Der 1. FCM hat ein neues Traditionskabinett

Pokale, die aus dem Drucker kommen |Der 1. FCM hat ein neues Traditionskabinett. Eine lebensgroße Krügel-Statue und die verschlungenen Wege der drei Meisterpokale. | Von Rudi Bartlitz

Wenn es im Sport darum geht, einen Traditionsverein zu benennen, dann lässt sich der 1. FC Magdeburg nicht lange lumpen. Er reiht sich gern in die vorderste Reihe derer ein, die solch ein Prädikat für sich beanspruchen. So weit, so gut. Gründe, stolz auf Vergangenes zu sein, gibt es in dem Klub, der in diesem Jahr sein 55-jähriges Bestehen feiert und sich auf Vorgänger-Gemeinschaften wie Viktoria 96, Preussen 99 und Cricket Victoria sowie später Aufbau Magdeburg beruft, wahrlich genug. Allein die Tatsache, einziger Europacup-Gewinner des DDR-Fußballs gewesen zu sein, würde in den Augen vieler schon genügen. Hinzu kommen drei DDR-Meis-tertitel und sieben nationale Pokalsiege. Um nur die wichtigsten Trophäen zu nennen.

Irgendwann taucht allerdings das große ABER auf. Denn zu sehen war von dieser reichen Historie, sieht man vielleicht einmal vom Briefkopf ab, für Außenstehende fast drei Jahrzehnte lang nicht allzu viel. Zwei kleine Vitrinen, die vor einiger Zeit dezent im VIP-Raum aufgestellt wurden und vor allem an Trainer-Legende Heinz Krügel erinnern – das war‘s dann schon. Doch nun ist Bewegung in die Vergangenheit gekommen. FCM-Urgestein Bernd Tiedge, einst Interimspräsident und Geschäftsstellenleiter, hat sich der Sache angenommen. Resultat: Seit Anfang Februar besitzen die Blau-Weißen endlich wieder ein eigenes kleines Traditionskabinett.

Auf einen umfangreichen Fundus konnten Tiedge und die Arbeitsgruppe Traditionspflege beim Neustart jedoch nicht zurückgreifen. Zu DDR-Zeiten noch waren die Blau-Weißen stolz darauf gewesen, eine umfangreiche sportliche Ahnengalerie zu besitzen. „Das alte Traditionskabinett im Grube-Stadion war Sahne“, erinnert sich Tiedge. „Dort gab es vieles aus der erfolgreichen Klubgeschichte zu besichtigen.“ Doch als die Wendewirren einigermaßen abgeklungen, die Köpfe wieder für andere Sachen frei waren und man sich an eine Bestandsaufnahme machte, gab es ein ziemlich böses Erwachen. Viele wertvolle Stücke waren aus dem unbewachten Gebäude verschwunden. Da hatten einige Zeitgenossen die Traditionswahrung ganz offenbar in die eigenen Hände genommen. Die spätere Umlagerung der Restbestände in den Stadionturm machte die Sache nicht viel besser. Mindestens zweimal wurde dort eingebrochen …

Vom sportlichen Aufstieg vor einigen Jahren befeuert, sagten sich Tiedge und ein neugeschaffener Arbeitskreis um Präsident Fechner: So kann es nicht weitergehen, wir müssen uns mehr um unsere Geschichte kümmern. Doch woher nehmen? Das wertvollste Stück der Vereinshistorie, der 1974 gewonnene Europapokal, hat als sogenanntes Zweit-original seinen Platz – und darauf ist man beim FCM stolz – im deutschen Fußballmuseum in Dortmund gefunden. Er hält dort gewissermaßen die Geschichte des DDR-Fußballs mit hoch. Will man ihn zu besonderen Anlässen einmal in Magdeburg präsentieren, ist ein aufwendiger „Hin- und Rückführungsprozess“ nötig.

Tiedge: „Also bemühten wir uns um einen originalgetreuen eigenen Pott.“ Doch alle kontaktier- ten einschlägigen Werkstätten, einschließlich der Schweizer Firma, die einst das Original schuf, winkten ab. Da hatte der FCM-Mann einen Geistesblitz: Als er im Fernsehen einen Bericht über 3-D-Dru-cker sah, fragte er bei dem Leipziger Unternehmen an. Dort staunte man zwar über das ungewöhnliche Anliegen, versuchte es aber. Und voila, da steht er nun, der wahrscheinlich erste auf diese Art geschaffene Pokal. Weil es so gut funktionierte, wurde gleich noch die 2018 gewonnene Trophäe für die Meisterschaft der dritten Liga in Arbeit gegeben.

Nicht weniger kurios ging es bei den Repliken für die drei DDR-Meisterschaften zu. Die einst im FCM-Besitz befindlichen Nachbildungen der Pokale galten lange Zeiten als verschollen. Bis sie Tiedge bei der Haushaltsauflösung des 2008 verstorbenen Heinz Krügel in dessen Magdeburger Wohnung entdeckte. Ob die Trainer-Legende, sozusagen als Lord-Siegel-Bewahrer, sie einst nur vor dem Verschwinden schützen wollte oder sie vielleicht als entgangene Meisterprämie ansah, ist nicht überliefert. Jedenfalls sind die drei Trophäen, zusammen mit etwa 100 anderen Ausstellungsstücken (da-runter Urkunden, Fotos, Pokale und teils eigenwillige Gastgeschenke wie ein aus dem finnischen Rovaniemi stammendes Schwert) jetzt im Kabinett zu besichtigen.

Gewaltigstes Ausstellungsstück dort ist eine wuchtige, lebensgroße Figur des einstigen Meistertrainers Krügel; gekleidet in einem ultra-hellblauen Trainingsanzug. Dem Besucher in der FCM-Geschäftsstelle in der Ebert-Straße springt sie als erstes ins Auge. Krügel, die Legende, wacht gewissermaßen vor der Tür der 25 Quadratmeter großen „Ruhmeshalle“. Gefertigt hat die Statue der an der halleschen Kunsthochschule Burg Giebichenstein tätige Künstler Philipp Lier. Material: robustes Robinienholz. „Unser Arbeitskreis Vereinskultur hatte die Idee dazu“, so Tiedge. „Dieser Figur sollen später weitere folgen, die an verdienstvolle FCM-Spieler erinnern. Wir hoffen dabei auf die Unterstützung unserer Sponsoren. Sie könnten die kleinen Kunstwerke dann bei sich in der Firma aufstellen.“ Sozusagen als Dauerleihgabe. Präsident Peter Fechner geht noch einen Schritt weiter: „Vielleicht können wir so eine FCM-Jahrhundertelf entstehen lassen.“

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