tier), einer Mischung von bis zu 64 recht exotischen Bestandteilen (Mineralien, Opium, Meereszwiebel, Vipernfleisch…). Das erste wirksame Mittel zur Behandlung der Epilepsie wurde vor 200 Jahren in der bei der Meeressalzgewinnung anfallenden Mutterlauge, also im Abfall, gefunden. Antoine Jerome Balard, ein junger französischer Chemiker, isolierte daraus eine dunkelbraune Flüssigkeit. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei dieser um ein bisher noch unbekanntes Element handelte, das dem Jod ähnlich ist. Weil das neue einen beißenden Gestank verbreitet, wurde es Brom getauft (bromos = Gestank). Zuerst sah man im Brom einen Ersatz für Jod, das als Kaliumjodid zur Behandlung der Syphilis eingesetzt wurde. Aber Kaliumbromid erwies sich dafür als ungeeignet.

Die Popularität des Kaliumbromids als Antiepileptikum begann auf einer Versammlung der Chi-rurgischen Gesellschaft in London (1857). Dort gab es einen Tagungsschwerpunkt zur Hysterie. Nach der damaligen Auffassung betraf diese nur Frauen und man sah die Ursache in deren Sexualleben verankert. Deshalb wurde auch das altgriechische Wort für die Gebärmutter (ὑστέρα hystéra) der Namensgeber für die Hysterie. Sir Charles Locock, der Frauenarzt von Königin Victoria, hatte in einer deutschen Publikation gelesen, dass Kaliumbromid vorübergehend impotent macht. Er vermutet deshalb, dass das Salz die Hysterie von Frauen mit einem hyperaktiven Libido beruhigt, was auch oft zutraf. Daraufhin entschloss er sich, Epileptiker mit Kaliumbromid zu behandeln, was auch in vielen Fällen erfolgreich war. Für diejenigen unter uns, die auf die Heilkraft der Schüßler-Salze setzen, ist es das Salz mit der Nr. 14. Nach dem Kaliumbromid kamen das Phenobarbital (1912), das Diphenylhydantion (1953), die Valproinsäure (1962) und noch viele andere Stoffe. Das waren alles Zufallsentdeckungen. Trotz der heute vorhandenen großen Palette von Antiepileptika gibt es Formen der Epilepsie, die auf keine der Medikamente ansprechen, was wiederum etwa ein Drittel der Epileptiker betrifft.

Auch Fasten und Diäten helfen
Viele versprechen sich von Diäten einen Schutz gegen Zivilisationskrankheiten oder eine Traumfigur. Oft erfüllen sich aber die Erwartungen nicht. Es kam deshalb fast einer Sensation gleich, dass sich medikamenten-resistente Formen der Epilepsie oft mit Fasten erfolgreich behandeln lassen. In Paris hatten am Beginn des 20. Jahrhunderts zwei Ärzte epileptische Kinder und Erwachsene auf „Hunger gesetzt“. Dabei fiel ihnen auf, dass bei diesen das Anfallsgeschehen viel weniger dramatisch verlief. Danach waren es amerikanische Ärzte, die die positive Wirkung des Fastens auf das Anfallsgeschehen exakt dokumentierten. Fasten bedeutet, dass sich der Körper auf die Verbrennung von gespeichertem Körperfett umstellen muss. Da es aber beim Fasten an Kohlenhydraten mangelt, wird das Fett in den Zellen nicht bis zu Wasser und Kohlendioxid verbrannt. Deshalb müssen auch Medizinstudenten seit Generationen lernen, dass „Fette im Feuer der Kohlenhydrate brennen müssen“. Bei der unvollständigen Fettverbrennung werden stattdessen massiv Ketonkörper gebildet, saure Abbauprodukte der Fettsäuren mit 4 Kohlenstoffatomen.

Zur dauerhaften Behandlung des Anfallsgeschehens ist Fasten aber nicht geeignet. Glücklicherweise lässt sich der Fasten-Stoffwechsel auch mit Diäten simulieren. Dazu muss man sich fettreich, aber kohlenhydrat-arm ernähren. Heute heißt das „low-carb-Diät“ oder „ketogene Diät“. Ärzte der berühmten amerikanischen Mayo-Klinik haben mit einer solchen Diät vor 100 Jahren die Behandlung begonnen und überwiegend gute Erfahrungen bei epileptischen Kindern erzielt. Deshalb gab es zwischen 1940 und 1980 kein Lehrbuch über die Epilepsie ohne ein Kapitel über die „ketogene Diät“. Später, mit der Entwicklung neuer Antiepileptika, geriet die Diät mehr und mehr aus dem Blickfeld. Erst eine Fernsehdokumentation über Charlie, einen zweijährigen Jungen, der nicht auf Medikamente reagierte, aber den die Diät anfallsfrei machte, leitete die Renaissance der „ketogenen Diät“ ein. Dazu hat auch ein Film (1997) mit der Schauspielerin Merryl Streep („First Do Not Harm“) viel beigetragen.

Aber wie kann eine „ketogene Diät“ das „Gewitter im Gehirn“ verhindern? Eine klare Antwort da-rauf gibt es bisher nicht. Vieles spricht allerdings dafür, dass die Ketonkörper in den zellulären Stoffwechsel des Adenosins eingreifen, und zugleich auf bestimmte Kalium-Kanäle einwirken. Sie helfen auch beim Einsparen von Traubenzucker während des Fastens und sind zugleich Regulatoren für die Bildung der sogenannten Neurotransmitter (Signalmoleküle). Nebenbei gesagt, ohne die Ketonkörper könnten wir bei einem strengen Fasten geistig nicht fit bleiben.

Der Glaube an krankmachende Dämonen ist noch aktuell
Ein Beispiel dafür ist das westafrikanische Burkina Faso. Dort werden psychisch Kranke und Epileptiker von der Gesellschaft ausgeschlossen, weil man auch heute noch Dämonen für ihre Leiden verantwortlich macht und die Angst vor der Ansteckung fortlebt. Oft fristen die Betroffenen angekettet und ausgegrenzt am Rande der Dörfer ein elendiges Dasein. Die in diesem Kulturkreis lebenden Menschen trauen der westlichen Medizin nicht und glauben auch nicht, dass psychische Krankheiten oder Epilepsie durch Stress und Gendefekte verursacht werden können. Mitglieder der „Vereinten Evangelischen Mission“ berichten von ihrer Auslandstätigkeit, dass „der Glaube an Dämonen, an Flüche, an Hexerei weit verbreitet unter vielen Gläubigen ist.“ Aber diesen Glauben gibt es auch noch bei unseren Nachbarn. In Italien sollen jährlich eine halbe Million Menschen die Hilfe eines Teufelsaustreibers (Exorzisten) suchen und im polnischen Kattowitz wurde von der katholischen Kirche 2019 ein Ausbildungszentrum für Exorzisten geschaffen. Und Papst Franziskus hat 2019 erklärt, dass die sexuellen Übergriffe der Priester gegenüber Minderjährigen nur durch Einflüsterungen des Satans möglich wurden.

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