Der Magdeburger Rennverein wehrt sich zugleich gegen die Willkür des gesamtdeutschen Galopp-Verbandes

Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft | Die Bahn im Herrenkrug trotz der Pandemie. Der Magdeburger Rennverein wehrt sich zugleich gegen die Willkür des gesamtdeutschen Galopp-Verbandes. | Von Rudi Bartlitz

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Dass sich im Sport Corona-Krise und denkwürdige, noch nie registrierte Daten (und zuweilen sogar Rekorde) nicht unbedingt ausschließen müssen, dafür lieferte die Galopprennbahn im Magdeburger Herrenkrug am letzten Juli-Tag gleich mehrere Beispiele. Marke Nummer eins: Noch nie in der jüngeren Geschichte der idyllisch gelegenen Bahn an der Elbe wurde ein Saison-Aufgalopp so spät vollzogen wie diesmal. Schuld daran trug natürlich das Covid-19-Virus. Und wegen der strengen Hygiene-Regularien gab es gleich ein weiteres Novum: Nur maximal 1.000 Zuschauer waren auf der Bahn zugelassen. 3.500 Besucher pilgern im Schnitt zu den Veranstaltungen, bei Höhepunkten sind es 5000 und mehr. Rennvereins-Präsident Heinz Baltus: „Wir sind angesichts der Gesamtlage schon froh, überhaupt veranstalten zu können.“

Bei Marke Nummer drei geht es dann, trotz Corona, schon in rekordverdächtige Bereiche: Noch nie zuvor waren 125 edle Rösser für eine Veranstaltung auf dem 1.750 Meter langen Geläuf avisiert. Baltus: „Wir stoßen an unsere Grenzen, vor allem was die Zahl der Boxen betrifft.“ Die Pferde kamen aus allen Teilen der Republik, und sogar Gestüte und Ställe aus Tschechien und den Niederlanden hatten Meldungen abgegeben. Sie beweisen: Magdeburg hat an Anziehungskraft nichts eingebüßt, eher das Gegenteil ist der Fall. Wegen der hohen Zahl der Starter mussten zwei Rennen sogar geteilt werden, so dass am Ende zehn Läufe auf dem Programm standen. Und noch ein Rekord wurde registriert: Trotz limitierter Zuschauerzahl verzeichnete der Totalisator einen Umsatz von mehr als 254.000 Euro. Toto-Chef Torsten Meyer: „Ein Wahnsinnsergebnis.“ Und das an einem Wochentag. Rund 85 Prozent der Einsätze stammten dabei von Wettern außerhalb Magdeburgs.
Das mit dem Freitagnachmittag besitzt allerdings auch eine Kehrseite. Und zwar eine, die fast schon sportpolitische Dimensionen annimmt. Im Magdeburger Rennverein waren sie im Vorfeld der Veranstaltung gelinde gesagt erbost darüber, wie das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen bei der Vergabe von Renntagen mit Bahnen im Osten umspringt. „Unsere festen Termine“, so Baltus vor Journalisten, „hat man uns kommentarlos weggenommen und für Ende Juli jemanden gesucht, der an einem Freitag-Nachmittag veranstaltet.“ Weil der Wochentag den großen Westbahnen nicht lukrativ genug erschien. Doch damit nicht genug. Wegen des für die Existenz des Galoppsports hochwichtigen Stellenwerts der Wetten beschloss die Zentrale in Köln pro Tag nur eine Veranstaltung in Deutschland zuzulassen. Der Präsident dazu: „Die großen Vereine veranstalten jetzt am Samstag und Sonntag. Den kleinen bleibt nur der Freitag – oder die Option, gar nicht zu veranstalten.“ Friss oder stirb.
Der Idee, eventuell später im Jahr noch Renntage auszutragen, erteilt Baltus eine klare Absage. „Unser zweiter und für 2020 letzter Renntag wird, wenn es die Pandemie-Lage überhaupt zulässt, der 12. September sein. Wir werden nicht im Herbst und Winter veranstalten, wenn die anderen keine Lust mehr haben. Es gab schon immer eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die wurde in diesem Jahr noch manifes-tiert. Die großen Vereine veranstalten am Sonntag mit der tollen Viererwette und den Übertragungen auf Sport1, und die kleinen gucken in die Röhre.“ Dann schiebt der Präsident aber nach: „Mal abwarten, wer überlebt – die Großen oder trotzdem die Kleinen?“
Worauf Baltus hier möglicherweise anspielt, ist die handfeste Krise, in der sich der deutsche Galoppsport, vor allem durch die Pandemie, derzeit befindet. Michael Vesper, Präsident des Verbands Deutscher Galopp, bezeichnete die Situation dieser Tage als „schwerste Krise des Rennsports seit dem Zweiten Weltkrieg“. Geisterrennen und Solidaritätsaktionen können „nur einen kleinen Teil der Verluste ausgleichen, die uns ohne unser Zutun entstehen”. Die Rennbahnen würden keine Eintrittsgelder mehr einnehmen und Veranstaltungen außerhalb des Rennsports durchführen können, Sponsoren würden abspringen. „Das führt zu erheblichen Einbußen. Deswegen hoffen wir auch auf eine staatliche Unterstützung.” Einerseits bei der Zulassung von Zuschauern, andererseits für eine Entschädigung für Einbußen, die man „unverschuldet erlitten“ habe.
Magdeburg jedenfalls zeigt sich einerseits nicht bereit, im Disput mit der mächtigen (gesamtdeutschen) Galoppbehörde zu kuschen noch angesichts der Pandemie-Auswirkungen zu resignieren. Baltus: „Alle unsere Sponsoren sind uns treu geblieben. Es sind sogar ein paar hinzugekommen.“ Die traditionsreiche Anlage, auf der seit 1906 Rennen gelaufen werden und die von 64 Hektar grandioser Parklandschaft umgeben ist, präsentiert sich heute in fabelhaftem Zustand. Ein richtiges Vorzeigestück der Stadt. Nichts mehr zu sehen von den Folgen der schlimmen Flutwelle, die hier 2013 wütete; die zweite seit dem verheerenden Jahrhundert-Hochwasser von 2002. Sie hatte ein Stück Erde hinterlassen, das eher einer Mondlandschaft denn einer Parkanlage glich. „Während der Corona-Zeit ist hier viel gemacht worden“, so Baltus.
Stolz verweist der 67-Jährige auf das neue Sani-tärgebäude, das mit finanzieller Hilfe der Stadt geschaffen wurde und das leidige Toilettenproblem der Vergangenheit endlich gelöst hat. Und auf die neue Startmaschine. Wobei, sie bereitete ausgerechnet bei der Premiere Ärger. Für 100.000 Euro war das mit moderner Technik versehene, 17 Meter breite Ding angeschafft worden. 15 statt bisher zwölf Galopper können mit ihm auf die Reise geschickt werden – wenn sich denn die Boxen öffnen. Taten sie ausgerechnet in den ersten beiden Rennen nicht, und der Präsident sprang sinnbildlich im Quadrat. So erlebten die Zuschauer einmal etwas, was wie ein Relikt aus der Steinzeit des Rennsports wirkte: einen Flaggenstart.

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