Der Magdeburger Kevin Kirchner: Box-Profi mit 18

Der Magdeburger Kevin Kirchner wagt den Sprung ins Lager der berufsmäßigen Faustkämpfer. Für ihn ist es Chance und Risiko zugleich. Nur beim Thema Tanzen wäre er einmal fast schwach geworden. | Von Rudi Bartlitz

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Am 10. Oktober soll für Kevin Kirchner die große Stunde schlagen. Eine, das weiß er schon jetzt, die er nie in seinem Leben vergessen wird. In der Mittellandhalle von Barleben, diesem kleinen Ort vor den Toren Magdeburgs, wird er an diesem Abend sein Debüt im Profiboxen geben. Mit 18 Jahren! „Boxen ist mein Ein und Alles“, erzählt er im Gespräch mit der KOMPAKT-Zeitung. „Dafür lebe ich. Dem ordne ich alles andere unter. Und seit mehreren Jahren steht für mich fest: Ich will Profi werden.“ Dafür schindet er sich seit Wochen. „Sieben Tage in der Woche eine Einheit von mindes-tens 90 Minuten, an manchen Tagen auch zwei.“

Wer das alles jetzt für einen vorübergehenden Spleen eines Heranwachsenden oder für mangelnde Fehleinschätzung hält, kennt die Geschichte des jungen Mannes aus Neu-Olvenstedt noch nicht. Seit nunmehr elf Jahren streift er sich die Handschuhe, die für ihn die Welt bedeuten, über. Schuld daran ist zuallererst Vater Bastian, ein „Boxverrückter“, wie er sich selbst bezeichnet, im besten Wortsinne. Schon Opa Walter Banse hatte sich im Seilgeviert versucht, Kirchner tat es ihm nach, brachte es auf regionaler Ebene durchaus zu „einigen kleineren Meriten“, wie er sagt. Der Faustkampf ließ ihn einfach nicht mehr los. „Es war wie eine Sucht.“ Eine Tätigkeit als Trainer und späterer Funktionär war nach dem Laufbahnende („Beim BCM sind wir einst in die zweite Liga aufgestiegen.“) geradezu vorgezeichnet. Als Schichtbetrieb und Wochenenddienste als Lkw-Fahrer auf Dauer nicht mehr die nötige Zeit fürs Boxen ließen, opferte er nicht etwa schweren Herzens das Ehrenamt. Nein, er wechselte den Beruf. „Als Hausmeister“, sagt er, „hatte ich danach viel mehr Zeit fürs Training mit den Kindern und Jugendlichen und für die zahlreichen Wettkampfreisen.“

Mit solch einem Vater blieb für Kevin eigentlich kaum etwas anderes übrig, als in dessen Fußstapfen zu treten. „Ich kannte es ja nicht anders“, lacht er. „Bei uns zu Hause dreht sich doch alles nur ums Boxen. 24 Stunden lang.“ Inzwischen sind alle fünf Kirchners infiziert. Kevins 13jähriger Bruder Leon versucht sich ebenso erfolgversprechend (Vater Bastian: „Er hat 22 von 25 Kämpfen gewonnen.“). Selbst Tochter Leonie (16), die schon mehrere Fights bestritt, und Mutter Bianka hat der Ring-Virus erfasst. Und doch, einmal, ganz am Anfang, drohte Kevin vom vorgezeichneten Weg abzukommen. „Mit sieben Jahren wäre ich fast Tänzer geworden“, verrät der 1,86 Meter große junge Mann, der inzwischen 92 Kilo auf die Waage bringt. „Die Bewegung, die Musik, das alles hat mir schon gefallen. Da habe ich wirklich überlegt.“ Der Vater schmunzelt: „Er bewegt sich wirklich elegant, noch heute, das kommt ihm im Ring auf jeden Fall entgegen.“ Und Fußball, der Traum fast jedes Jungen, zumal in Magdeburg? Kevin: „Ein Jahr habe ich beim FCM bei den Bambinis unter Trainer Rolf Retschlag mitgemacht. Aber irgendwann musste ich mich entscheiden, und da hat das Boxen dann doch gesiegt.“

Zumal die Erfolge für ihn, der einst bei Gerald Martikke bei Punching Magdeburg begann, nicht ausblieben. Dreimal war er Landesmeister. „Bei den deutschen Meisterschaften in den Jugendbereichen bin ich zweimal Vierter, einmal Fünfter geworden, beim Turnier der olympischen Hoffnungen Dritter. Aber für ganz oben“, räumt er ein, „da bin ich Realist, hat es leider nicht gereicht.“ Und durch ein richtiges tiefes Tal musste er in seinen jungen Jahren ebenfalls schon. „Nach dem Wechsel zum BC Nordwest hagelte es plötzlich Niederlage auf Niederlage, ich hatte den Eindruck, dass ich bei Vereinskämpfen und Turnieren immer die Stärksten der Gegenseite erwischte.“ Inzwischen bestritt er 40 Amateurkämpfe, von denen er die Hälfte gewann.

