Mittwoch, September 28, 2022
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Den lassen wir weg!

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Interessieren Sie sich für Autos? Haben Sie sich in der letzten Zeit einen neuen Pkw zugelegt? Oder studieren Sie erstmal nur die Anzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften? Wenn Sie die einschlägigen Zeitschriften studieren, dann können Sie Unterschiede in den Werbeanzeigen und in den Berichten von Journalisten feststellen. Gemeint sind Unterschiede sprachlicher Art. Die Hersteller von Pkws, seien es Mercedes, BMW, VW, Toyota, Kia, Renault usw. – die Aufzählung ist unvollständig, in Deutschland gibt es mindestens 20 Anbieter von Pkws – scheinen äußerst großen Wert darauf zu legen, dass dem Namen ihrer Marke keinesfalls ein Bindestrich folgt, so, als würde er dadurch verunschönt werden, und das wollen sie offensichtlich vermeiden. „Die Audi Limousinen zeichnen sich durch eine gute Beschleunigung aus.“ „Ihr Mitsubishi Handelspartner ist ganz in Ihrer Nähe.“ „Opel zertifizierte Gebrauchtwagen.“ „Entdecke unsere SEAT Modelle.“

Sehen Sie sich doch bitte mal „Opel zertifizierte Gebrauchtwagen“ an. Eigentlich ist dies ein richtiger Satz, mit allem, was grammatisch dazugehört: ‚Opel‘ als Subjekt, ‚zertifizierte‘ als Verb in der Funktion des Prädikats, hier sogar in der Form der Vergangenheit, und ‚Gebrauchtwagen‘ als Akkusativobjekt (4. Fall). Also, es sieht so aus, als hätte Opel einen klitzekleinen Bericht über seine Tätigkeit in seinen Werkstätten gegeben. Die Kollegen haben die gebrauchten Autos überprüft, vielleicht kleine Mängel beseitigt und dann das, wie es heute so schön heißt, Label von Opel draufgeklebt oder ein Zertifikat, das ja eine schriftliche Bestätigung der Qualität ist, dazugegeben: Seht, liebe Kunden, wir haben das Auto zertifiziert, ihr könnt euch damit auf unsere gute Qualität verlassen. Nur, liebe Leserinnen und Leser, es war aber überhaupt gar nicht die Absicht des Autohauses, mit dem Inserat in der Zeitung einen Kurzbericht über die Zertifizierung zu geben. Die Freunde haben ganz einfach den Bindestrich weggelassen! Sehen Sie, wie es hätte aussehen müssen: „Opel-zertifizierte Gebrauchtwagen“. Das entspräche dann den Regeln über den Gebrauch des Bindestriches, wie sie in unserem Duden stehen und wie sie früher auch angewandt wurden. Für die Freunde der Grammatik dazu noch die Erläuterung: ‚opel-zertifiziert‘ ist ein sogenanntes Partizip II, auf Deutsch Mittelwort der Vergangenheit. Bei ‚das geschlachtete Schwein’ ist ‚geschlachtet‘ ebenfalls ein Partizip II.

Natürlich können Sie als Leserin oder Leser dieser Zeilen mir vorwerfen, dass das hier Geschriebene ziemlich spitzfindig ist und vielleicht sogar an den Haaren herbeigezogen ist. Schließlich verstehen wir alle doch, was mit „Opel zertifizierte Gebrauchtwagen“ gemeint ist. Richtig, wenn Sie eine solche Bemerkung machen. Wir haben es aber mit einem generellen Problem zu tun, das immer wieder in der Sprache auftaucht: Entfernen wir uns immer mehr von dem, was einmal in etwas früheren Zeiten als Regel, als Norm, aufgestellt worden war und das jetzt nicht mehr gilt? Wo ist die Grenze, wie weit können wir abgehen, weggehen, von dem, was einmal festgelegt war? Die Sprache ist natürlich ein sich selbstregulierendes System, das heißt, sie wird sich auch immer wieder selbst korrigieren, um ihre Funktion als Verständigungsmittel erfüllen zu können.

Nehmen wir einige Beispiele, wo das Setzen des Bindestrichs ebenfalls gerechtfertigt ist:

  • bei Straßennamen oder Bezeichnungen von Institutionen mit Eigennamen: Johann-Wolfgang-von-Goethe-Straße, Erich-Weinert-Straße, Juri-Gagarin-Ring., Friedrich-Ebert-Stiftung, Otto-von-Guericke-Universität. Aber aufgepasst, wenn nur der Familienname oder ein einfaches Substantiv steht: Goethestraße, Weinertallee, Marktplatz, Schmiedegasse, Bahnhofstraße, Altmarkt, Wikingerplatz.
  • bei Zusammensetzungen mit Kurzwörtern, Eigennamen und Abkürzungen: X-Beine, Merkel-kritische Demonstrationen, der 100-m-Lauf, der 1.-Klasse-Waggon, eine 1,5-l-Flasche, der Erste-Hilfe-Kurs des DRK, das FCM-Logo, die DIN-A5-Zeichnung, die CO2-Abgabe, der 4:0-Sieg, der K.-o.-Schlag, usw. usf.

