Das „Knattergebirge” in Magdeburg

Das „Knattergebirge” Teil 2 von 3

Gezeichnet von dem baulichen Fiasko ist das im Volksmund bezeichnete ehemalige „Knattergebirge”. Es erstreckte sich bis zur vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zwischen der Johanniskirche und dem Elbufer und reichte vom Tränsberg bis hinter das heutige Allee Center. Obwohl das Stadtgebiet offiziell als Fischerufer bezeichnet wurde, setzte sich der Name „Knattergebirge” durch. Erster schriftlicher Nachweis war ein Programmzettel des Walhalla-Theaters in der Apfelstraße nach dem Ersten Weltkrieg. Zu seinem Namen kam der Kietz, weil die halbe Nachbarschaft selbst das leiseste „Pupsen“ nebenan als ohrenbetäubendes „Knattern“ empfand. Grund war die hohe Bebauung und die engen Höfe und Gassen, die selbst das kleinste Geräusch zu einem gigantischen Echo machten. „Knatter“ stand auch für den etwas anderen Lärm, nämlich für den, den die Fuhrwerke und Lastkraftwagen verursachten, wenn sie über das holprige Pflaster der Straßen rollten. Für eine andere Legende sorgt die Magdeburger Mundart. „Der hat einen im Knatter” war die Erklärung, wenn man einen über seinen Durst getrunken hat. Und für das „Gebirge” sorgte die zur Elbe abfallende Gegend, die zudem noch viele „Berg”-Straßen hatte (Faßlochsberg, Magdalenenberg, Wallonerberg oder Petersberg).

Typische Stadtansicht des alten Fischerufers

Entstanden ist das Areal als ehemalige slawische Siedlung eines kleinen Ortes Frose (aus dem slawischen mit „Wiese” übersetzbar), das an dieser Stelle bereits 937 urkundliche Erwähnung fand. Steinerne Zeugen der Erstbesiedlung ist die St. Petri Kirche, die unmittelbar vor der Magdeburger Stadtmauer in die Höhe wuchs. Daraus resultiert wahrscheinlich auch der Name „Pottlappenviertel”, der sich über Jahrhunderte hielt. Die slawischen Erstbesiedler gaben ihrem Wohnort den Namen „pod labem”, was „unten an der Elbe” bedeutete. Auf einem alten Stadtplan Otto von Guerickes (1602 – 1686) ist die Bezeichnung „Lappenbergk” vermerkt – ein Ort, an dem man Schutt und Asche ablud. 1890 taucht zum ersten Mal die Bezeichnung „Klein London” für das Viertel auf. Wahrscheinlich war es eine Anspielung auf die engbebauten Straßen Londons. Bewaffnete Streitigkeiten zerstörten 1213 die slawischen Ansiedlungen Frose, die man später in nördlicher Richtung wiederaufbaute. Ab 1350 teilte sich das Dorf endgültig und wurde der Altstadt und der Neustadt zugeordnet. Hier siedelten neben den ehemaligen Dorfbewohnern auch neuzugereiste Magdeburger. Im Mai 1631 fielen auch die Häuser dem Stadtbrand bei der Erstürmung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg zum Opfer. Die meisten Bewohner starben oder flohen aus der brennenden Stadt. Erst 1685 zog neues Leben in die alten Ruinen. Denn nach den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, die Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg in Schutt und Asche legten, prägte erneut der Streit um den rechten Glauben die Geschicke der Stadt. Sonnenkönig Ludwig XIV hatte getreu seinem Grundsatz „Ein König, ein Land, eine Religion” den Katholizismus in Frankreich 1685 zur einzigen Staatsreligion erklärt – und damit Tausende von Menschen der Verfolgung ausgesetzt. Mehr als 200.000 evangelische Franzosen suchten nun Zuflucht – auch in Magdeburg. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm erließ daraufhin im Oktober 1685 das „Potsdamer Edikt”, das die Aufnahme und Ansiedlung von Hugenotten und Protes-tanten aus Frankreich regelte. Außer von Menschlichkeit und religiöser Toleranz ließ er sich dabei von handfesten wirtschaftlichen und staatspolitischen Gründen leiten: Schließlich brauchte das Herzogtum Magdeburg Menschen, die den Wiederaufbau tatkräftig vorantrieben und die Wirtschaft belebten. 1683 lebten nur noch etwa 5.000 Menschen in der Stadt (vor dem großen Krieg etwa 30.000). Noch standen Werkstätten leer, blieben Äcker unbestellt. Die furchtbare Pestwelle von 1681 hatte den ersten zaghaften Aufschwung wieder komplett zunichte gemacht. Außer der freien Religionsausübung sicherte der Kurfürst den Flüchtlingen daher auch wirtschaftliche Vorzüge zu: Unterstützung beim Aufbau von Werkstätten und Fabriken, Steuererleichterungen, Ackerland sowie kostenloses Bau- und Brennholz. Sie sollten „verfallene, wüste und ruinierte Häuser” in Schuss bringen, um diese dann kostenfrei nutzen zu können. Mehr als 3.500 Hugenotten siedelten sich daraufhin an der Elbe an und bauten die Brandstätten in der Altstadt wieder auf. In Magdeburg entstand nach Berlin die zweitgrößte „französische Kolonie”. Außer den Hugenotten siedelten sich auch Wallonen (reformierte Protestanten) aus der Pfalz in Magdeburg an. Diese „Pfälzer” flüchteten bereits zum zweiten Mal: Mitte des 16. Jahrhunderts hatten sie von Frankreich oder den spanischen Niederlanden aus um Asyl nachgesucht, nun mussten sie wegen der französischen Besetzung der Pfalz 1689 erneut fliehen. Etwa tausend Mannheimer und Frankenthaler siedelten nach Magdeburg über. Eine Stadtgemeinde, die geschlossen umzieht – das ist in der Geschichte bis heute einmalig.

