Samstag, Oktober 1, 2022
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Der Chef und sein Musterschüler

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Andre Kilian gilt beim 1. FC Magdeburg als rechte Hand von Cheftrainer Christian Titz. Seit über zehn Jahren kennen sie sich. | Von Rudi Bartlitz

Andre wer? So fragten sich Fußball-Fans, als sie vor einigen Jahren in den sozialen Medien einen Clip mit FCM-Coach Chris-tian Titz sahen. Der war, damals noch Cheftrainer des Bundesligisten Hamburger SV, von Journalisten gebeten worden, einmal seine ganz persönliche Wunschelf zusammenzustellen. Heraus kam eine Mischung aus legendären Idolen, Bundesliga-Stars und Spielern, mit denen Titz persönlich zusammengearbeitet hat. Und da tauchte überraschend im Mittelfeld der Name Andre Kilian auf. Jener 34-Jährige also, der seit dem Frühjahr 2021 beim FCM als Assistenztrainer unter Titz arbeitet.

Viele glaubten seinerzeit zunächst, nicht richtig gehört oder hingeschaut zu haben. Aber tatsächlich, neben Weltstars wie Edwin van der Sar, Roberto Carlos, Johan Cruyff, Arturo Vidal und Christo Stoitschkow schrieb Titz für eine der Mittelfeldpositionen den Namen Kilian auf eine Tafel. Titz muss die Ungläubigkeit geahnt haben. „Ich habe ihn selbst noch trainiert“ erläuterte er – und strahlte dabei. „Andre war fußballerisch ein phantastischer Spieler, dessen Laufbahn aber leider von viel Verletzungspech geprägt war.“ Mit Manuel Neuer gewann der aus dem westfälischen Herne stammende Youngster 2005 für Schalke 04 den DFB-Junioren-Pokal, im Jahr da-rauf folgte an der Seite der künftigen Nationalspieler Mesut Özil und Benedikt Höwedes die deutsche A-Junioren-Meisterschaft für die Königsblauen.

Später trainierte der defensive Mittelfeldspieler unter Titz beim Regionalligisten FC Homburg. Kilian war sein Mannschaftskapitän, mehr noch: wegen dessen strategischer Fähigkeit sah er ihn als seinen „verlängerten Arm auf dem Spielfeld“. Danach trennten sich die Wege der beiden für geraume Zeit. Den heutigen „Co.“ verschlug es dabei sogar ans andere Ende der Erde, in die erste australische Liga, zu Nor-thern Queensland Fury FC. „Der erste Deutsche aus dem Land des zweifachen Weltmeisters, der in der höchsten australischen Liga spielt“, jubelte eine regionale Gazette. „Leider war es nur für ein knappes Jahr“, erzählt Kilian im KOMPAKT-Gespräch. „Der Verein bekam große finanzielle Probleme, wurde später sogar aufgelöst, der Vertrag ebenso. Ich war zudem verletzt und kehrte nach Deutschland zurück.“ Dennoch, die Zeit Down Under möchte er unter keinen Umständen missen. „Es sind Erfahrungen, die dich fürs Leben prägen. Ein phantastisches Land. Außerdem konnte ich mein Englisch derart vervollständigen, dass ich damals schon nach kurzer Zeit in dieser Sprache geträumt habe.“