Es ist, und da kommen wir wieder zurück zum Anfang und zur Überschrift dieses Artikels, auffällig, dass der Bindestrich immer weniger eingesetzt wird, nicht nur bei den bereits erwähnten Werbungen für die Automarken, sondern auch in alltäglichen Situationen. Bloß keinen Bindestrich!, so scheint die allgemeine Devise zu sein. Wenn Sie häufig mit der Eisenbahn fahren, dann sollten Sie erwägen, eine Bahncard zu kaufen. „Es gibt eine Probe Bahncard 50. Sie kostet für drei Monate ab 12. Dezember 72,90 Euro, zuvor 71,90 Euro.“ – so lautet die Werbung der Deutsche Bahn AG. Da ist eben nichts mit Probe-Bahncard-50, wie es gemäß den Rechtschreibregeln heißen müsste. Oder vielleicht wollen Sie sich, anstelle bei sogenannten Spaziergängen gegen Coronamaßnahmen mitzumachen, auch der Generationen Stiftung anschließen. Wie wäre es denn hier, liebe Damen, mit der Generationen-Stiftung, also mit Bindestrich?

Nun wäre natürlich auch die Frage zu erörtern, warum wird immer mehr auf den Bindestrich verzichtet? Die meisten Menschen von uns orientieren sich beim Sprechen und Schreiben an dem, was andere schon einmal von sich gegeben haben. Sie übernehmen deren Sprech- und Schreibweisen als Muster, als Modell. Und wenn jetzt, zu Coronazeiten, fast täglich in der Tagesschau das Eingangsportal des Robert Koch-Instituts gezeigt wird, dann werden die Zuschauer sich sagen, dass der Bindestrich wohl doch nicht so wichtig ist, denn – siehe weiter oben bei Zusammensetzungen – hätten die Erbauer und Infektiologen damals schon richtigerweise Robert-Koch-Institut geschrieben, also nach dem Vornamen schon einen Bindestrich gesetzt. Mit dem Weglassen des Bindestrichs macht auch unsere, die Ihnen hier vorliegende Kompakt-Zeitung keine Ausnahme: Kompakt Zeitung, so steht es auf der Titelseite. Es mag sein, dass es eingetragene Markennamen, also in irgendwelchen staatlichen Registern registrierte Einträge mit derartigen Bezeichnungen gibt, ja, aber im Vorfeld sind solche Bezeichnungen bereits ohne Bindestrich oder gar mit bewusster Leugnung eines möglichen Bindestrichs entstanden.

Vielleicht spielt auch der Einfluss des Englischen eine Rolle. Wenn Sie da etwas tiefer eingedrungen sind und vielleicht auch mit englischsprachigen Geschäftspartnern zusammenarbeiten, werden Sie feststellen, dass es sehr häufig Aneinanderreihungen von Substantiven gibt, ohne Bindestrich dazwischen. Und vielleicht wird dies dann ganz einfach und mechanisch auf das Deutsche übertragen. In der Regel verstehen wir als Leserinnen und Leser, dazu zählt sich auch der Schreiberling dieser Zeilen, den Sinn von Geschriebenem auch ohne Bindestrich. Aber wir preußisch-deutsch erzogenen Bürgerinnen und Bürger lieben natürlich auch die Klarheit, die Eindeutigkeit und die Übersichtlichkeit. Bei diesem neuen Trend, also dem Verzicht auf den Bindestrich, verliert in jedem Fall die Übersichtlichkeit. Ähnlich wie bei der mangelhaften Setzung des Kommas muss der Lesende kurze Millisekunden überlegen, was bei der Hintereinanderreihung von Wörtern gemeint ist.

Nun zu etwas, was anfangs etwas abwegig scheint, aber doch im Zusammenhang mit dem Bindestrich steht. Um ehrlich zu sein, die wenigsten von uns haben die finanziellen Mittel, sich im Hotel Adlon in Berlin für mehrere Tage einzuquartieren. Auch das Hotel Atlantic in Hamburg zählt zur gehobenen Kategorie. Uns geht es hier nur um die Bezeichnungen solcher Einrichtungen. Denn was wird uns heute geboten. Nehmen wir die Kristall Kur- und Gradier-Therme Bad Wilsnack. Was ist ein Kristall? Davon haben Sie eine Vorstellung, denn bei einem Gradierwerk können sich sicherlich schöne Kristalle bilden. Warum, so frage ich mich aber, steht dieses ansprechende und gut gewählte Wort ‘Kristall’ vorneweg, am Anfang der Bezeichnung dieser Therme? Denn: Die Kur- und Gradier-Therme Kristall in Bad Wilsnack bietet sicherlich einiges zum Wohlfühlen.

Ähnliche Gedanken mache ich mir zum Vitanas Demenz Centrum am Schleinufer in Magdeburg. ‚Vitanas‘ ist ein Kunstwort, sicherlich abgeleitet vom lateinischen ‚vita‘, das Leben. ‚Centrum‘ erinnert an die Centrum-Warenhäuser der DDR, die es in jeder Bezirkshauptstadt gab. Die Bezeichnung dieses lobenswerten Unternehmens Vitanas, das auch in anderen Städten Deutschlands vertreten ist, sieht eher aus wie das lieblose Hintereinanderschreiben von einigen Wörtern, und ‚Demenz‘ ist ja auch nicht gerade eine schmeichelhafte Umschreibung eines Geisteszustands. Und kann jemand erklären, warum ‚Centrum‘ mit dem Anfangsbuchstaben ‚c‘ geschrieben ist? Wenn Sie mich fragen, dann würde ich vorschlagen, die Einrichtung sollte sich ‚Gesundheitszentrum Vitanas‘ nennen.

Liebe Leserinnen und Leser, Sie und ich, wir wohnen im Bundesland Sachsen-Anhalt. Hier, in diesem Namen, gibt es ihn immerhin noch, den Bindestrich!

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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