Luftbildaufnahme der Magdeburger Altstadt / Bild Stadtarchiv Magdeburg

Die Siedler gründeten die Französische und Pfälzer Kolonie in der Magdeburger Altstadt, die somit unter besonderem Schutz stand. Wenn es die Kaufleute in der Kolonie zu etwas gebracht hatten, zogen sie in die vornehmen Geschäftsviertel auf den Breiten Weg. Zurück blieben die Handwerker, Hafen- und Lagerarbeiter, Schiffer und Fischer sowie Arbeiterfamilien und alleinstehende Frauen, die sich die teuren Mieten in den gehobenen Stadtteilen nicht leisten konnten. Sie alle wohnten in den meist einfachen ein- oder zweigeschossigen Fachwerkgebäuden. Die hygienischen Zustände in dem Viertel waren katastrophal: Die Aborte standen auf den Höfen, die Wasserversorgung erfolgte über Pumpen, die das Grundwasser aus der Erde zogen. Kein Wunder, dass die Cholera-Epidemie 1831 hier die meisten Opfer forderte. Nach der „neuen” Pest wurden zahlreiche Häuser, die als verseucht galten, einfach abgerissen.

Auf wenigen Quadratmetern mussten Familien oft mit einem Zimmer auskommen. Toiletten? Der Abort war meist auf den Hinterhöfen und wurde von mehreren Hausbewohnern benutzt.

Industrielle Anlagen und Fabriken gab es keine auf dem Gebiet zwischen Elbe und dem Breiten Weg. Die enge Bebauung erlaubte hier keine Ansiedlungen. Auf Grund der vorherrschenden Brandgefahr durften nur Handwerksbetriebe und Gewerbe ansiedeln. Mitte des 19. Jahrhunderts stellte man im Knattergebirge vorwiegend Lebensmittel her. Zichorien- und Sirupfabriken sowie Gewürzhandlungen, Färbereien und Waschhäuser siedelten sich hier an. Viele Gewerbe zeugten von französischstämmigen Inhabern – so Strumpf- und Wollhandlungen, Handschuhmacher und die Fertigung von Steinguterzeugnissen. Ab dem 20. Jahrhundert verschwanden die kleinen Produktionsstätten und machten Platz für dringend benötigten Wohnraum. Handwerker und Geschäfte für die Versorgung wie Bäckereien, Metzger oder die Zigarrengeschäfte und Kolonialwarenhandlungen überlebten. Besonders kleine Kneipen schossen aus dem Boden. Nahezu jede Straßenecke im Kiez hatte eine Lokalität, die zumeist einfach ausgestattet war. Die meisten Kneipen luden an den freien Tagen zum Wochenende zum Vergnügen. Zu Klängen aus der Mundharmonika oder dem Schifferklavier wurde dann das Tanzbein beim feucht-fröhlichen Wochenausklang geschwungen. 1905 zogen dann sogar die ersten Kinematographen in die Hinterstuben der Kneipen – liebevoll von den Einwohnern als „Filzschlappenoper” bezeichnet. Erst 1910 eröffnete in der Jacobstraße das erste Kinogebäude.

