Samstag, Mai 21, 2022
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Das Fernsehen und das Boxen

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Nach fünfjähriger Unterbrechung steigt die ARD wieder in die Faustkampf-Berichterstattung ein. Magdeburg erlebt am 28. März die Premiere. | Von Rudi Bartlitz

In die deutsche Box-Szene kommt wieder etwas mehr Bewegung. Denn die zurückliegenden, sagen wir sieben, acht Jahre zählen nicht unbedingt zu den erfolgreichsten und glanzvollsten dieses klassischen Zweikampfsports; zumindest nicht des berufsmäßig betriebenen. Manche redeten sogar schon von einem unübersehbaren Niedergang, der kaum noch zu stoppen sei. Ursachen für den Abschwung gab es gleich mehrere. Als wesentlichsten führen Kritiker den kompletten Rückzug der wichtigsten Geldgeber ARD und ZDF und des Privatsenders RTL an. Einerseits stimmt das natürlich, den großen Impresarios fehlten Jahr für Jahr Millionenbeträge im unteren zweistelligen Bereich. Die spektakulären Samstagabend-Shows der führenden Teams Universum und Sauerland verschwanden sang- und klanglos vom Bildschirm.

Andererseits trug das Profiboxen selbst ein gerüttelt Maß zur Nivellierung des Niveaus bei. Zum einen waren die Veranstalter immer weniger in der
Lage (oder aus finanzieller Sattheit nicht bereit), aufsehenerregende und mitreißende Kämpfe zu organisieren. Das Niveau der Fights sank. Es war jene Zeit, als Ex-Champion Dariusz „Tiger“ Michalczewski den Satz prägte: „Heute boxen Leute um den WM-Titel, die früher nicht mal als Sparringspartner geholt worden wären.“ Zum anderen fehlten nach dem Abgang der Klitschkos, der Ottke, Beyer, Abraham, Sturm oder Stieglitz einfach Heroen, die das Publikum kennt, mit denen es mitfiebert. Ja, für die sie unter Umständen sogar mitten in der Nacht den Wecker stellt.

Auf der Suche nach Gladiatoren
Der Hamburger Promoter Erol Ceylan charakterisierte die Lage so: „Es fehlt an Gladiatoren. Medien und Sponsoren steigen heutzutage nur noch dann groß ein, wenn bekannte und prominente nationale oder internationale Fighter im Ring stehen. Da es aber aktuell keinen Henry Maske, Axel Schulz, Dariusz Michalczewski oder auch Wladimir Klitschko gibt, befürchten die großen Sender niedrige Einschaltquoten und geringe Werbeeinnahmen. Ohne TV-Sender aber kann man heute kaum noch erfolgreich veranstalten.“

Als die ARD mit dem Boxen anfing, gab es einen klaren Plan A, und das A stand nicht etwa für Abbruch der Übertragungen (was es übrigens auch einmal gab mit der Begründung „Für Jugendliche unter 18 Jahren ist diese Sendung nicht geeignet.“), sondern für Ali, für Muhammad Ali. Dessen atemberaubende Kämpfe lockten in den Sechzigern und Siebzigern Millionen Deutsche vor die damals noch schwarz-weißen Bildschirme. „Rumble in the Jungle“ gegen George Foreman und die Kämpfe „Fight of the Century“ und „Thrilla in Manila“ gegen Joe Frazier gelten heute als Klassiker unter den Schwergewichtskämpfen schlechthin. Sternstunden für die ARD.

Die gab es wieder, als das „Erste“ zu Beginn des neuen Jahrtausends die von RTL übernommenen Übertragungen der Sauerland-Events ausstrahlte. Aber hier machte das Fernsehen (neben der ARD übertrug inzwischen auch das ZDF mit Partner Universum regelmäßig) wohl von Anfang an den, so sieht es jedenfalls im Rückblick aus, entscheidenden Fehler: Den Veranstaltern wurden Millionen Summen garantiert, die auf jeden Fall nicht motivierend wirkten. Das rief natürlich Kritiker auf den Plan, die davon sprachen, das Geld der Gebührenzahler werde teils zum Fenster hinausgeworfen. Und dann auch noch für eine ohnehin nicht mit dem besten Leumund daherkommende Profisportart.