Den Kram in die Ecke zu werfen, die Disco dem Ring einfach vorzuziehen, dieser Gedanke kam ihm „eigentlich nie“. Noch etwas gab ihm Auftrieb. Vor Jahren kam er einmal mit dem heutigen Magdeburger SES-Halbschwergewichts-Weltmeister Dominic Bösel ins Gespräch. „Der sagte mir“, erinnert sich der Youngster, als wäre es gestern gewesen, „er sei nicht so weit nach oben in die Weltspitze gekommen, weil er der Talentierteste von allen gewesen sei, sondern weil er nie aufgesteckt, immer weitergemacht habe. An diesen Satz denke ich oft. Daran orientiere ich mich.“ Richtig aufgeblüht ist Kirchner, der den Magdeburger Ex-Weltmeister Robert Stieglitz als sein großes boxerisches Vorbild nennt, mit dem Wechsel vor zwei Jahren an jene Box-Akademie, die den Name des Box-Idols trägt. Unter den Fittichen von Trainer Sergej Sviridov machte er einen gehörigen Sprung nach vorn. Aber jetzt gleich zu den Berufsboxern? Zu früh? „Die Aussicht, ein Profi zu sein, begeistert ihn einfach“, meint der Vater. Amateurkämpfe vor 30, 40 Zuschauern und die Aussichten auf eine Medaille oder eine Urkunde lockten hingegen immer weniger. Die vermeintlich glitzernde Welt der Preisboxer dafür umso mehr.

Es sind Leute wie Andreas Günther, der vor einiger Zeit die „Schwerathletikscheune Barleben“ aus der Taufe hob, die sich der jungen Leute annimmt. Kirchner und Günther betonen unisono, die Bezeichnung Berufsboxer, selbst wenn sie eine Kampflizenz und die nötigen medizinischen Untersuchungen voraussetze, dürfe nicht falsch verstanden werden. Es bedeute nicht, dass die jungen Männer, die zwischen 18 und 26 Jahre alt sind, zunächst einmal davon leben können. Günther: „Sie werden weiter in ihren Berufen arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren. Bei uns können sie sich ein Zubrot verdienen. Wir reden hier vielleicht höchs-tens von einigen Hundert Euro. Aber wichtig ist: Sie können sich präsentieren, andere Promoter auf sich aufmerksam machen. Alles weitere Sportliche liegt dann zuerst in ihrer Hand.“ Für Kevin, der nach der Hauptschule eine Lehre als Fliesenleger abbrach, gilt es demnächst einen Job zu finden. „Vielleicht in der Sicherheitsbranche.“ Er will sich da nicht festlegen.

Eine Konkurrenz zu den großen Boxställen im Land strebe man nicht an, entgegnet Günther durchaus skeptischen Blicken. Mit SES Magdeburg, inzwischen eines der erfolgreichsten Faustkampf-Teams in Europa, hat er ja einen solchen Branchenriesen unmittelbar vor der Haustür. „Sich mit ihnen zu messen, wäre völlig illusorisch. Das ist auch nicht unsere Absicht. Mir geht es ebenso nicht darum, großes Geld zu verdienen“, versichert der promovierte Sportwissenschaftler der Uni Halle. „Ich möchte einfach etwas für das Boxen, mit dem ich auf den verschiedensten Ebenen seit langen Jahren verbunden bin, tun. Ich glaube, Veranstaltungen wie die, die wir planen, braucht es, um jungen Talenten, die es zum Berufsboxen zieht, vielleicht ein Sprungbrett nach oben zu bieten.“ Kleinring-Veranstaltungen nennt sich das im Fachjargon.

Bei genau solch einer also wird sich Kevin Kirchner, versehen mit der Kennnummer ID 954960 der weltweit agierenden Profiboxer-Website „boxrec“, in gut zwei Wochen erstmals präsentieren. In einem Gefecht im Cruisergewicht, dem Limit bis 90,7 Kilo, tritt er über vier Runden gegen den Norddeutschen Mario Laps an. Weitere Gefechte sind in diesem Jahr bereits in Dessau und Halle geplant.

Für Kevin Kirchner könnte es der Weg zu weiten Horizonten sein – wobei Abstürze durchaus einkalkuliert sind. Es muss – und kann – nicht unbedingt nach ganz oben gehen. Das wissen Vater und Sohn. Auch in kleineren Verbänden, sagen sie, gebe es Titel und den einen oder anderen Euro zu verdienen. „Boxen ist mein Leben“, bestätigt der angehende Jung-Profi mit Nachdruck. „Für mich der schönste Sport der Welt. Ich werde damit nie aufhören. Egal, wie es kommt.“ Sätze, die auch sein Vater gesagt haben könnte …

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