Samstag, August 13, 2022
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Der „Achtzehnte“: Ein persönlicher Meter für Eva Felgenträger

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Von Anita Schmidt und Michael Ronshausen

In der langen Geschichte des Doms hat es unzählige Menschen gegeben, die durch das Bauwerk und seine herausgehobene Bedeutung bewegt worden sind. Und nicht wenige dieser Menschen haben sich bewegen lassen, ihr Engagement, ihre Zeit und ihre Kraft auch außerhalb ihres Arbeitslebens in den ehrenamtlichen Dienst der Domgemeinde und somit in den Dienst der Kathedrale zu stellen. Stellvertretend für alle, die hier einst mitgearbeitet haben, erinnern wir heute an Eva Felgenträger. Vor wenigen Wochen, am 21. November 2021, wäre Frau Felgenträger 100 Jahre alt geworden.

Schon 2003 hat der Mitautor dieses Beitrags mit der damals noch überaus agilen Eva Felgenträger ein Interview geführt. Seinerzeit für das im Dom erscheinende Gemeindeblatt – durchaus bewusst, welchen Wissensschatz die damals bereits 82-jährige „Ehrenamtliche“ mit sich herumtrug. Frau Felgenträger war ihm seit 1985 bekannt, und schon damals war ersichtlich, dass sie im Grunde genommen ein lebendiges Lexikon ist. Nicht nur, wenn es um die große Geschichte des Doms ging, auch bei den kleineren Alltäglichkeiten und Besonderheiten hatte sie fast immer etwas zu sagen. Noch 2003 konnte sie aus dem Stegreif alle Domprediger und Bischöfe benennen und selbstverständlich zeitlich alle Geistlichen einordnen (eine Fußballmannschaft!), die in ihrer langen Zeit am Dom mal durch Pfarrhaus und Kirchenschiff gelaufen sind.

Aber natürlich hatte auch sie irgendwann im kleinen Rahmen angefangen: als jugendliche Leiterin einer Mädchengruppe innerhalb der Domgemeinde. Das war in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre. Beruflich zuerst im Kahlenbergstift und später dann in den Pfeifferschen Stiftungen als Röntgenassistentin beschäftigt, blieb der Dom – und damit auch die Domgemeinde – bis ins nächste Jahrhundert hinein ihr eigentliches Zuhause. Für die familiär alleinstehende Dame gab es im und am Dom auch immer etwas zu tun. Tatsächlich war Eva Felgenträger seit den frühen 1950er Jahren und für lange Zeit die erste Frau, die als Mitglied des Gemeindekirchenrats Leitungsaufgaben übernahm und damit auch für das christliche Leben im Dom deutliche Zeichen setzte.

Bereits vor, aber noch mehr nach ihrem Ruhestand, konnte man ihr im Dom fast immer begegnen – egal, ob es um die Organisation von Veranstaltungen oder Konzerten ging. Im damals schon zeitweise touristisch überlaufenen Dom hat sie in den Gottesdiensten für Ruhe und Ordnung gesorgt, Kindergottesdienste geleitet, war im Besuchsdienst der Gemeinde engagiert und leitete ehrenamtlich verschiedene Gemeindekreise. Der heute im Dom betriebene „Kartentisch“ zum Verkauf von Informationsmaterial wurde in seiner damals wesentlich bescheideneren Form oft von Frau Felgenträger betreut. Dabei war sie auch immer die erste Ansprechpartnerin für Dombesucher, egal, ob es dabei um die Domgeschichte oder um Gemeindeangelegenheiten ging. Unabhängig von ihrem Engagement im Dom war Eva Felgenträger auch über alle Maßen an den großen und kleinen Geschehnissen des Lebens interessiert, kam gerne mit Menschen ins Gespräch und mochte erstaunlicherweise das Allee-Center, was verutlich auch etwas mit ihrer nahegelegenen Wohnung zu tun hatte.

Hier konnte man sie oft irgendwo in der „Mall“ sitzen sehen, wobei sie keine Gelegenheit ausließ, ihren kleinen Teil der Welt zu beobachten und bei Gelegenheit darüber ihre Meinung kundzutun. Tatsächlich war Eva Felgenträger in all ihrer bemerkenswerten – und wohl auch bewundernswerten – Art manchmal kein unkomplizierter Mensch. Sie konnte und wollte unbedingt ihre Meinung sagen, hat dabei aber gegenüber anderen Menschen und Kollegen nie den Respekt und eine angemessene Gradlinigkeit vernachlässigt. Im Freundeskreis und in der Gemeinde war sie sehr beliebt und konnte ausgesprochen fröhlich sein. Dabei war sie auch selbst immer ansprechbar.

In einer Feierstunde im Rathaus würdigte Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper Frau Felgenträger 2004 angesichts ihrer mehr als sechs Jahrzehnte währenden ehrenamtlichen Arbeit am Dom als verdienstvolle Einwohnerin. In den folgenden Jahren verließ sie ein Teil ihrer geistigen Kraft. Anfangs noch von ihrer Schwester unterstützt und betreut, lebte Eva Felgenträger in ihren letzten Jahren im Hedwig-Pfeiffer-Haus, wo sie am 7. Februar 2015 verstarb und von Domprediger Giselher Quast beerdigt wurde. Sie ruht gemeinsam mit ihrer Schwester Hildegard Schätzing auf dem kleinen Friedhof der Pfeifferschen Stiftungen. Würde man heute nach dem Warum des weitgehend im Dom verlaufenden Lebensweges Eva Felgenträgers fragen, bekäme man vielleicht die Formel von „verheiratet mit dem Dom“ zu hören. Aber diese Antwort ist zu kurz, denn ganz sicher war es an erster Stelle Eva Felgenträgers christlicher Glaube, der sie zu diesem langen und großartigen Engagement motiviert und befähigt hat.

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