Montag, September 26, 2022
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Der Möllenvogteigarten im Spannungsfeld der Geschichte(n)

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Die Stadtmauer Magdeburgs gestern, heute, morgen – Teil 5

von Dr. Eckhart W. Peters

Studium an der Universität Hannover, Diplom 1970. Danach bis 1974 Forschungsaufträge für den Vorderen Orient. 1975 Promotion, freier Architekt. 1993 – 2008 Leiter des Stadtplanungsamtes Magdeburg, diverse Veröffentlichungen, Herausgeber der Schriftenreihe des Stadtplanungsamtes, ca. 120 Veröffentlichungen, Beauftragter IBA 2010 mit vielen einzelnen Objekten, Tafeln und dem IBA-Pfad in Magdeburg. Mitglied der Architektenkammer und ehemals des Präsidiums der DASL.

Der Kirchenvogt (Advocatus Ecclesiae) war in früheren Zeiten der weltliche Schutzherr einer Kirche oder eines weltlichen Stifts, aber auch zuständig für das weltliche Gericht. In Magdeburg löste er im 13. Jahrhundert den Burggrafen ab, so dass er auch für die Gerichtsbarkeit und den Vollzug im Bereich der Domfreiheit zuständig war. Als „Verwalter“ war er im Bistum für die Naturalabgaben (dem Zehnten) und für die wesentlichen Bauvorhaben verantwortlich. Für das Erzbistum Magdeburg hatte Otto der Große geregelt (s. Uhlitz, Karl O.; Geschichte des Erzbistums Magdeburg, 1887, S. 45) „…zwischen Saale, Elbe und dem am rechten Muldenufer sich erstreckenden Höhenzug. Innerhalb dieses Gebietes konnte das Bekehrungswerk mit Unterstützung der vollständig gesicherten weltlichen Gewalt in Angriff genommen werden, durch die Verleihung des Zehntens, dessen Ertrag mit der Ausbreitung des Christentums stieg, sollten die Magdeburger Geistlichen zu eifriger Tätigkeit angespornt werden …“

„Das Amtssiegel, dessen sich die Möllenvögte in den älteren Zeiten bedienten, wenigstens im 15. Jahrhundert, ist kreisrund und trägt als Siegelbild eine Bischofsmütze. Von 1637 ab haben alle Möllenvögte dasselbe Siegel, kreisrund, mit dem Bilde des heiligen Moritz mit der Fahne zwischen dem Schilde des Erzstifts und dem Reichsschilde mit dem Doppeladler“ (aus: Hertel, Die Möllenvögte von Magdeburg, 1901, S. 108).

Die Spannungen zwischen der starken Position des Burggrafen und dem Kirchenvogt wurden in Magdeburg erst im 12. Jahrhundert durch Bischof Wichmann (Bischof von 1152–1192) zugunsten des Vogts gelöst. Der Burggraf verlor seine Funktion und die Verwaltung innerhalb der Domfreiheit wurde im Auftrage des Bischofs vom Vogt vorgenommen. Der erste Möllenvogt ist Heinrich Loibock (1362 – 1385), der Name Möllenvogt bildet sich aus dem Begriff der Mühlen (hier befand sich eine Pferdemühle/Göpel) und hieß oft auch „Vogt in oder auf dem Mühlenhofe“. Die Autorin Sabine Ullrich hat dieses Buch über die Möllenvogtei in Magdeburg („Der Garten der Möllenvogtei und des Erzbischofs“, Heft 77/2005) im Auftrag des Stadtplanungsamtes Magdeburg recherchiert.

„Der Möllenvogteigarten und das Domumfeld ist heute ohne das älteste erhaltene profane Haus der Stadt nicht denkbar“, resümiert Christian Antz, der das Einzeldenkmal komplett saniert hat. „Von den mittelalterlichen Domherrenkurien, also den Wohnhäusern der Domkapitulare, die den Erzbischof gewählt haben, ist der Remtergang 1 das einzige Zeugnis und wurde bis 1810 als solches genutzt.”

