Darf man für den FCM beten?

Luther sagte: „Woran du dein Herz hängst, da ist dein Gott.“ Zwischen Kirche und Fußball gibt es Berührungspunkte.

Da hilft nur noch beten! Wie oft wurde dieser Satz in der Vergangenheit wohl bemüht, wenn es wieder einmal um eine ziemlich aussichtslos erscheinende Situation beim 1. FC Magdeburg ging. Da hilft nur noch beten: ein Satz, lapidar, von den Anhängern nur so dahingesagt? Egal, ob sie nun geistlich gebunden sind oder nicht. Oder steckt hinter diesen fünf Worten eventuell mehr?

Fußball, das ist nicht von der Hand zu weisen, besitzt zweifellos religiöse Züge: das – in normalen Zeiten, wohlgemerkt – Gemeinschaftsgefühl im Stadion, das kollektive Hoffen und Bangen. Spieler werden angehimmelt, quasi-religiöse Jubelgesänge angestimmt. Die Stimmung in den Arenen erreicht oft himmlische Sphären, manche Duelle auf dem Rasen sind mit einem Höchstmaß an Religiosität aufgeladen. Als wissenschaftlich belegt gilt, dass der Fußball liturgische Elemente kennt. Schon vom klugen Luther stammt der Satz: „Woran du dein Herz hängst, da ist dein Gott.“

Also: Nicht nur, weil die Weihnachtstage gerade vor der Tür stehen und die Blau-Weißen wieder einmal tief im Tabellenkeller sitzen, die Frage: Darf man eigentlich für den 1. FC Magdeburg beten? Wer sich ein wenig tiefer mit dem kirchlichen Leben und mit der kirchlichen Literatur vertraut macht, für den kann die Antwort, wohlgemerkt aus Laiensicht, nur lauten: Ja, warum denn nicht! Fußball und Glaube faszinieren Millionen. Beide verfügen über die Kraft, Menschen friedlich zusammenzubringen. Beim Fußball, sagt die evangelische Kirche, erleben die Menschen Hoffnung und Enttäuschung, Freude und Niedergeschlagenheit, Gemeinsamkeit und Unterscheidungswille. Alles Dinge, um die sich die Religion sorgt.

Ganz deutlich wird der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki. Man darf für alles beten, auch für den Fußball-Gott, erklärt der bekennende Fan des Bundesligisten 1. FC Köln. „Der liebe Gott hat ein Ohr für die Hoffnungen der Menschen. Da ist auch ein Stoßgebet für den FC in Ordnung.“ Und fügt hinzu: „Der Glaube kann sehr motivierend sein.“ Der Kirchenmann ist sich zudem nicht zu schade, sich direkt ins Vereinsleben einzuschalten. „Jetzt ist es wichtig“, mahnte er einst, „dass im Verein Ruhe einkehrt und sich die Mannschaft auf das Wesentliche konzentrieren kann: den Aufstieg in die Bundesliga”. Anderes Beispiel: Aussprüche wie die des kürzlich verstorbenen Argentiniers Diego Maradona von der „Hand Gottes“ oder die des deutschen Radioreporters Herbert Zimmermann, der beim WM-Finale 1954 ins Mikrofon schrie „Tuni Turek Fußball-Gott“ sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
Einen interessanten Gedanken steuerte der Magdeburger römisch-katholische Bischof Gerhard Feige bei. Während der WM 2006 in Deutschland schlug er bei einer Wallfahrtsmesse in Huysburg den Bogen vom Fußball zum alltäglichen Leben jedes einzelnen. Als Christ, so Feige in seiner Predigt, könne man nicht irgendwo auf den Rängen sitzen, zuschauen und höchstens kluge Bemerkungen machen. Christen gehörten in das Team auf dem Rasen, ein Team, das sich auch über die Mittellinie hinauswagt. Man könnte meinen, er habe etliche Spiele des FCM gesehen …

Eine Brücke geschlagen zwischen Fußball und Kirche wird seit einigen Jahren beim Weihnachtssingen in deutschen Stadien. In Magdeburg war die Arena im letzten Jahr mit weit über 20.000 Menschen prall gefüllt. Mehr, als in coronafreien Zeiten zu den Spielen kommen. Im Kölner Dom kamen 4.000 Anhänger des 1. FC zum Auftakt der Bundesliga-Saison zu einer ökumenischen Fan-Andacht in die Kathedrale. Gebetet wurde für faire Spiele und die Einsicht, dass Gewalt und Hass im und vor den Stadien mit dem Gedanken des Sports nichts zu tun haben. Mit der Einrichtung von Stadionkapellen – allein in Bundesliga-Arenen existiert eine Handvoll (u. a. in Leipzig und im Berliner Olympiastadion) – macht die Kirche zudem deutlich, dass sie dorthin geht, wo Menschen sind, um ihren Auftrag von Verkündigung und Seelsorge auszuüben, um ihren Dienst am Menschen zu tun und mit den Menschen das Leben zu teilen.
Ein Stoppzeichen ist allerdings dort gesetzt, wo religiöse Gefühle verletzt werden. So wie das der Privatsender Sat.1 vor Jahren in einem Spot mit einer „Abwandlung“ des Vaterunser tat. „Lieber Fußballgott“, wurde dort zu Orgeltönen und dem Gesang betender Mönche eingeblendet. Zu sehen sind Bayern-Spieler, die über den Platz rennen, Tore schießen, jubeln. Eine sonore Stimme deklamiert: „Dein Ball komme, dein Spiel geschehe, unsere Tore gib uns heute, und vergib uns unsere Fouls, wie auch wir vergeben den Schiedsrichtern. Führe uns nicht ins Abseits, sondern bewahre uns vor Kontern. Denn dein ist das Spiel und der Sieg und die Champions-League in Ewigkeit.”

Wie gesagt, Religiosität im Fußball hat ihre Grenzen. Niemand sollte auf die endgültige Errettung hoffen, auf den ewigen Pokalsieg. Und natürlich ist Fußball keine eigenständige Religion. So viel Lebensinhalt und Ablenkung er dem Einzelnen bieten mag – erlösen kann er nicht. Rudi Bartlitz