Dienstag, September 21, 2021
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Der 100. Geburtstag der FCM-Trainer-Legende Heinz Krügel wird von schweren Anschuldigungen gegen den Meistercoach überlagert.

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Der 100. Geburtstag der FCM-Trainer-Legende Heinz Krügel wird von schweren Anschuldigungen gegen den Meistercoach überlagert. Die Vereinsspitze geht der Sache zurzeit mit detaillierten Untersuchungen nach. | Von Rudi Bartlitz

Erinnerungen an einen 100. Geburtstag verknüpfen sich normalerweise mit Gedanken und Gefühlen, die viel von der Liebe zu einem Menschen erzählen. Die von hoher Achtung geprägt sind, die Lebensleistung des Verstorbenen würdigen. Diesmal ist es anders. Über die Erinnerungen an Heinz Krügel, der am 24. April ein Jahrhundert vollendet hätte, legt sich ein dunkler Schatten. Die 2008 verstorbene Trainer-Legende des 1. FC Magdeburg sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, im Zweiten Weltkrieg Angehöriger der berüchtigten Waffen-SS gewesen zu sein und dies später beharrlich verschwiegen zu haben.

Seit Jahresbeginn stehen die Beschuldigungen im Raum. Mehrere ostdeutsche Regionalzeitungen, da-runter die „Volksstimme“ („Schatten auf dem Denkmal“) und die „Mitteldeutsche Zeitung“ („Der Heinz von der Waffen-SS“), hatten über Krügels Wehrmachtszeit zwischen 1940 und 1945 berichtet. Als Quellen stützten sie sich u. a. auf ein bereits 2014 erschienenes Buch („Die Fußball-Nationaltrainer der DDR zwischen SED und Staatssicherheit. Eine biografische Dokumentation”) des Mittweidaer Hochschul-Professors Otto Altendorfer sowie jüngste Veröffentlichungen des Dresdner Fußballhistorikers Uwe Karte.
Ein Jahr nach Kriegsausbruch sei

Krügel, so berichten die Quellen, eingezogen und als Artilleriesoldat ausgebildet worden. Im August 1940 wurde er, mit 19 Jahren, Mitglied der Waffen-SS, „vermutlich freiwillig”, so Altendorfer. Die Waffen-SS galt als gefürchtete Elitetruppe und stand unter dem Oberbefehl von Heinrich Himmler, hinter Diktator Adolf Hitler die Nummer zwei im Machtgefüge der Nazis. Krügel gehörte der 5. SS-Division „Wiking” an. Er nahm an Hitlers Krieg in Polen, der Sowjetunion, in Finnland und auf dem Balkan teil.

In den ersten Tagen nach den Veröffentlichungen schwankte beim FCM und seinen Fans die Stimmung zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen. Fassungslosigkeit allenthalben. Mancher wähnte sich im falschen Film: Unser Heinz? Waffen-SS? Drohte ein Mythos zu zerbröckeln? Davon hätten sie nichts gewusst, äußerten selbst jene, die meinen, Krügel über Jahrzehnte gut gekannt zu haben. Das Altendorfer-Buch kannte offenbar niemand. „Es gehört zu den spannenden Rätseln der Gegenwart“, merkten die Regionalblätter an, „warum diese Arbeit beziehungsweise bestimmte Details von der Öffentlichkeit bisher so gut wie nicht wahrgenommen worden sind.“ Wolfgang Seguin, einst einer der Krügelschen Musterschüler und einer der Europacup-Helden von 1974, sagte der „Volksstimme“: „Solch eine Information muss ich erst einmal verarbeiten. Ich kenne ihn nur in seiner Funktion als Trainer, mit seiner Vergangenheit habe ich mich damals überhaupt nicht beschäftigt.“
Da war Seguin wohl nicht der einzige. Die Vereinsspitze reagierte umgehend und setzte einen Arbeitskreis (darunter Fan-Vertreter und einen Wissenschaftler) ein. Man will wissen, was dran ist an den Vorwürfen – bevor man sich öffentlich äußert. FCM-Präsident Peter Fechner, der der Gruppe vorsteht, erklärte: „Wir halten es für sehr wichtig, dass wir uns diesem Thema annehmen. Wir wollen unseren Beitrag zur Wahrheitsfindung in Bezug zur Person Heinz Krügel leisten.” Jens Janeck vom Fanrat fügte hinzu: „Die Fans bewegt die Diskussion um Heinz Krügel. Der Arbeitskreis ermöglicht eine ergebnisoffene und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten des 1. FC Magdeburg und seinen Fans.“

In offiziellen Fragebögen, schreibt Altendorfer in seinem Buch, habe Krügel die „Waffen-SS” stets verschwiegen. 1960 hätte ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi erste Hinweise darauf gegeben. Da war Krügel aber schon DDR-Nationaltrainer. Der oberste Fußballlehrer eines nach eigener Überzeugung zutiefst antifaschistischen Staates bei der Waffen-SS? Das konnte, das durfte nicht sein. Später fand die Stasi heraus, dass Krügel von 1940 bis 1945 „in der faschistischen Waffen-SS“ gedient habe. An die Öffentlichkeit gelangten diese Informationen natürlich nicht.