Jene Kritiker erhielten weiteren Aufwind, als dann 2007 die sogenannte „Blutschlacht von Wetzlar“ mit Hauptdarsteller Arthur Abraham – dem ein
Getto-Kid namens Edison Miranda mit dem Kopf voraus den Kiefer spaltete – über den Schirm flimmerte. Der Boxkampf wurde zum Blutbad, der Ringrichter zum Schlichter im Schlachtfest, der Fernsehreporter konnte seine blutbespritzten Notizen kaum noch entziffern. Promoter Wilfried Sauerland irrlichterte so enthemmt am Rande des Ringes, dass man als Zuschauer ungläubig dachte: Ganz egal, was er genommen hat – kann ich das bitte auch haben? Jedenfalls stellte sich hinterher erstmals die Frage, ob die ARD für das Boxen noch der richtige Sender ist oder ob dieser Sport nicht verschlüsselt ausgestrahlt werden sollte, mit Senioren- und Kindersperre.

Obwohl sich die zweifelnden Stimmen mehrten, sollten immerhin noch sieben Jahre ins Land gehen, ehe in der ARD endgültig der letzte Gong für das Berufsboxen ertönte. Die Kritik in den berühmten Gremien wie Rundfunkräten, Kirchen und diversen sozialen Verbänden war immer unüberhörbarer geworden. Begründet war sie vor allem ethisch. Verrohende Bilder von aufeinander einprügelnden Männern, fand man, gehörten nicht zum Auftrag öffentlich-rechtlicher Sender. Sinkende TVQuoten und steigende Kosten (Promoter Sauerland erhielt pro Jahr zwischen zehn und zwölf Millionen Euro) taten ein Übriges. Als Halbschwergewichtler Jürgen Brähmer in der Nacht des 6. Dezember 2014 Pawel Glaczewski mit einem linken Leberhaken nach 55 Sekunden niederstreckte, bedeutete das nicht nur das Aus für den Polen, sondern zugleich auch für das Boxen im Ersten; der Vertrag mit Sauerland wurde nicht verlängert. Das ZDF war diesen Schritt mit seinem Partner Klaus-Peter Kohl (Universum Hamburg) bereits zwei Jahre früher gegangen.

11.02.2020 Sachsen Anhalt Magdeburg Dominic Bösel vs.Zac Dunn /Australien Pressekonferenz in der Johanniskirche in Magdeburg zur Boxgala am 28.03.2020 in der GETEC Arena Sport Boxen Boxer JubiläumsgalaDer Einstieg in das Jubiläumsjahr:„20 Jahre SES Boxing“ – Motto: „Simply The Best!“SES-Box-Gala, Samstag, 28.03.2020 – GETEC-Arena, Magdeburg+++

Besonders krass traf der mit dem TV-Ausstieg verbundene Niedergang die beiden Ställe Universum und Sauerland. Einst mit Abstand die größten Promotionunternehmen der hiesigen Szene und damit auch führend auf dem Kontinent, taumelten sie immer mehr bergab. Universum endete vor einigen Jahren sogar in der Pleite, bevor es im vergangenen Jahr mit neuem Besitzer wieder belebt wurde. Zweieinhalb Jahrzehnte lang waren Sauerland und Universum, wie die „FAZ“ anmerkte, „ziemlich beste Feinde“ im einst lukrativen Geschäft mit dem Kampfsport. Sie hatten den Markt unter sich aufgeteilt, führten etliche Talente aus dem olympischen Boxen wie in Serie zu WM-Kämpfen, strichen Millionen schwere TV-Lizenzen ein und veranstalteten regelmäßig Boxabende in Großarenen. Noch einmal die „FAZ“: „So richtig wohlfühlten sie sich indes erst, wenn sie über den Mitbewerber herziehen konnten.“ Wenn diese beiden Unternehmen, wie Ende vergangenen Jahres geschehen, plötzlich gemeinsam (!) eine Veranstaltung (Motto: „Mit vereinten Kräften“) ausrichten, sagt das viel über die Situation des deutschen Profiboxens zu Beginn der zwanziger Jahre dieses Jahrtausends.

Nach 2014 gab es fünf Jahre lang, was Profi Faustkampf und Öffentlich rechtliche betrifft, deutschlandweit sozusagen eine Aktion schwarzer Kanal. Wenn da nicht ein kleines gallisches Dorf existiert hätte, tief im Sächsischen. Wo man offensichtlich nicht so recht einsehen wollte, dass der gesenkte Daumen der vor allem rheinischen Front der Boxgegner für immer gelten sollte. Beim ohnehin sportaffinen Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) wollte man einfach die Boxhandschuhe nicht für immer an den berühmten Nagel hängen und verbündete sich mit dem aufstrebenden Magdeburger SES-Team um Promoter Ulf Steinforth.