Die Johannisbergstraße mit Blick in die Altstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Beim explosionsartigen Anstieg der Bevölkerung ab den 1860er Jahren wurde der Wohnraum knapp. Besonders im Knattergebirge hatte dies Auswirkungen. Viele der alten Gebäude wurden einfach um mehrere Etagen aufgestockt, jeder freie Quadratmeter wurde bebaut. Gärten und Hofbereiche fielen dem Baudrang zum Opfer, sogar Kellerräume, die bis dahin als Lager Verwendung fanden, dienten jetzt als Wohnraum. Um Platz zu schaffen, gab es kaum Kochmöglichkeiten in den Wohnungen. Die mit Holz oder Kohle beheizbaren „Kochgruden” oder auch „Brennhexen” befanden sich auf Treppenabsätzen oder den Höfen und wurden ebenso wie die Aborte von mehreren Familien benutzt. Viele der Aufstockungen waren „Schwarzbauten” ohne amtliche Baugenehmigungen. Die Wohnbedingungen waren mehr als schlecht. Die kaum beheizbaren und feuchten Zimmer teilten sich die Familienmitglieder. Platz für ausreichende Betten gab es kaum. Da es wie in anderen Stadtteilen kaum Wohnraum gab, wurden die Betten sogar an „Schlafgänger” weitervermietet.
Die engen Gassen boten nicht genügend Platz für eine funktionierende Infrastruktur. Kam es zu Bränden, konnte die Feuerwehr kaum bis zum Brandherd vordringen. Erst ab 1901 begann man das Knattergebirge verkehrstechnisch zu erschließen. Von da an fuhr eine elektrische Straßenbahn durch das Gebiet und vom Fürstenufer über das Knochenhauerufer verkehrte eine Ringbahn. Die Straßenbahnlinien 3 und 6 fuhren durch die Ja-kobstraße. Unter dem Stadtbaudirektor Bruno Taut gab es ab den 1920er Jahren Pläne, einige Häuser im Gebiet des Knattergebirges abzureißen und die vorhandenen Straßenzüge zu erweitern. Nach seinen Plänen sollte so mehr Luft und Licht die engen Gassen auflockern. In der Zeitung „Frühlicht” schrieb er dazu: „Nach Fortfall des Umschlag- und Verladeverkehrs an dem Westufer der Elbe wird endlich jene Uferbahn eingehen und damit für die Innenstadt ein großer Schritt getan: Magdeburg würde dann endlich wieder an der Elbe liegen, während es hier heute mit Schuppen, Schienen und Gittern usw. seine Hinterhand zeigt. Zu dieser Auflockerung und Elbebefreiung wird ein breites öffentliches Grün an den Ufern, Alleen kommen, um das Stagnieren der schlechten Stadtluft in diesem Luftsack, wie es heute bei milder Luft die Regel ist, endgültig zu beseitigen.” Tatsächlich musste es in den Straßen des Knattergebirges regelrecht schlechte Luft gegeben haben, da die Abfälle der Häuser meist in den Höfen landeten und die Aborte in der heißen Sommerluft penetrant stanken.

