Montag, November 28, 2022

Der 30. Meter: Das „Kreuz“ mit dem Kreuz

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Von Michael Ronshausen

Manche haben Jürgen Webers Verhalten vor bald 20 Jahren als Musterbeispiel an Frechheit bezeichnet! Der durchaus angesehene Kunstprofessor und Bildhauer schafft es in einer Art Dreiecksbeziehung zwischen den Städten Braunschweig (BRD), Magdeburg (DDR) und der völlig unschuldigen Domgemeinde, eines seiner Kunstwerke im Magdeburger Dom aufstellen zu lassen. Und als die Domgemeinde, nun schon nach der Wende, dieses Kunstwerk, es ist ein mehrere Meter hohes christliches Kreuz, an einem anderen Ort aufstellen will, kommt es zu einem Gerichtsverfahren, das die Domgemeinde zumindest im ersten Anlauf vor dem Landgericht verliert. Weber sieht seine Eitelkeit, sein Werk nun nicht mehr in der Mitte des Domes und zwischen den Gräbern Kaiser Ottos, Königin Edithas und Erzbischof Ernsts aufgestellt zu wissen, als verletzt an, prozessiert bis zum Ende vor dem Oberlandesgericht – und verliert letztlich doch. Tatsächlich war es die komplizierte Lage rund um die braunschweigische Schenkung an Magdeburg noch zur DDR-Zeit, durch die der Kreuzstreit Jahre später entschieden und beendet werden konnte.

Am Ende und um des lieben Städtefriedens Willen war niemand in Magdeburg bereit, Webers Kruzifix – es zeigt eine menschenähnliche Gestalt an einem halbtoten Baum – retour nach Braunschweig zu schicken oder es gar einzuschmelzen. So landete der Zweitguss des in einer Braunschweiger Vorortkirche befindlichen Originals 1989 im Magdeburger Dom, auf der Altarempore, unmittelbar hinter dem Hochaltar im Hohen Chor. Weber gelang es damit (vorerst), eines seiner Kunstwerke in einer großen deutschen Kathedrale auf- und auszustellen. Von Anfang an gab es auch begeisterte Stimmen, immerhin war es was „von drüben“ und kostete 50.000 Westmark! Tatsächlich verwandelte die Weberskulptur den religiös bedeutsamsten Ort im Dom in eine Art Disneyland und widersprach sowohl jeder optischen, christlichen, architektonischen und nicht zuletzt auch erinnerungswerten Tradition. Letztere gilt im Dom (und seinen Vorgängern) seit mehr als 1.000 Jahren und bezieht sich auf die Verwendung eines einfachen Kreuzes an dieser besonders geweihten Stätte.
Am Ende war es 1999 die Domgemeinde (ihr voran Domprediger Quast), die dem Zauber ein Ende machten und dem Kreuz einen weniger prominenten, aber zweifellos nicht weniger würdigen Aufstellungsort verordneten. Es bekam einen Platz in der Tonsurkapelle gegenüber dem Südportal – und eigentlich könnte die Geschichte hier enden. Das tat sie aber zum Erschrecken der Kruzifix-umräumenden Partei nicht, denn Professor Weber beschritt den Klageweg und forderte von der Domgemeinde die Zurückstellung seines Kreuzes an den ersten Standort. Nun kam es auch zu der eingangs erwähnten unfreundlichen Formel, denn mit seinen Begründungsversuchen machte sich Weber selbst bei denen lächerlich, die immerhin noch ein wenig Verständnis für seine Forderung hatten. Am Ende musste sich sogar 2004 Sachsen-Anhalts Oberlandesgericht mit Webers Wünschen auseinandersetzen.
Der Künstler, der die Berufsbezeichnung unabhängig von den hier beschriebenen Vorgängen durchaus verdient, der aber leider nicht einmal so viel Anstand besaß, seinem Prozessgegner bei einem Ortstermin die Hand zu reichen, behauptete beispielsweise, dass sein Kreuz infolge der Aufstellung an einem anderen Platz und gemäß dem Urhebergesetz seiner Wirkung beraubt werden würde. Und tatsächlich gab das Magdeburger Landgericht Weber anfangs recht. Erst die nächste Instanz machte dem Spuk, einer Kirchengemeinde vorschreiben zu wollen, wie sie ihr Gotteshaus ausstatten muss, ein Ende. Bezeichnend war letztlich die private Stellungnahme eines bekannten evangelischen Theologen (nein, Quast war es nicht), der meinte: „Man hätte warten können. Irgendwann gehen auch solche Probleme den Weg alles Irdischen.“ Jürgen Weber verstarb im Juni 2007. Sein Kreuz steht immer noch im Dom als Leihgabe der Stadt Magdeburg, der das Kunstwerk bis heute gehört.

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