Seit 2015 ist der MDR das einzige dritte Programm der ARD, das regelmäßig Boxkämpfe überträgt. Mit unübersehbarem Erfolg – und sehr zur Freude der Fans dieser Sportart in allen Teilen der Republik. Geschickter Schachzug von SES: Mit einem „Team Deutschland“ um Rookies wie Dominic Bösel und Tom Schwarz setzte man vor allem auf aufstrebende Talente. Das ließ sich medial gut verkaufen. Der MDR, der sich laut Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi seinerzeit um grundsätzlich mehr Live-Berichterstattung im Sport bemühte, griff dankbar zu: „Wir wollen SES eine Chance im TV geben. Der Boxsport hat großes Potential, denn die Nachfrage der Zuschauer soll bedient werden!“

Faustkampf und TV: das passt
Der MDR, und das gehört zu den hoffnungsvollen Signalen der zurückliegenden Wochen, wird nun nicht mehr alleiniger Vorreiter an der Box-Front bleiben. Die vielleicht wichtigste Botschaft: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten spielen offenbar mit dem Gedanken, sich wieder stärker in dieser eigentlich fürs Fernseh-Metier und dessen dramaturgische Gesetze geradezu geschaffenen Sportart zu engagieren. Weil es hier nach archaischen Regeln noch das direkte Duell Mann gegen Mann gibt: Begrenzt auf einer Fläche von nicht einmal 40 Quadratmetern entgeht den Kameras nichts. Davonlaufen unmöglich. Hinzu kommt, die Gefechte mit den Fäusten funktionieren nach Normen, die, anders als etwa der vermaledeite Videobeweis im Fußball oder die Windregeln beim Skispringen, selbst für Laien weitgehend nachvollziehbar sind. Fehlurteile von Punktrichtern einmal ausgenommen. Aber eines gilt immer: Wer bei zehn ausgezählt wird, steht, wenn er denn noch steht, als Verlierer da. Eine simple Faustregel, sozusagen.

Nachdem Ende vergangenen Jahres das ZDF in Hamburg mit einer alles in allem sowohl vom sportlichen Wert wie vom Eventcharakter (Einschaltquote: 820.000 Zuschauer) her eher bescheidenen Veranstaltung einen ersten Testballon startete, heißt es nun: Bühne frei für die ARD. Und das Motto ist ganz unübersehbar: nicht zu kleckern, sondern gleich einmal ein bisschen zu klotzen. Und so wurde für die, wenn es so etwas gibt, Neu-Premiere mit der Magdeburger Getec-Arena für den 28. März ein prominenter Austragungsort gewählt. Das ist immerhin Sachsen-Anhalts größte Halle (Fassungsvermögen beim Boxen: 7.000 Zuschauer) und hat nach dem Jahr 2000 ein Stück deutscher Faustkampf-Geschichte mitgeschrieben. Hier lieferten sich Sven Ottke, Regina Halmich und Lokalmatador Robert Stieglitz unvergessliche Ring-Schlachten, wurden Welt- und Europameistertitel gefeiert. Diesmal steht ein WM-Kampf von Lokalmatador Bösel auf dem Programm. SES-Chef Steinforth, der im März mit seinem Unternehmen das 20. Gründungsjubiläum feiert, jubiliert: „Mit der Live-Berichterstattung in der ARD steigen wir in die Champions League der TV-Berichterstattung auf.“

Ob es sich beim Schritt der ARD um eine Entscheidung handelt, die auf Langfristigkeit angelegt ist, muss sich jedoch noch zeigen. Über den 28. März hinaus ist jedenfalls noch kein weiterer Termin fixiert. Man will, so ist inoffiziell zu hören, erst einmal Erfahrungen sammeln und schauen, wie hauseigene Kritiker auf den Vorstoß reagieren. Der Widerstand gegen Profi-Boxen bei den Rundfunkräten soll, meldete zumindest „Bild“, noch immer beträchtlich sein. Auch das große Geld wie einst gebe es nicht zu verdienen. Einige Grundübel bleiben also vorerst weiter unübersehbar: Die deutschen Promoter (anders als ihre Kollegen in den USA und England, die ausschließlich im Bezahlfernsehen unterwegs sind) verfügen nur noch über einen Bruchteil der finanziellen Mittel von einst; gleichzeitig ist der Pool an Talenten, die sich gut vermarkten lassen, merklich kleiner gewor den.

Was sich die öffentlich-rechtlichen Sender vom Box-Comeback erhoffen, sollte indes klar sein: zuallererst hohe Einschaltquoten. Und damit Reputation. Es klingt noch immer unglaublich, dass mehr als 18 Millionen Zuschauer 1995 vor dem Fernseher saßen, als Axel Schulz gegen den Südafrikaner Frans Botha um den WM-Titel kämpfte – mehr als zwei Drittel aller deutschen TV-Zuschauer schalteten damals ein. Das schafft heute nicht einmal mehr die Fußball-Nationalmannschaft.

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