Mittwoch, August 10, 2022
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Der neue Struwwelpeter

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Kann man in der Schule das Diktatschreiben üben? Ich würde sagen, nein, das ist nicht möglich. Man könnte sich natürlich einen Text hernehmen, der den Schülern diktiert wird, dann wird dieser Text korrigiert und erneut diktiert. Jetzt gibt es weniger Fehler, natürlich. Und wenn man das nochmal und vielleicht nochmal wiederholt – immer mit demselben Text –, dann könnte am Ende das Ergebnis „fehlerfrei“ herauskommen. Aber die Zahl der Wörter in einem Text ist begrenzt. Von den mehreren Tausenden passiv durch die Schüler beherrschten Wörter kommt nur ein geringer Bruchteil in einem Diktat vor. In den unteren Schulklassen hat sicherlich die Richtigschreibung von Wörtern den Vorrang. Die Probleme Groß- oder Kleinschreibung, Zusammen- oder Getrenntschreibung, Setzen des Kommas tauchen erst später auf und sind auch für Erwachsene die tatsächlichen Schwierigkeiten in der Rechtschreibung. Dafür wurden Regeln erarbeitet, aber die sind kompliziert, und, wenn man ehrlich ist, sie werden wenig beachtet.

Die Frage ist, ob es nun auch Regeln für das richtige Schreiben von Wörtern gibt? Wie wird das oder das Wort geschrieben? Ich schreibe so, wie ich spreche – das wäre doch eine einfache Lösung. Ich kenne die Buchstaben, die setze ich hintereinander, damit habe ich das Wort geschrieben, und fertig! Ja, wenn es doch so einfach wäre!

Buchstabe. Was ist ein Buchstabe? Ich könnte einfach antworten, ein Buchstabe ist ein Laut. Den Buchstaben schreibe ich auf Papier oder, neuerdings, mit Hilfe einer Tastatur auf einen Bildschirm. Den Buchstaben sehe ich. Einen Laut höre ich. Der Buchstabe soll einem Laut entsprechen. Aber das stimmt nur bedingt oder stimmt gar nicht. Nehmen wir als Beispiel den Buchstaben ‚e‘. Wie viele Laute gibt es zum Buchstaben ‚e‘?

‚e‘ ist der fünfte Buchstabe unseres deutschen Alphabets und der am häufigsten vorkommende Buchstabe in einem deutschen Text. ‚e‘ ist ein sogenannter Selbstlaut, ein Vokal. Die Möglichkeiten zur Aussprache des ‚e‘, also diesen Vokal zu hören, sind sehr vielfältig. Aber die Verwendung des Buchstaben ‚e‘ geht sogar so weit, dass das ‚e‘ in manchen Fällen gar nicht zu hören ist.

Als Vokal, Selbstlaut, kann ich diesen Buchstaben ‚e‘ erstmal als sogenanntes geschlossenes ‚e‘ bezeichnen. Beispiele: Ehre, Heer, mehr, wegen, edel, Esel, Besen, Kelle, eben. In den genannten Wörtern ist also ‚e‘ in der betonten Silbe von der Aussprache her ‚geschlossen‘. ‚geschlossen‘ heißt, dass sich unsere Lippen und der Mund, also der Sprechapparat, bei der Aussprache wenig öffnen. Wenn ich ein beliebiges Wort mit dem Buchstaben ‚e‘ buchstabiere, dann verwende ich zu meinem Gegenüber auch das geschlossene ‚e‘ als Buchstabiername. Im Gegensatz dazu steht das sogenannte offene ‚e‘. Der Sprechapparat ist mehr geöffnet. Der Laut geschlossenes ‚e‘ hat mehr die Tendenz zu einem ‚ä‘. Sprechen Sie ‚der Bär‘ und beobachten Sie dabei Ihre Lippenbewegungen. Beide Wörter, ‚der Bär‘, werden Sie mit den gleichen Lauten aussprechen. Aber dieser gleiche Laut wird unterschiedlich geschrieben! Beispiele für offenes ‚e‘ sind: der, Erbe, er, her, Herbst, empfangen, hell, Gertrud, Ende, sterben.

Neben diesen beiden Varianten der Sprechweise des ‚e‘ finden wir noch eine dritte. Nehmen wir das Wort ‚leben‘: In der ersten, betonten, Silbe ein geschlossenes ‚e‘, in der zweiten, unbetonten, Silbe ein Laut, der mehr einem verschluckten ‚ö‘ gleicht. Dieser Laut ist nicht deutlich definierbar, er erscheint eher wie hingehaucht. Die drei Varianten der Aussprache des ‚e‘ können wir sogar in einem einzigen Wort kennenlernen: ‚erleben‘: erste Silbe ‚er‘ wird mit offenem ‚e‘, ähnlich dem ‚Bär‘, gesprochen; die zweite Silbe ist betont und enthält ein geschlossenes ‚e‘; die dritte, völlig unbetonte Silbe wird mit diesem verschluckten Hauchlaut ‚ö‘ gesprochen.

