Dienstag, November 29, 2022

Das Comeback der „Solo Sunny“

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Kultfilm in Deutschlands Osten und international ausgezeichnet: „Solo Sunny“ erzählt die Geschichte einer unkonventionellen Frau, die ihren Weg sucht. Jetzt wird sie wiederbelebt auf Magdeburgs Theaterbühne, in persona von Carmen Steinert.

Bereits als der Film 1980 ins Kino kam, sorgte er für Gesprächsstoff im Land. Das sei nicht beabsichtigt gewesen, sagt später Drehbuchautor und Regisseur Wolfgang Kohlhaase im Interview. Doch was da über die Leinwand flimmerte, war ungewöhnlich und in einer Ehrlichkeit, wie sie im Land DDR selten öffentlich gezeigt worden ist. Wo die Gemeinschaft im Mittelpunkt stehen sollte, ging es plötzlich um den speziellen Weg einer Frau, die ihren Traum verwirklichen will, aller Widrigkeiten zum Trotz. Eine Frau, die sich nicht um Regeln und Grenzen schert – eine Einstellung, die sie im normativen System zur Außenseiterin werden lässt. Grundlage ist die reale Lebensgeschichte von Sanije Torka, mit der es 1976 ein Interview gegeben hatte, das zu DDR-Zeiten aber nie veröffentlicht worden ist. Für die Darstellung der „Solo Sunny“ wurde Renate Krößner 1980 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Carmen Steinert ist nicht nur jünger als der Film, sie ist auch in einem anderen Land aufgewachsen:  geboren 1994 in Graz, lebte sie in Oberösterreich und Wien, bevor sie das Schauspielstudium nach Graz zurückführte. Wenngleich es die Familie einige von Carmens Kinder(garten)jahren zwischenzeitlich nach Halle an der Saale gezogen hatte. Nach Sachsen-Anhalt zurückgekehrt ist sie durch das Vorspielen zum Ende des Schauspielstudiums. Traditionell ist dies ein Anlass für Theatervertreter, nach jungen Talenten Ausschau zu halten. Die Magdeburger luden Carmen Steinert zu einem Einzelcasting. Es verlief kurz und verbindlich: Die junge Mimin bekam ein Angebot und nahm es an. Seit der Spielzeit 2017/18 gehört sie zum hiesigen Ensemble. Sie debütierte als Ismene in der Eröffnungsinszenierung „Antigone und Ödipus“. Für ihre Leistungen erhielt sie 2019 den Förderpreis des Fördervereins Theater Magdeburg e. V. Sie überzeugte in Aufführungen nach geschichtlichen Vorlagen wie „Das siebte Kreuz“ ebenso wie im modernen „Und jetzt: Die Welt!“ .

Sie fühlt sich in Magdeburg angekommen, erzählt Carmen Steinert. Anfangs sei es ungewohnt gewesen, erinnert sie sich, weil die Mentalität der Menschen anders ist als in ihrer österreichischen Heimat. „Dort sind alle so überaus freundlich“, meint sie schmunzelnd, „hier wirkt es erst einmal nicht so, wenn man neu ist.“ Doch mit der Zeit lernte sie die Magdeburger kennen und lieben. „Ich fühle mich sehr wohl hier.“ Sie hat es schätzen gelernt, dieses Reden ohne großes Drumherum. „Da weiß man wenigstens, woran man ist.“ Mittlerweile irritiert es sie mehr, wenn sie in die „alte“ Heimat zurückkehrt, sagt sie lachend: „Da denke ich manchmal: kommt doch einfach auf den Punkt.“

In ihrer neuen Rolle geht es noch einen Schritt weiter: Protagonistin Sunny trägt ihr „Herz auf der Zunge“, sagt in unverblümter Direktheit, was ihr gerade in den Sinn kommt. „Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Huch, was ist das denn?!“, erzählt Carmen Steinert. So eine Art Film hatte sie noch nicht gesehen. Sie hatte ihn auf DVD gekauft, um sich auf die Rolle der Sunny vorzubereiten, und dann mehrfach angesehen. Nach der ersten Irritation siegte die Begeisterung: „Die Sunny ist eine faszinierende Frau“, schwärmt Carmen Steinert, „eine, die weiß, was sie will und sich von ihrem Weg nicht abbringen lässt“. Von der sich auch heute noch lernen lässt. Die Mut machen kann, für die eigenen Interessen einzustehen ohne ständig die Konsequenzen abzuwägen. „Das ist sehr erfrischend.“
Der Film hatte bereits zuvor andere Theater zu Inszenierungen inspiriert. Neu ist, dass sich die Magdeburger Theaterfassung direkt am Film orientiert. Eine Herausforderung ans Darstellerische. Es macht aber auch den textlichen Unterschied zu anderen Bühnenstücken deutlich. Es gibt weniger Text, erklärt Carmen Steinert, und der ist meist kurz und knapp. „Sehr angenehm.“

Neben der Handlung hat die Musik von Günther Fischer zum Erfolg des Films beigetragen. „She’ s Sunny, they will say. Someday“ ist ein Titel, dessen Faszination bis heute nichts verloren hat. „Ihr Lied wird immer größer für sie, und wird von einer tollen Band gespielt.“ Für die Inszenierungen finden sich die musikalischen Schauspieler zur Band „Die Tornados“ zusammen und werden live zu erleben sein. In Vorbereitung dessen gibt es nicht nur Schauspiel-, sondern ebenso musikalische Proben. „Es macht Spaß, nicht nur zu schauspielern“, freut sich Carmen Steinert auf die Herausforderung. Der Gesangspart im Film war von Jazzsängerin Regine Dobberschütz übernommen worden. An das Original heranzukommen, sei „nicht ganz einfach“. Neben Sunnys filmprägendem Gesang werden aber auch andere Lieder der damaligen Zeit zu hören sein, verrät Carmen Steinert.
Ihre Familie aus Graz und Freunde aus Halle werden zu einer der ersten Vorstellungen gemeinsam anreisen. Prominenter Besuch wird bereits zur Premiere erwartet: Sowohl Autor Wolfgang Kohlhaase als auch Komponist Günther Fischer haben ihr Kommen angekündigt.

“Solo Sunny”, von Wolfgang Kohlhaase, nach dem gleichnamigen Film, mit
der Musik von Günther Fischer, in einer Fassung des Theaters Magdeburg.
Premiere: 29. April, 19.30 Uhr, Schauspielhaus. Weitere Termine unter
www.theater-magdeburg.de

Birgit Ahlert

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