Zurück nach Homburg. Nach über 200 Einsätzen in der Regionalliga musste er jedoch irgendwann erkennen, dass es wegen häufiger Verletzungen für den Schritt ganz nach oben „wohl nicht reichen würde“. Schon damals stand für ihn fest, dass er einmal Trainer werden wollte. „Das hat bereits mit 24 angefangen, als ich in Homburg die A-Jugend betreute.“ Nach einem Jahr als Co-Trainer des Regionalligisten ereilte ihn der Ruf aus Hamburg, konkret: von Christian Titz, der dort inzwischen zum Coach der Bundesligisten aufgestiegen war. Nach einem halben Dutzend Jahren waren sie also wieder vereint, der (Fußball)Lehrer und sein Schüler. Eine Symbiose, die sich fortsetzen sollte, als Titz nach seiner Freistellung in Hamburg zu Rot-Weiß Essen wechselte. Und als er dann im Februar 2021 den Chefposten beim FCM übernahm, dauerte es tatsächlich nur wenige Tage, bis die Blau-Weißen meldeten: Andre Kilian wurde als neuer Co-Trainer verpflichtet. Als spanne sich ein unsichtbares Band zwischen beiden Männern.
Heute gibt es nicht wenige in der Magdeburger Kicker-Szene, die Kilian als so etwas wie die rechte Hand von Titz betrachten. Unübersehbar: Gibt es Entwicklungen im Spiel, die möglicherweise einen neuen taktischen Ansatz erfordern, führt der Weg des Chefs, der meist abseits der Trainerbank auf und ab geht, fast immer zuerst zu Kilian. Dahinter scheint hohes Vertrauen in die analytischen Fähigkeit des Assistenten, in dessen enormes Fußball-Know-How zu stehen. Kilian wirkt in diesen Momenten, das unübersehbare weiße Coaching Book immer wedelnd in der Hand, wie ein Trainer-Flüsterer. Was er freilich, bescheiden wie pflichtbewusst, energisch bestreitet. Nein, ein Primus inter pares sei er nicht. „Es gibt bei uns keine rechte Hand oder ersten Ansprechpartner. Alle drei Co-Trainer sind gleichberechtigt. Wir sind alle die rechten Hände.“ Noch etwas ist Kilian zudem wichtig: Der Teamgeist unter den dreien – neben ihm noch Silvio Bankert und Matthias Mincu – sei beim FCM sehr ausgeprägt. „Wir tauschen uns intensiv aus. Jeder hat seine festen Aufgaben, wenngleich viele Dinge bei den Co-Trainern natürlich schwimmend sind.“ Titz zeichne zudem aus, dass, „wenn er das Gefühl von Vertrauen und Kompetenz hat, Dinge auch hin und wieder abgibt“.

Auf die Frage, als welchen Typ er sich unter den gängigen Trainer-Bezeichnungen (Feuerwehrmann, Schleifer, Spielerversteher usw.) sehen würde, denkt er ein wenig länger nach: „Das ist keine einfache Frage. Als Co-Trainer hat man viel Verständnis für die Jungs, ist sehr nahbar für sie. Das Wichtigste aber ist: Man will die Spieler besser machen. Entwicklung und Zusammenleben, das sind bei uns im FCM die zwei wichtigsten Punkte.“ Gar nicht schwer tut sich Kilian hingegen bei der Frage nach dem Trainer-Vorbild – Titz natürlich einmal ausgenommen. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Arsene Wenger, ganz klar.“ Den französischen Ex-Cheftrainer von Arsenal London habe er „schon immer bewundert, die Art, wie er hat Fußball spielen lassen. Mit Leuten wie Dennis Bergkamp, Robert Pires und Thierry Henry“.

Will man von Kilian wissen, ob er nun den Prototyp des ewigen Co-Trainers verkörpere und mit Titz („Was er hat, ist ein unbändiger Wille. Er ist ein extrem ehrgeiziger und energischer Trainer, der das Verlieren über alles hasst.“) quasi auf Dauer verbunden sei, wägt er seine Worte ab: „Es ist eine Zusammenarbeit mit ihm, die mich froh macht, dass ich das jetzt beim FCM miterleben darf. Ich verhehle nicht, dass ich mit Christian befreundet bin. Wir schätzen uns. Wir sehen den Fußball aus ähnlichen Perspektiven. Wir sind auch in der Lage, einmal etwas lauter zu diskutieren. Es ist eine super Zusammenarbeit mit ihm.“

Es wäre andererseits ebenso abwegig wie unglaubwürdig, wenn nicht auch Kilian irgendwann eine eigene Karriere als Cheftrainer vor Augen hätte. „Natürlich träumt man davon, einmal selbst Verantwortung für ein Team zu übernehmen. Ob ich es dann aber am Ende werde, steht noch einmal auf einem anderen Blatt Papier.“ Noch bremst er. „Erst einmal will ich versuchen, noch in diesem Jahr meine A-Lizenz zu machen. Dazu ist ein mehrmonatiger Lehrgang beim Deutschen Fußballbund nötig.“ Aber noch wichtiger, so ist deutlich herauszuhören, ist ihm etwas anderes: „Ich bin im Hier und Jetzt sehr glücklich. Darauf kommt es an. Ich fühle mich beim FCM sehr wohl. Und wir haben ja gemeinsam noch so viel vor …“

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