Montag, November 28, 2022

Der neue digitale Nürnberger Trichter

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Lernen ohne Anstrengung, das wäre endlich die Lösung, die vielen helfen würde, nicht nur Schülern und Studenten. Seit der Nürnberger Dichter Georg Philipp Harsdörffer (1607 – 1658) sein Poethiklehrbuch – also ein Lehrbuch zum Erlernen der Dichtkunst – unter dem Titel: „Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen“ 1647 in Nürnberg veröffentlicht hatte, ist der „Nürnberger Trichter“ ein Synonym für einfaches, problemloses Lernen geworden. Das zu Erlernende wird einfach in den Kopf geschüttet. Harsdörffer hat es anders gemeint, aber das spielt heute keine Rolle mehr; das „geflügelte Wort“ vom mühelosen Lernen hat sich über die Jahrhunderte fest etabliert. Generationen von Pädagogen haben an einem solchen Ansatz gearbeitet: wie vermittelt man am besten Wissen und wie sichert man, dass der Lernende das Erlernte auch nachhaltig behält. Es gibt wunderbare, bewährte und erfolgreiche pädagogische Konzepte und es gibt viel Unsinn, der durch Massenexperimente an Tausenden von Schülern ausprobiert wurde und wird und der nur zur Verdummung und zu noch geringeren Halbwertszeiten im individuellen Wissensbestand führt.

Wenn man sich die Mühe macht, die jährlichen PISA-Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, erkennt man, wie das Wissen bröckelt, wie es in Belanglosigkeit und Unfähigkeit hinein diffundiert. Das gilt für das einfache Lesen und Schreiben genauso wie für Mathematik oder Naturwissenschaften. Nun ist ein neues Werkzeug dazu gekommen, das wieder viele hoffen lässt: die Digitalisierung der Lehre. Die Digitalisierung von Prozessen aller Art gibt es schon lange und sie nimmt kontinuierlich zu, ob in Indus-trie, Handel, Bankwesen oder Verwaltung. Natürlich wurden auch schon viele Jahre Lehrinhalte digitalisiert, aber die gegenwärtige Corona-Pandemie hat zu einem immensen Aufschwung all dieser Bemühungen geführt. Schüler und Studenten sitzen gezwungenermaßen zu Hause und verfolgen irgendeine Wissensvermittlung auf dem Bildschirm, vertiefen möglicherweise die Lerninhalte durch weitere digitale Recherchen, bearbeiten Aufgaben und stellen sich dann ggf. auch Online-Prüfungen. Das ist alles eine feine Sache, die den konventionellen Ansatz erweitert, aber uns wird dauernd erzählt, dass digitales Lernen die Zukunft ist. Wer das erzählt macht sich allerdings schon der Beihilfe zur Störung von Lernprozessen schuldig.

Es gibt kein digitales Lernen. Es gibt in unseren Köpfen keine Instanz, die aus Nullen und Einsen Texte, Musik oder Bilder erzeugt. Lernen ist immer analog. Die Protagonisten verwechseln die Darstellung und Übermittlung von analogen Informationen durch digitale Medien mit der Erfassung, dem inhaltlichen Begreifen dieser Informationen. Man muss hier also etwas aufpassen. Es ist sehr zu begrüßen, wenn digitale Hilfsmittel im Unterricht eingesetzt werden, weil sie die Rezeptionsfähigkeit und das Verständnis für komplexe Sachverhalte fördern: In Erdkunde kann man auf einer digitalen Karte das behandelte Land besser studieren, im Geschichtsunterricht kann begleitendes Videomaterial zum besseren Verständnis der Vergangenheit beitragen und in Mathematik z. B. fördert die Simulation einer mathematischen Funktion und ihre sofortige grafische Darstellung den Erkenntnisprozess. Am Schluss bleibt aber bei aller Unterstützung des Lernprozesses die Notwendigkeit, das Wissen in den Kopf des Individuums hi-neinzubringen. Hier gibt es mentale Schranken.

Jeder Lehrer, auch jeder Hochschullehrer weiß, dass zu viele Bilder in einer Power-Point-Präsentation gerade das Gegenteil einer effektiven Wissensvermittlung darstellen. Die Zuschauer schalten in den Modus „Kino“ um, betrachten zwar alles, merken sich aber nichts, weil keine Zeit zum Verständnis eingeplant wurde. Tafel und Kreide sind heute verpönt. Gut, man kann auch eine digitale Tafel benutzen, aber es kommt vor allem darauf an, das Wissen scheibchenweise anzubieten, mit Schritten, die für das Begreifen notwendig sind. Informationsüberfrachtete Bilder, schnelle Sequenzen im Bildwechsel, fehlender, hierarchischer Aufbau des Lehrgegenstandes erzeugen Stress und am Schluss Unwissenheit und Apathie. Die Vorlesung ist zu Ende, der Dozent hat seine 100 Folien gezeigt und alle gehen nach Hause, ohne etwas gelernt zu haben, sie haben im besten Falle Verständnis für die Komplexität des Problems gewonnen. Lösungskompetenz wurde nicht erzeugt. Das ist die latente Gefahr beim „digitalen Lernen“ und beim unkritischen Einsatz digitaler Mittel.

Aber es gibt ein noch größeres Problem. Gerade jetzt, in der Corona-Zeit, wird es augenfällig. Es fehlt die Präsenz. Nicht nur, dass sich ein Lernender zu Hause „verstecken“ kann und dies dem Lehrer überhaupt nicht bewusst wird; die nonverbale Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer, eine Geste, ein Lächeln oder Kopfschütteln, eine kleine Eigenart des Dozenten, über die die ehemaligen Schüler oder Studenten noch nach Jahrzehnten lachen können, sorgen für die notwendige Rückkopplung und fördern den Lernprozess. Die geglättete Digitalvorlesung, der „Hochglanzvortrag“, emotionslos durch das Netz geschickt und auf die „Hörer“ losgelassen, führen nie zur Verbesserung des Lernens. Dazu gibt es genügend Studien. Mir bekannte Hochschullehrer, die noch im aktiven Dienst stehen, beklagen die fehlende Präsenzlehre. Viele Rektoren der deutschen Universitäten und Fachhochschulen mussten zwar wegen Corona die online-Lehre massiv fördern, sind aber überhaupt nicht glücklich, wenn pädagogische Verwaltungsstellen, also auch Ministerien, von einer Ausweitung des präsenzlosen Unterrichtes schwärmen, weil es da, so ganz durch die Hintertür, viele Möglichkeiten gibt, zum Beispiel fehlende Lehrer zu kompensieren, Wissen als Konserve ohne Verfallsdatum auszulagern oder ganz nebenbei, allerlei Kontrollen durchzuführen. Viele Berufstätige, die jetzt im Home-Office arbeiten, haben das schon kennengelernt. Die Kontrollmöglichkeiten durch digitalen Unterricht sind vielfältig.

Fassen wir zusammen: Digitales Lernen gibt es nicht, das ist, trotz aller sprachlichen Toleranz, wieder eine neue pädagogische Wunderwaffe. Lernen ist immer analog. Aber natürlich kann und soll man digitale Mittel in den Lernprozess integrieren. Dazu leben wir im beginnenden Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Nur wird das alles nicht funktionieren, wenn wir unsere natürliche Intelligenz nicht so nutzen, wie es unserer analogen Existenz entspricht. Auf einen funktionsfähigen Nürnberger Trichter werden wir also weiter warten müssen. | Von Prof. Dr. Viktor Otte

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