Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Dem Publikum verborgen

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Denken Sie mal für einen Moment an Ihre bisherigen Theaterbesuche zurück. Was haben Sie sich angeschaut und was oder vor allem wer hat Sie dabei am meisten in den Bann gezogen? Wenn sich der Vorhang schließt und wir uns langsam wieder unserem Selbst bewusst werden, sind wir nachhaltig beeindruckt davon, wie viele Menschen an diesem einen Werk gearbeitet haben und wozu sie gemeinsam in der Lage sind. Wir erinnern uns neben der herausragenden Schauspielkunst vieler beeindruckender Talente, an die Musik, die teilweise selbst komponiert und eingespielt werden musste, an die Kostüme, die entworfen und genäht wurden, an Ton und Licht, welche erprobt und live gesteuert wurden und die erzählte Geschichte, die über lange Zeit von Autoren entwickelt und geschrieben wurde.
Doch haben Sie sich jemals gefragt, wie viele Menschen eventuell zusätzlich im Verborgenen beteiligt sind? Ob es möglicherweise Berufe im Theater gibt, von denen Sie noch nie gehört haben? Wie beispielsweise vom Beruf des Ausstattungsleiters? Nadia Schrader ist die Person, die schon Monate, bevor sich der Vorhang zum ersten Mal für das Publikum hebt, eine elementare Rolle spielt, ohne die all das, wofür das Publikum am Ende applaudiert, niemals zustande gekommen wäre. Nadia Schrader arbeitet Tag für Tag im Hintergrund. Zum Bereich Ausstattung gehören das Bühnenbild sowie das Kostümbild. Als Ausstattungsleiterin hat sie eine entwerfende, überblickende, beratende, planende und anweisende Rolle. Ihre Arbeit beginnt mit dem Lesen der Drehbücher. Daraufhin entwirft sie gemeinsam mit anderen ein Bühnenbild, ein Konzept, welches zur Geschichte passen muss, beeindrucken soll und gleichzeitig mit den vorhandenen und beschaffbaren Bedingungen und Ressourcen umsetzbar sein muss.

Dabei ist Nadia Schrader eine Teamspielerin, denn in diesem Netz aus kreativen und handwerklichen Prozessen sind stets viele unterschiedliche Perspektiven erwünscht. Ohne die harmonische Zusammenarbeit der einzelnen Teams würde ein Projekt nicht gelingen. Sie ist die Schnittstelle zwischen dem künstlerisch Kreativen und den technischen Teams, deren Mitglieder meist als Freiberufler zu Gast im Hause sind. Als Ansprechpartnerin vermittelt sie zwischen den verschiedenen Parteien und steht dabei immer als Beraterin zu Verfügung, wobei ihr Ziel die ästhetische Umsetzung des Bühnenkonzeptes ist.

Häufig fungiert sie als Übersetzerin von der Theorie in die Praxis, von der Kunst ins Handwerk und umgekehrt. Die von ihr erschaffenen Konzepte und Modelle dienen dazu, dass jeder auf das gleiche Ziel hinarbeitet und nicht seiner eigeninterpretierten Version nachgeht. Der Zuständigkeitsbereich der Ausstattungsleitung geht häufig über die Bühne hinaus, sodass sich Nadia Schrader auch mit der Ausstattung der anderen Räumlichkeiten des Schauspielhauses und des Opernhauses in Magdeburg auseinandersetzt. Ob es um eine Ausstellung geht, eine Vorlesung oder verschiedenste andere Veranstaltungen – wenn eine Räumlichkeit ausgestattet werden muss, ist die Ausstattungsleitung gefragt.

Wie Nadia Schrader beschreibt, ist die Abwechslung und Vielseitigkeit dieses Aufgabenbereichs einer der Gründe, der den Beruf der Ausstellungsleiterin zu ihrem Traumberuf macht. In der Kreativität blüht sie auf und wird es einmal zu viel, gibt es immer genug andere spannende Aufgaben, die ebenso erledigt werden müssen. Es gibt zahlreiche Dinge zu organisieren, reichlich Termine und Besprechungen.
Eine Festanstellung als Ausstattungsleitung sei eigentlich unüblich, doch stellt sie sich für Nadia Schrader als ein weiterer klarer Vorteil dar, sowohl im privaten Leben als auch bei der Arbeit selbst. Es habe ihr selbstverständlich immer viel Spaß gemacht, in der Kulturwelt herumzukommen und immer wieder Neues zu entdecken, jedoch schätze sie es sehr, einen festen Arbeitsplatz zu haben. Und wer könnte die gastierenden Freiberufler besser anweisen und beraten als jemand, der mit dem Standort und den Bedingungen im Detail vertraut ist? An einen Standort gebunden zu sein, biete zudem eine Konstante, die es ermöglicht, die Tage und Wochen besser zu überblicken und zu planen, schildert die Ausstattungsleiterin, die schon in ihrer Kindheit von Kultur und Theater umgeben und begeistert war, in jungen Jahren häufig das Theater besuchte und Mitglied des Jugendtheaters war.

Ihre Faszination galt bereits damals den Räumen, den Kostümen und deren Gestaltung. Mit einem Lachen berichtet Nadia Schrader, dass sie sich gern früher spezialisiert hätte, doch stets hieß es: „Bei uns machen alle alles.” Dadurch musste sie sich mit vielen Aufgabenbereichen auseinandersetzen und das erwies sich als Vorteil, denn die Fähigkeit, sich in ihre Kollegen hineinversetzen zu können, ist das Wich- tigste an ihrem Job. Angetrieben von der tief verwurzelten Neugierde, blieb Nadia Schrader auch später neben dem Architekturstudium und der darauffolgenden Arbeit als Architektin dem Theater verbunden. Und so zog sie später als freiberufliche Bühnenbildnerin durch die Kulturstätten des Landes, schaffte es als Quereinsteigerin von der Architektin zur Ausstattungsleiterin. „Wer in diesem Beruf arbeiten will, sollte den Herausforderungen mit Gelassenheit und Offenheit entgegentreten“, meint Nadia Schrader. „Es ist eine Leidenschaft, bei der der eigentliche Erfolg darin liegt, sein Hobby zum Beruf zu machen und sich kreativ ausleben zu dürfen.“
In ihrem Job bleibt Nadia Schrader vom Publikum ungesehen, ganz im Gegenteil zum Ergebnis ihrer Arbeit. So sei es stets der schönste Moment, zu sehen, wie sich am Schluss alle Fäden miteinander verbinden und etwas auf der Bühne entsteht, was die Menschen emotional berührt und nachhaltig beeindruckt. Dann ist ihr und allen anderen Beteiligten etwas besonders gelungen – eine Geschichte zu erzählen.
Wenn Sie von nun an am Ende einer Aufführung applaudieren, denken Sie vielleicht auch an die vielen Beteiligten, die im Hintergrund agieren – klatschen Sie für sie mit. Und sollte Ihr nächster Besuch im Magdeburger Schauspiel- oder Opernhaus sein, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch Nadia Schrader persönlich am Werk war.
Ein brandaktuelles, theaterexternes Projekt, bei dem Nadia Schrader für die Ausstattung zuständig ist, ist die Stadtrauminszenierung „Thälmann ist niemals gefallen”, die in Kooperation mit dem Magdeburger Technikmuseum ihre Premiere am 26. März 2022 feiert und sich sowohl im Museum selbst, als auch über öffentliche Bereiche der Magdeburger Innenstadt erstrecken wird.| Von Jonas Lübcke

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