Das Fahrrad im Knattergebirge

Das “Knattergebirge” Teil 3 von 3

Als kleines Mädchen wohnte Erika mit ihrer Familie im Knattergebirge. Die 1938 Geborene erzählt: „Wenn man heute hört, wie eng und bedrückend das Wohnen dort gewesen ist, so muss ich sagen, als Kind habe ich es nicht so empfunden. Ich fühlte mich sehr wohl dort. Die Wohnungen waren klein, das stimmt. Mit meiner Schwester schlief ich in einem Bett, das war für uns normal und auch schön. Abends haben Gerlinde und ich uns noch Geschichten erzählt. Dabei kannte unsere Fantasie kaum Grenzen. Wir träumten aber nicht davon, weit weg zu ziehen, vielleicht sogar in andere Länder. Es ging vielmehr darum, wie unser Leben einmal aussehen wird. Wenn der Krieg vorbei ist. Wohnen wollten wir auch in Zukunft im Knattergebirge. Das war unsere Heimat. Wir wollten nicht weg. Aber da war der Peter aus dem Nachbarhaus, der hat uns beiden gefallen. Wie würde unsere Hochzeit sein? Was haben wir gelacht bei diesen Gedanken! Geheiratet hat ihn keine von uns. Wir haben ihn nicht wiedergesehen. Nach dem 16. Januar 1945.

In meiner Erinnerung war dieser Tag zunächst ein ganz normaler, soweit man das in diesen Zeiten sagen konnte. Als die Sirenen ertönten, haben wir den kleinen Koffer genommen, der immer neben der Wohnungstür stand. Da ist das Wichtigste drin, was wir brauchen, sagte meine Mutter immer. In den Keller zu gehen, war nichts Ungewöhnliches. Doch dann dieses Dröhnen und Poltern, alles begann zu wackeln, Putz fiel von der Kellerdecke. Wir Kinder hielten uns die Ohren zu. Als es plötzlich leise wurde, blieben alle wie versteinert auf ihren Plätzen. Hält die Decke oder stürzt sie bei der nächsten Bewegung ein? Als sich jemand traute, die Tür zu öffnen, mussten erst einmal Steine weggeschoben werden. Dann war der Schock groß: Wo unser Haus sein sollte, lagen nur noch Steine. Bei uns und nebenan. Überall. Die Häuser waren verschwunden. Doch ich suchte etwas anderes: mein Fahrrad! Ich hatte es gerade erst zum Geburtstag bekommen – ein Rad nur für mich! Es war an den Handlauf unseres Hauses gekettet. Der Handlauf war weg, samt Haus – und Fahrrad! Das war das Furchtbarste für mich als Kind. Ich wusste nichts von Obdachlosigkeit, hatte keine Vorstellung davon, was uns erwartete. Es kamen schwere Zeiten. Doch am meisten erinnere ich mich noch immer an das schmerzliche Gefühl, mein Fahrrad verloren zu haben.”

PS: Später, als die Steine weggeräumt und neue Häuser gebaut worden sind, zog Erika wieder in die Jakobstraße, ins frühere Knattergebirge – dorthin, wo sie aufgewachsen war und wo sie immer leben wollte. (nach einem Erlebnisbericht aufgeschrieben von B.G. Grunwald) | Ronald Floum

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