Heute, zwei Monate nach der Bildung des Arbeitskreises, sagt Fechner auf Anfrage der KOMPAKT-Zeitung: „Wir haben Kontakte zu Archiven im Bund und im Land sowie zur Stasi-Unterlagen-Behörde aufgenommen und Akteneinsicht beantragt. Ebenso haben wir uns an den Fußballverband gewandt, um in dort eventuell vorliegende Schriftstücke aus der Vergangenheit Einblick zu erhalten.“ Das Material werde gesichtet, Ende April – also erst nach Krügels „Einhundertstem“ – soll ein erster Überblick vorliegen. Es wird Fechner zufolge „einige Zeit in Anspruch nehmen“, das Material aufzuarbeiten, denn „wir wollen sorgfältig und tiefgründig recherchieren bevor wir mit den Resultaten in die Öffentlichkeit gehen“. Die Stadt Magdeburg, die dem Areal vor dem Stadion 2009 den Namen „Heinz-Krügel-Platz“ verlieh, werde derzeit keine eigenen „Aktivitäten“ unternehmen, verlautete auf Anfrage aus dem Rathaus. „Wir wissen, dass es derzeit neue Recherchen gibt, die vom 1. FC Magdeburg ausgehen, und warten die Ergebnisse dieser Forschung ab.“

Noch ist offen, welche Erkenntnisse der Arbeitskreis aus dem Studium der Unterlagen ziehen wird – vielleicht sogar ziehen muss. Eines dürfte klar sein: Sollten die bereits vorliegenden Quellen aussagekräftig sein und sich damit die derzeitigen Vorwürfe in ihren Grundzügen bestätigen, ist Handeln angesagt. Zumal in einem Verein, der die Tradition so hoch hält wie kaum ein anderer, der so stolz auf seine Vergangenheit ist. Ein Grund mehr, die ganze Geschichte des Clubs bekannt zu machen – auch jene Passagen, die dem offiziellen Gründungsjahr 1965 vorausgehen. Sehr wichtige Fragen bei der Beurteilung der „Causa Krügel“ werden sein, ob der junge Rekrut zum Dienst in der Waffen-SS gezwungen wurde – oder ob er, wie Altendorfer nahelegt, sich freiwillig dafür gemeldet hatte. Und, fast noch wichtiger: ob er in den Kriegsjahren persönliche Schuld auf sich geladen hat.
An den sportlichen Erfolgen, die die Blau-Weißen mit Krügel errangen, wird – egal, was die Dokumente sagen – wenig zu rütteln sein. In dem Jahrzehnt, in dem er die Mannschaft führte, eroberte sie drei Meisterschaften, gewann zwei nationale Pokale und als Krönung den Europacup der Pokalsieger. Es gilt zu Recht als die „goldene Zeit“ des FCM. Es stelle sich allerdings die Frage, so der Historiker Christoph Wagner im Internet, ob Krügel weiter ausschließlich als ein SED-Opfer dargestellt werden kann, weil er 1976 unter fadenscheinigen Gründen ein Berufsverbot erhalten hatte. Über dieses „Kaltstellen“ und die ihm zugrundeliegenden Motive der SED-Parteiführung wurde jahrzehntelang gerätselt. Die jetzt bekanntgewordenen Erkenntnisse könnten die Sache Wagner zufolge in einem noch anderen, völlig neuen Licht erscheinen lassen: Ging es gar nicht so sehr um die angeblich schlechte Vorbereitung der DDR-Olympiakader, wie Krügel vorgeworfen wurde? Oder seinen teils offenen Widerstand gegen SED-Direktiven? Sondern war es gewissermaßen eine sehr, sehr späte Rache der Stasi am Coach, an den man zu Beginn der sechziger Jahre nicht he-rangekommen wäre, ohne ein ebenso blamables wie zerstörerisches Bild von sich selbst zu vermitteln?

Fakt bleibt: Krügel war eben nicht nur ein bewundernswerter Trainer und ein Opfer der SED-Oberen, sondern auch Mitglied der Waffen-SS. „Das Erstaunen in Magdeburg ist ein bisschen erstaunlich“, erklärte Biograph Karte in einem MDR-Interview. „Wer Interesse daran gehabt hätte, hatte seit sechs Jahren die Chance, sich zu belesen.” Eine reine Opfergeschichte allein trägt wahrscheinlich kaum noch. Hier sollte ein neues Kapitel hinzugefügt werden. Denn möglicherweise offenbart sich im Fall Krügel ein Schicksal, das nach 1945 Zehntausende teilten, die von einem totalitären Regime mit einem verbrecherischen Auftrag in den Krieg geschickt worden waren: nämlich die Schwäche des Menschen, Teile seiner Geschichte, ob nun aus Scham oder wegen mangelnden Mutes, zu verdrängen und sich nicht zu ihr zu bekennen.

Die geplanten Ehrungen zum 100. Trainer-Geburtstag entfallen. Wie KOMPAKT erfuhr, war sogar ins Auge gefasst, einem oft geäußerten Wunsch der Fans zu entsprechen und der MDCC-Arena für ein Jahr seinen Namen zu verleihen. Am Grab auf dem Magdeburger Westfriedhof, dessen Pflege der Verein übernommen hat, soll am 24. April in aller Stille nur ein Blumengebinde niedergelegt werden. Für alle, die sich Krügel, wie auch immer, verbunden fühlen: eine bleierne Zeit – nicht nur wegen Corona.

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