Sonntag, August 1, 2021
Anzeige

Das kleine „Alt-Magdeburg“ mit seinen historischen Barockfassaden soll auf dem Gelände des Prämonstratenserberges wieder auferstehen

Anzeige

Folge uns

von Dr. Karl-Heinz Reps Leiter der Interessengemeinschaft Denkmalpflege im Kultur- und
Heimatverein Magdeburg

Der Vorschlag des Altbürgermeisters Dr. Wilhelm Polte ist sehr begrüßenswert, in diesem zu bebauenden Areal des Prämonstratenserberges zwischen Allee Center und Kloster Unser Lieben Frauen neben moderner kleinteiliger Bebauung auch einige ausgewählte schöne Barockfassaden von ehemaligen Häusern des Breiten Weges einzugliedern. Das brächte für die Nachkriegsgenerationen nach der fast vollständigen Vernichtung der Magdeburger Altstadt in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges einen guten Anschauungswert der verlorenen Architekturvielfalt des früheren Breiten Weges. Abgesehen von der Idee des kleinteiligen, zum Teil his-torischen Wiederaufbaus in den Jahren 1947/1948, die aber aus politischen und finanziellen Gründen sehr schnell verworfen wurde, hat dieser neue Vorschlag bezüglich der Rekonstruktion historischer Barockfassaden bereits zwei Vorgänger. Doch dazu später.

Jede Architekturepoche hat ihren eigenen Stil und Aussagewert. Besonders ausdrucksvolle und detaillierte Fassadengestaltungen weisen Renaissance, Barock, Rokoko und Jugendstil auf, nicht minder die Architektur der Gründerzeit, in der die Bauherren sozusagen „von der Stange” Architekturdetails aus allen Epochen beziehen und anbringen lassen konnten – im Gegensatz zu den Neostilen, wo nur jeweils Gestaltungselemente einer Bauepoche verwendet wurden. Am nüchternsten ist der Bauhausstil, und das gegenwärtige moderne Bauen weist die oft beklagte Nüchternheit ohne architektonischen Zierrat der Fassaden auf. Dabei waren die Bauherren und Architekten gar nicht zimperlich, Bauten der vorangegangenen Epoche abzureißen und in ihrem Stil neu zu bauen, weniger rigoros, indem man Vorgängerbauten umgestaltete. Als Beispiel möge die Marienkirche des Klos-ters Unser Lieben Frauen genannt werden, in der die romanische Gestaltung mit gotischen Elementen überkleidet wurde und statt der Flachdecken entsprechende gotische Gewölbe eingezogen wurden. Unzählige Kirchen und Schlösser wurden später im Renaissance- oder Barockstil umgestaltet.

Es ist eine Illusion, dass der Breite Weg – seinerzeit die berühmteste Barockstraße Deutschlands – ohne den Zweiten Weltkrieg und insbesondere die Zerstörungen am 16. Januar 1945 heute noch so aussehen würde wie beispielsweise 1936/1937, als der gesamte Breite Weg auf seiner Ost- und Westseite Haus für Haus fotografisch auf großen Glasplatten mit jeweils einer Fünf-Meter-Messlatte festgehalten wurde. Es ist ein großer Glücksumstand, dass diese Originalaufnahmen und auch die von vielen anderen Gebäuden aus den verschiedensten Zeiten (bereits seit etwa 1870 bis in die 1940er Jahre) erhalten geblieben sind. Sie befanden sich früher beim Stadtarchitekten und werden heute im Stadtarchiv verwahrt. Sie sind ein wertvoller Fundus, u. a. auch, um den Vorschlag der Fassadenrekonstruktion zu verwirklichen. Der Breite Weg wurde im Wesentlichen ab Mitte des 17. Jahrhunderts wieder bebaut. Insbesondere in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es eine Forderung des Gouverneurs der Festung Magdeburg, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau (der Alte Dessauer), dass alle Häuser eine einheitliche Trauflinie haben sollten.