Die Gunst der Lage der Stadt an der Kreuzung einer nordsüdlichen und einer westöstlichen Handelsstraße erhob Magdeburg im 12., 13. und 14. Jahrhundert zu einem der größten Warenumschlagplätze des mittelalterlichen Deutschlands. Mansfelder Kupfer, sächsisches Silber, polnische Pelze, böhmisches Holz, schlesische Häute, flämische Tuche, skandinavische Fische, französische Weine – die Kaufleute der Stadt nahmen sich, womit sie Handel treiben konnten und sandten die Waren dann weiter in die Welt hinaus. Der Zwischenhandel dominierte und bestimmte die wirtschaftliche und politische Struktur des Gemeinwesens der Stadt. Mitte des 13. Jahrhunderts bildete sich in Magdeburg das sogenannte Stapelrecht heraus, d. h. ankommende Waren mussten am Ort gestapelt und drei Tage lang zum üblichen Preis angeboten werden. Ende des 13. Jahrhunderts ist dann Magdeburg folgerichtig auch freie Stadt der deutschen Hanse. In diesem Bereich, unmittelbar am Elbufer der Stromelbe (nördlich der Eisenbahnhubbrücke), wurde dann 1729/30 der „Alte Packhof“ gebaut. Das schlossartige Gebäude diente der Aufnahme der Transitwaren, welche aufgrund des immer noch geltenden Stapelrechts zum Verkauf ausgelegt wurden. Neben dem „Alten Packhof“ wurde 1837 der „Neue Packhof“ fertiggestellt. Somit fanden die Bewohner des Knattergebirges Arbeit in den Hafenanlagen und an den Kais der Elbe. Ähnlich wie in den Seehäfen waren die Hafenkneipen und Stadtschänken Stellen der Begegnung, der Lieder und der Fröhlichkeit. So lebte das Knattergebirge auch vom Hafen. Die alten Speicher, in denen die Warenbestände der Magdeburger Kaufleute lagerten, verloren ihre Bedeutung mit der Errichtung des Handelshafens in der Alten Neustadt im Jahr 1893. 1912 gab es Überlegungen, den Neuen Packhof in ein Museum umzuwandeln. Der Alte Packhof sollte zum „Kolonialmuseum” umfunktioniert werden. Die Geldknappheit im Ersten Weltkrieg durchkreuzte diese Pläne.

Am Fürstenufer verkehrte eine Ringbahn und auf der Johannisbergstraße über die Stromelbe im Linienverkehr eine Straßenbahn.

Die Menschen, die im ehemaligen Knattergebirge wohnten, erholten sich während ihrer freien Zeit am Petriförder. Da kaum Bäume in den engen Gassen wuchsen, wirkte das ganze Viertel trist und grau. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden Grünflächen neben der Lukasklause angelegt sowie am Petriförder Bäume gepflanzt und Bänke aufgestellt. Kurzweil für die Kinder boten lediglich eine Sandkiste und ein „Großschachbrett” mit 40 Zentimetern Kantenlänge. Bruno Taut konnte seine Visionen nicht umsetzen. 1924 kehrte er Magdeburg den Rücken zu, weil seine kühnen Pläne keine ausreichenden Befürworter fanden. Die vollständige Zerstörung des Knattergebirges schafften die Bomberflotte der Alliierten Streitkräfte am 16. Januar 1945. Innerhalb von 19 Minuten wurde die gesamte Wohnsubstanz zerstört. Lediglich zwei Bunker standen den Menschen in diesem Gebiet zur Verfügung: 342 Plätze bot der Luftschutzbunker Vom-Rath-Platz, der Pfeilerbunker an der Stromelbe bot 1.755 Menschen Platz. Die meisten Bewohner des Knattergebirges wurden im Schlaf überrascht. Viele der Straßen, die einst das Viertel durchzogen, wurden nicht mehr aufgebaut. So gehören der Holzhof, der Faßlochsberg, das Alte Fischerufer, Knochenhauerufer, der Krumme Berg, Storchstraße, Waagestraße und Spiegelsbrücke der Vergangenheit an. Das Petriförder, das wir heute kennen, entstand in den 1970er Jahren und dient den Magdeburgern als Erholungsfläche an der Elbe. Die Johanniskirche, in der schon Martin Luther predigte, ist heute ein Konzert- und Festsaal der Stadt Magdeburg.
(Quellen: Stadtarchiv Magdeburg; „Zeitreise Magdeburg”, ASTtext+bild Medien GmbH; „Das Knattergebirge” von Nadia Gröschner, Verlag Glückliche Insel 2010) | Ronald Floum

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