Das Comeback des Yoan Pablo Hernandez ist in Magdeburg gescheitert

Ein Experiment und seine Geschichte : Das Comeback des Yoan Pablo Hernandez ist in Magdeburg gescheitert. Wie der Ex-Boxweltmeister in der Altmark eine neue Heimat fand. | Von Rudi Bartlitz

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In der rauen, oft so gnadenlosen Welt des Profiboxens passiert es nicht allzu häufig, dass Verlierer am Ende bejubelt werden. Aber genau das trug sich am vergangenen Wochenende auf der Magdeburger Seebühne zu. Nach sechs Jahren absoluter Ringpause kletterte Ex-Champion Yoan Pablo Hernandez (35) erstmals wieder durch die Ringseile. Als „Comeback des Weltmeisters“ war der Auftritt des deutsch-kubanischen Schwergewichtlers, der jetzt für das hiesige SES-Team startet, medienwirksam angekündigt worden.

Als Gegner hatte man, entgegen üblicher Gepflogenheiten, keinen nebenberuflich die Fäuste schwingenden Türsteher aus Osteuropa verpflichtet, der sich nach ein, zwei oder drei Runden freiwillig in den Ringstaub wirft, sondern mit dem US-Amerikaner Kevin Johnson (40) gleich ein Kaliber der unbestritten besseren Art. Ein Mann, der schon mit Größen wie Vitali Klitschko, Tyson Fury und Anthony Joshua die Handschuhe kreuzte. So sehr es Sportler und Promoter ehrt, kein Fallobst als Kontrahenten gewählt zu haben, die bittere Quittung bekam Hernandez in der siebten Runde serviert: Der Referee nahm ihn nach mehreren harten Treffern aus dem Ring. Das Experiment, nach sechs Jahren von Null auf Hundert durchzustarten, war gescheitert. Dennoch schallten „Pablo, Pablo“ durch den mitternächtlichen Elbauenpark.

Weil: Der Mann aus der Karibik ist nicht nur wegen seines schier ewigen Lachens und seiner Freundlichkeit ein echter Sympathieträger. Auch sportlich blickt er auf eine Bilderbuchkarriere zurück: 2011 holte er sich im Cruisergewicht den IBF-WM-Titel, den er anschließend fünfmal verteidigte. Als er mit 29 Jahren seine Laufbahn wegen andauernden Verletzungen an Händen, Ellbogen und Knien vorzeitig beenden musste, wies seine Kampfbilanz 29 Siege bei 30 Auftritten auf. „Ein Ausnahmetalent“, wie sein einstiger Trainer Ulli Wegner noch heute sagt.

Bei aller Euphorie, die einst im Ring herrschte, die Schattenseiten des Lebens lernte der Modellathlet von der Sonneninsel zur Genüge kennen. Das hätte bei anderen für zwei Leben gereicht. Es begann schon kurz nachdem er sich 2004 bei einem Turnier in Halle vom kubanischen Team abgesetzt hatte. „Die Lebensbedingungen, die ich dort hatte, zwangen mich dazu“, sagte er später einmal. „Mir war aber klar, dass mir in Deutschland nichts geschenkt werden würde. Der Anfang war ganz, ganz schwer. Ich weinte oft wie ein kleines Baby. Ich war sehr verzweifelt.“

Es sollte noch schlimmer kommen. Als die Gagen stimmten, er richtig gut verdiente, geriet er in die Fänge eines skrupellosen Managers, der ihn ausnahm „wie eine Weihnachtsgans“ (Hernandez). Das gesamte Geld („viele Hunderttausend Euro, fast eine Million“) habe der ihm weggenommen. „Ich habe das nicht gemerkt“, bekannte er seinerzeit in einem „Welt“-Interview. „Ich bin getäuscht, gemein hintergangen worden. Er benutzte mich wie eine Marionette.“ Auf die Frage, wie das passieren konnte, antwortete er: „Ich bin zu gutgläubig, leider. Doch das ist nun mal mein Charakter. Ich glaube fest an Gott. Wenn ich das nicht tun würde, würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben.“

Hernandez überstand Krise und gesundheitsbedingten Rücktritt, war aber, wie es in der Boxersprache heißen würde, hart „angeknockt“. Nach einer Privatinsolvenz musste der 1,93-Meter-Mann ganz von vorn beginnen. In Berlin verdingte er sich als Möbelträger. Dort würde er möglicherweise noch heute Klaviere und Kisten schleppen, und niemand würde Notiz von ihm nehmen. Wäre da nicht der Abstecher nach Stendal gewesen, der das Leben des Yoan Pablo Hernandez in neue Bahnen lenkte.

Alles begann im Herbst 2018. Beim 1. Boxclub Altmark Stendal hatten sie den Kubaner („Einen deutschen Pass habe ich trotz aller Versuche nie bekommen.“) zu ihrer alljährlichen Gala eingeladen. Ein Ex-Weltmeister als Ehrengast, so die Überlegung, das hebt doch das Niveau der Veranstaltung ordentlich. Hernandez sagte zu – und staunte. Stendal gefiel ihm sichtlich. „So eine Kleinstadt, das wäre genau nach meinem Geschmack“, erzählte er den Boxfreunden aus der Altmark am nächsten Morgen beim Frühstück. „Auch in Kuba habe ich in einem kleinen Ort gelebt. Ich brauche keine Metropole, keinen Luxus. Hier ist es schön.“ Die Jungs vom Stendaler Klub horchten auf: Gab da etwa einer, durch die Blume, eine versteckte Bewerbung ab? Christoph Schendler, der Vereinsvorsitzende, sprach ihn später an. Und es dauerte gar nicht lange, da war Hernandez samt Familie (Frau Dana und drei Kinder) Stendaler, trainierte die Jugendlichen des Clubs. „Er war sich nicht zu schade, anfangs sogar als Hausmeister zu arbeiten“, berichtet Schendler. „Selbst für seine Frau haben wir schnell eine Arbeitsstelle gefunden.“

Die Kids des Altmark-Klubs blühten regelrecht auf, wenn ihnen ein Idol wie Hernandez erklärte (und vormachte!), wie man sich im Ring bewegt, wie man die Fäuste sprechen lässt. 70 Mitglieder zählt der erst 2014 aus der Taufe gehobene Verein inzwischen – obwohl, so Schendler, Stendal vor der Wende durchaus als eine Heimstatt des Boxens galt. „Es geht bei uns bei den Bambinis los und endet bei Fitness-Kursen für Männer und Frauen. Unser Verein macht sich auch stark für ein friedliches und tolerantes Miteinander in unserer Stadt. Mit Projekten wie ,Boxen gegen Gewalt und Mobbing – ein Sozialprojekt für Gewaltprävention‘ wollen wir dafür sorgen, Aggressionen abzubauen und ohne Gewalt auszuleben.“ Anfang des Jahres gab es für dieses Projekt den „Großen Stern des Sports in Silber“ in Sachsen-Anhalt.

Und noch etwas macht den Sportklub aus der Altmark bemerkenswert. Dessen Ehrenpräsident ist heute kein Geringerer als Trainer-Legende Wegner. Der Übungsraum am Kornmarkt trägt inzwischen sogar den verpflichtenden Namen „Ulli-Wegner-Sporthalle“. Für Hernandez, der einen Zwei-Jahres-Vertrag mit SES besitzt und nach dem missglückten Debüt nicht aufstecken will, ist dies sicher ein Signal, sich stets der Worte seines Ex-Coachs zu erinnern: „Du musst klug sein und klug boxen.“

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