Wenn Häuser baufällig wurden oder sie nicht mehr den Nutzungsansprüchen der Besitzer entsprachen, wurden sie abgerissen und entsprechend dem Zeitgeschmack neu errichtet. Sicherlich bereits früh im 19. Jahrhundert wurden so der Breite Weg 51 und die Ratswaage durch Neubauten ersetzt. Auch die Heydeckerei Breiter Weg 148 wurde abgerissen und Giebel und Portal andernorts eingebaut (Breiter Weg 55, Geschäft der Württembergischen Metallwarenfabrik). Das Von Lilienströmsche Haus, an das sich rechts das Alte Sudenburger Tor anschloss (es war das südliche Ende des Breiten Weges und das Ende der Barockbebauung), wurde nach der Beseitigung der Toranlage ebenfalls entfernt und Architekturteile anderweitig wiederverwendet.

Betrachtet man vor allem die Westseite des Breiten Weges, wurden viele Barockhäuser durch moderne Kaufhäuser ersetzt: Klavehn, Steigerwald & Kaiser, Barrasch/Lemke, Held, auch die Commerzbank. Mit dem Bau der Hauptpost (heute Justizzentrum) verschwanden am Anfang des 20. Jahrhunderts die Deutsch-Reformierte Kirche und das links danebenstehende Rochsche Haus (Breiter Weg 203). Der Giebel und der Erker dieses Hauses wurden auf der Rückseite der Hauptpost angebracht, die beiden Portale der Kirche wanderten zunächst in die Prälatenstraße, dann an das Roncallihaus und an das Dom-Konsistorium bei seinem Wiederaufbau. Erinnert sei an die Ausstellungen der fortlaufenden bildlichen Darstellung der Fassaden der Ost- und Westseite des Breiten Weges, die mehrfach an verschiedenen Stellen gezeigt wurden. Einige Häuser verschwanden auch bei der Verbreiterung der einmündenden Straßen, als markantes Beispiel die Alte Ulrichstraße. Betrachtet man auf dieser Darstellung die Häuser im Vergleich, kann man feststellen: die einheitliche Traufhöhe war mitnichten noch vorhanden. Je nach Bedarf der Hausbesitzer wurde aufgestockt in unterschiedlicher Weise. Breiter Weg 12 (Haeselersches Haus) erhielt sein Zusatzgeschoss über dem zweiten Obergeschoss, Dach und Frontgiebel wurden dann darüber gesetzt. Dieses Haus erstreckte sich bis weit in die Steinstraße mit sieben Speichergeschossen, ein Ausdruck des Reichtums seines Besitzers.

Weit komplizierter und rigoroser verfuhr man mit den architektonisch so beliebten Häusern Breiter Weg 175 bis 177. Der Umbau erforderte offensichtlich ein Abtragen bis auf die Grundmauern. Wann das geschah, ist mir leider nicht bekannt. Das Erdgeschoss wurde für die Geschäfte modernisiert, das neue erste Obergeschoss in moderner Ausführung dazwischengeschoben und dann die alten Obergeschosse einschließlich Giebel von 175 und 177 vertauscht aufgesetzt. Dabei wurde aus der ehemaligen fünfachsigen 177 eine dreiachsige 175 und der Giebel der schmalen 176 entfiel völlig. Breiter Weg 180 ist ein Neobarockbau, wobei leider beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg die Frontgiebel nicht wiederhergestellt wurden. Die einzigen wieder restaurierten und damit erhaltenen sind die schmalen Häuser 178 und 179. Wobei auf letzterem leider noch die bekrönenden Figuren fehlen. Insgesamt war schon vor der Zerstörung festzustellen, dass noch viele andere Barockhäuser zu beiden Seiten des Breiten Weges durch moderne Bauten in der Gestaltung je nach ihrer Bauzeit ersetzt wurden.