Sehr häufig taucht in unserer Sprache die Buchstabenkombination ‚-er‘ auf, und zwar am Ende von Wörtern wie: hier, Schüler, Lehrer, Bauer, Kinder, Rinder, schöner, roter, genauer, richtiger. Der bei der Aussprache entstehende Laut ähnelt wiederum mehr dem verschluckten und gehauchten ‚ö‘ mit einer Tendenz zu ‚a‘. Ein deutlicher Laut zum Buchstaben ‚r‘ ist nicht zu hören, ‚e‘ und ‚r‘ verschmelzen miteinander. Wenn doch jemand das ‚e‘ und das ‚r‘ deutlich artikulieren sollte, dann klingt dies geküns-telt und könnte vielleicht bei Ausländern in solcher Form akzeptiert werden.

Offenes ‚e‘, geschlossenes ‚e‘, kaum zu hörendes ‚e‘, und dann gibt es noch ein ‚e‘, das überhaupt gar keinen Laut darstellt und dementsprechend auch nicht zu hören ist: spielen, Stiefel, Fliege, Miete, Klavier, Biene, Vieh, Spiegel, Ziel, sieben, Wiese. Der Buchstabe ‚e‘ dient, so könnte man meinen, dazu, dass der Laut ‚i‘ lang gesprochen wird. Aber wie ist es mit Klima, Tiger, Biber, Nil, Maschine, Kino, Titel? Auch lang gesprochen, aber ohne einen Laut ‚e‘! Bei ‚Vieh‘ ließe sich auch noch darauf verweisen, dass ja das ‚h‘ noch zusätzlich die langgezogene Aussprache bedingt. Könnten wir da nicht auf das ‚h‘ verzichten? Sehen Sie sich hierzu auch die Konjugation von ‚stehlen‘ an: ich stehle, du stiehlst, er stiehlt …

Wir als Deutsche lieben es, wenn alles in seinen geordneten Bahnen läuft. Alles gut geregelt, alles in überschaubare, klare Regeln und Gesetze gefasst, nicht nur bei Corona. Das würden sich viele auch für unsere Sprache wünschen. Leider funktioniert das aber nicht. Versuchen Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser, dafür Regeln aufzustellen, wie der Buchstabe ‚e‘ verwendet wird, und solche Regeln anderen Menschen, insbesondere den Mädchen und Jungen in der Grundschule, zu vermitteln. Selbst wenn es Ihnen gelingt, einige Regeln zusammenzustellen, dann haben Sie aber viele, sehr viele Ausnahmen davon.

Das, was wir hier oben bezüglich des Buchstabens ‚e‘ lesen, gilt in abgewandelter Form auch für den Buchstaben ‚a‘. In der DDR-Zeitschrift „Sprachpflege“ erschien Anfang der 1960-er Jahre ein Gedicht von Heinz Krentzlin, das die Schwierigkeiten der Richtigschreibung zeigt. (Leider war es nicht möglich, den Jahrgang und die Heftnummer der Zeitschrift zu ermitteln.)

Heinz Krentzlin

Der neue Struwwelpeter
Die Geschichte vom Konrad,
der sich die Haare ausraufte

,,Konrad”, sprach die Frau Mama,
,,ich geh’ aus, und du bleibst da.
Lerne fleißig mit Gewinn,
was da steht im Duden drin.
Und vor allem, Konrad, hör,
raufe nicht die Haare mehr!
Sonst ist dort, wo jetzt dein Schopf,
ratzekahl der ganze Kopf;
nicht ein einzig Haar bleibt da,
du siehst aus wie der Papa.“
Mutter hat sich kaum entfernt,
setzt sich Konrad hin und lernt:
Doppelt steht das a in ,,Saal“,
weil lang gesprochen der Vokal.
Lang ist auch in ,,Wahl“ das a,
deshalb schreibt man es mit h.
Lang muß auch in ,,Mal“ es sein,
deshalb steht das a allein.
Da kann’s Konrad nicht mehr lassen,
muß sich in die Haare fassen,
und er zerrt und zaust und rauft,
wobei er ganz zornig schnauft:
,,Einmal Saal, dann Wahl und Mal,
Schreiben ist doch eine Qual!”
Weil der Konrad so empört,
er auf Mutters Rat nicht hört,
und er rauft an seinem Schopf,
bis kein Haar mehr auf dem Kopf.
Als die Mutter kommt nach Haus,
sieht der Konrad traurig aus,
ohne Haare steht er dort,
die sind alle, alle fort.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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