Seit ca. 1635 residierte hier zusätzlich der Domsyndikus, also der Rechtsbeistand des Domkapitels, nachdem sein Sitz zerstört wurde. Das 1631 und 1945 nicht abgebrannte Gebäude sitzt an der Elbseite direkt auf der Domimmunitätsmauer mit dem Gotischen Tor von 1493 auf; auf der Domseite grenzt es an den Remtergang an, der erst 1896 einen Durchgang im Tatarenturm Richtung Friesenpark erhielt. Das seit dem Mittelalter immer wieder an- und umgebaute Stein- und Fachwerkhaus stellt heute den städtebaulichen Dreh- und Angelpunkt zwischen Elbe und Domplatz dar.“    

Die ursprüngliche Grenze zwischen Domfreiheit und Bürgerstadt war durch die verschiedene Gerichtsbarkeit und durch einen Schlagbaum klar abgegrenzt. Sie ist heute verwischt worden. In jüngster Zeit wurden der Möllenvogteigarten und der Schlossgarten miteinander verschmolzen und mit finanziellen Mitteln des Erhaltungssatzungsgebietes „Südliches Stadtzentrum“ vom Stadtplanungsamt neugestaltet. Jeder Spatenstich im Möllenvogteigarten führt die Archäologie zu neuen Erkenntnissen und exemplarisch gelang es dem Archäologen Rainer Kuhn an einer Stelle, die ca. 4 Meter Kulturschutt bis auf den gewachsenen Boden zu untersuchen. Die freigelegte Stratigraphie (Schichtenkunde) dokumentiert über tausend Jahre die städtebauliche Entwicklung Magdeburgs am Prallhang an der Elbe.

So gehörte zum Möllenhof auch ein Brunnen – dort in der eiszeitlichen Rinne – der immer Wasser führte, gespeist vom Schichtenwasser über dem Domfelsen und vom Rückstau von der Elbe. Nach dem Abpumpen des Wassers aus dem Brunnen bis auf den Grund kam ein in Naturstein gemauerter Tunnel zum Vorschein (ca. 80 Zentimeter breit und 110 Zentimeter hoch). Bei der Befahrung mit einer Kamera und einer anschließenden „Begehung“ des Tunnels stellte sich heraus, dass der Tunnel durch die Stadtmauer in Verlängerung des gotischen Tores unterbrochen wurde – im heutigen Haus der Romanik. Vielleicht entwässert der Tunnel auch den Dom mit dem nördlichen Platz und führt neben dem Regenwasser auch das Schichtenwasser ab.

Gedanklich lebte die alte Sage wieder auf, dass die Mönche aus dem Magdeburger Dom über einen unterirdischen Gang im Falle des Feindangriffes bis nach Ostelbien unentdeckt fliehen konnten. Oder hatte gar über diesen Gang nach einem Pakt mit dem Teufel ein Mönch eine junge, bildschöne Nonne in seine Zelle geholt (S. Chorgestühl im Hohen Chor im Dom). Besonderer Ort für archäologische Befunde sind neben dem Brunnen die Latrinen, häufig fallen beim Toilettenbesuch „Dinge“ in die Latrine, die nicht wieder geborgen werden. Neben den vielen Flaschen mit bischöflichen Siegeln ist interessanterweise in einer Latrine hinter dem vom Magistrat erbauten Turm am „Haus der Romanik“ eine Flasche mit dem Siegel von Napoleon gefunden worden. (s. auch Comte de Ségur; Napoleon á Moscou, 1825, S. VIII). Napoleon weilte vor dem Russlandfeldzug am 13.07.1812 in Magdeburg und übernachtete im Haus Domplatz 5. Das Bild scheint plausibel, dass sein Bruder Hieronymus auf der Latrine sitzend eine Flasche edlen französischen Weines leerte und unentdeckt die leere Flasche in der Latrine verschwinden ließ. Jährlich versammeln sich hier an der Elbe Tausende von Saatkrähen – seit Jahrtausenden? – kreisen über dem Dom, dem Fürstenwall und der Möllenvogtei und der Elbe. Nach einem mir nicht nachvollziehbaren System verteilen sie sich über die Stadt, ernähren sich von Früchten, Nüssen und Abfällen. Ihre Kommunikation ist laut zu hören, jedoch, ich verstehe ihre Sprache nicht. Sicherlich werden sie in ihrer Heimat Sibirien von den Spuren des Magdeburger Rechts, von der historischen Besonderheit unter Kaiser Otto und den Magdeburgern berichten, die heute im alten russischen Dampfbad und dem Möllenvogteigarten eine Flasche Rotwein leerten – im heutigen Restaurant „Fürstenwall“.

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