Nun zurück zur Bebauung des Prämonstratenserberges. Die Verwirklichung des Baues des kleinen Viertels mit einigen der schönsten Barockfassaden am Prämonstratenserberg hätte eine gute Aufenthaltsqualität, da es aufgrund der Topografie des Geländes und der umgebenden Bebauung völlig verkehrsfrei sein könnte. Sie würde eine Rekonstruktion der Barockfassaden darstellen, z. B. am unteren Ende die Fassade des Breiten Weges 12 in der ursprünglichen Form, am oberen Ende Breiter Weg 29 und 30 (ehemaliges Schlosscafe). Das ist natürlich keine Denkmalpflege. Diese setzt noch vorhandene Substanz voraus, die restauriert und Fehlendes behutsam ergänzt wird. Aber die hier vorgeschlagene Rekonstruktion und Gestaltung hätte eine hohe emotionale Wirkung für die Nachkriegsgenerationen, die eine solche Wirkung Magdeburger Barockarchitektur (die noch eine Reihe von anderen Besonderheiten aufwies) nacherleben könnten. Auch eine Errichtung nicht am Originalstandort ist vertretbar (siehe schon frühere Versetzungen von Architekturdetails oder Maßnahmen in Berlin: Ephraimpalais, Nikolaiviertel). Auch in dem hier vorgesehenen Bereich zwischen Breitem Weg und Fürstenufer gab es eine Vielzahl von Barockhäusern, allerding im Wesentlichen der schlichteren Art mit nur wenig Fassadenzierrat.

Diese Idee der vier Autoren Dr. Polte, Dr. Peters, Olbricht und Kaleschky hatte in Bezug auf die Barockfassaden zwei direkte Vorgänger vor etwa zwanzig Jahren. Der Magdeburger Architekt Friedrich Jakobs schlug 1997 als Alternative zum Bau des Hundertwasserhauses, das ja damals an dieser Stelle auf erhebliche Ablehnung traf, anstelle des achtgeschossigen Plattenbaus auf der Ostseite des Breiten Weges eine „Barockmeile” vor, bestehend aus den Fassaden der Häuser Breiter Weg 174, 177, 176, 175 und 12 (Skizze). Dazu wurde ein Arbeitskreis der Magdeburgischen Gesellschaft gebildet, der nach der intensiven und auch kontroversen Diskussion in der Bevölkerung zum Bau des Hundertwasserhauses und dem Entscheid, dieses Haus zu bauen, auch über 1999 hinaus aktiv blieb.

Eine zweite Aktion startete Friedrich Jakobs danach, als die Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg mbH eine Sanierung und Umgestaltung der Nachkriegsbauten im Bereich der früheren Bauten vom Breiten Weg 173 bis 177 plante. Er schlug vor, an der Originalstelle die Barockfassaden von 175 bis 177 wiederherzustellen als Ergänzung der erhaltenen Gebäude 178 und 179. Anfänglich stieß dieser Vorschlag durchaus auf die Zustimmung des damaligen Geschäftsführers Heinrich Sonsalla. Mitglieder dieser Entwicklungsgruppe waren Dipl.-Ing. Friedrich Jakobs (für die Idee und die Gestaltung, für die kulturpolitische und ästhetische Argumentation), Dr. Dirk Hagemann (für die baurechtlichen Rahmenbedingungen), Dipl.-Ing. Ingetraut Kossel (für den Kostenvergleich der Fassadengestaltung) und Dr. Karl-Heinz Reps (für die geschichtliche Betrachtung der Magdeburger Barockbauten), die bereits im Mai 1998 eine umfängliche Dokumentation erstellten. Sie wurde schon für die „Barockmeile” verwendet und in angepasster Form nun für die Wobau 2002. Aber im Laufe der Planung waren der Wobau der Gesamtaufwand und insbesondere der Kostenanteil doch zu hoch, so dass letztendlich auch dieser Vorschlag nicht zur Ausführung gelangte.

Da am Prämonstratenserberg ein völliger Neubau erfolgen wird, sind hier die Bedingungen deutlich günstiger. Sicherlich wird es auch hier eine kontroverse Diskussion geben, die hoffentlich nicht so heftig und zum Teil unsachlich ausfallen wird wie die vor elf Jahren 2010 um das Problem Ulrichskirche. Ich persönlich kann eine Einbeziehung historischer Fassaden bei diesen einmalig günstigen Lagebedingungen nur begrüßen. Abschließend fände ich es hervorragend, hinter der Fassade des ehemaligen Schlosscafés auch wieder aktuell ein solches Café einzurichten, das natürlich auch am Breiten Weg in seinem Innern nicht aus der Barockzeit stammte.

WEITERE
Anzeige
Magdeburg
Mäßig bewölkt
15.1 ° C
16.1 °
14.1 °
83 %
1.8kmh
26 %
So
22 °
Mo
21 °
Di
23 °
Mi
22 °
Do
16 °

E-Paper