Freitag, September 30, 2022
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Der vergessene Schriftsteller

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Reinhard Szibor erinnert an den Pastor und Schriftsteller Heinrich August Müller aus Menz bei Magdeburg.

Kennen Sie die Sinnsprüche „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz“ oder „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“ und schließlich „Was du nicht willst, dass man dir tu, dass füg’ auch keinem andern zu“? Wahrscheinlich haben auch Sie diese Verse schon oft zitiert! Aber wussten Sie auch, dass sie von einem Pastor und Schriftsteller aus dem Jerichower Land stammen?

Es ist nicht ganz leicht festzustellen, ob Heinrich August Müller wirklich der Autor der Sprüche ist oder ob er sie nur zusammengetragen hat. Schließlich stand z. B. die Botschaft „Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, also tut ihnen auch“ schon in der Bibel (Lucas 6, 31). Die Tatsache, dass wir alle diese Verse in einer griffigen Form im Gedächtnis haben, verdanken wir dem Pastor aus Menz (später wohnhaft in Wolmirsleben) aber ganz sicher. Sie gehören zu den Sinnsprüchen, die mit einem seiner erfolgreichen Kinderbücher große Verbreitung fanden. Der Titel: „Bitte! Bitte! liebe Mutter! lieber Vater! guter Onkel! beste Tante! schenke mir dies allerliebste Buch mit den schönen bunten Kupfern und den vielen hübschen Erzählungen – Ein neues ABC-Buch nach Pestalozzi’s und Stephani’s Lehrmethode“ erscheint uns heute kurios und sperrig. Dieser 1811 erschienene Bestseller avancierte zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinderbücher des 19. Jahrhunderts und erlebte 1857 seine 8. Auflage. Müller hatte mit seinen Büchern großen Anteil an der Ausrichtung des Denkens mehrerer Generationen, auch wenn spätere Forscher sein Werk kritisch sahen. Es ist wie mit dem „Struwwelpeter“. Er steht in der Kritik moderner Pädagogen, aber er war von beispiellosem Erfolg gekrönt! Weitere Reime aus Müllers Buch sind vom gleichen Guss wie die vorn zitierten Verse und sprechen somit dafür, dass alles vom gleichen Hirn ersonnen wurde. Aber die meisten seiner Sinnsprüche sind vergessen. Wenn wir sie heute lesen, müssen wir schmunzeln, umso mehr, als Menschen meiner Generation, die zum Kriegsende oder kurz danach geboren worden sind, sich unwillkürlich an die 10 Gebote der kommunistischen Kinderorganisation „Junge Pioniere“ erinnern, die wir in der Grundschule lernen mussten und die, außer dass wir nicht im christlichen Sinne fromm sein mussten, eigentlich ganz ähnlich waren.

Heinrich August Müller gehört ganz sicher nicht zu den großen Schriftstellern Deutschlands. Seine literarische Qualität ist eher bescheiden. Deshalb ist er auch weitgehend in Vergessenheit geraten. Aber jeweils eine kleine Gedenktafel an seinen Geburts- und Wirkungsstätten und eine Vitrine in den entsprechenden Heimatstuben mit Ausgaben (ggf. Kopien) einiger seiner Werke hat er trotzdem verdient! Jedoch in seinem Geburtsort und in seinen Wirkungsstätten kannte man ihn bis vor kurzem nicht. Zumindest war auf Anfrage in den jeweiligen Gemeindeverwaltungen und Pfarrämtern nichts über ihn bekannt. Zwar ist er in den Kirchenbüchern auffindbar, aber dass er ein Schriftsteller war, ruft Erstaunen hervor. Das ist schon verwunderlich, schließlich hat er nicht nur das erwähnte Kinderbuch, sondern sage und schreibe mehr als 170 (!) Bücher geschrieben und dabei eine unglaubliche Vielseitigkeit bewiesen. Sogar Ausgaben in flämischer Sprache lassen sich im Antiquariatsangebot Hollands finden. Zu all den Büchern kommen noch Aufsätze und Schulregularien, die er z. B. für die pädagogische Zeitschrift „Der Neueste Deutsche Schulfreund“ schrieb.
Ich freue mich sehr, dass die heutige Besitzerin des ehemaligen Pfarrhauses Menz, Frau Schrank, meiner Anregung folgend an dem Haus eine Gedenktafel angebracht hat, die an den Pastor Müller erinnert. Sie betreibt dort übrigens ein kleines und urgemütliches Café, in dem man die weltbeste Stachelbeer-Baiser-Torte essen kann. Wer die probieren will, sollte sich aber anmelden, da das Café nicht immer geöffnet hat.

Heinrich August Müller wurde 1766 in Greußen bei Sömmerda geboren und kam 1797 als Prediger nach Menz. Von dort aus hatte er auch noch die Gemeinde des Dörfchens Pöthen zu versorgen. Letzteres liegt genau in dem Gebiet zwischen Möckern, Gommern und Königsborn, in dem das Napoleonische Heer im April 1813 seine erste Niederlage auf deutschem Boden hinnehmen musste. Müller nahm 1813 bis 1814 als preußischer Brigadeprediger am Freiheitskrieg teil und dürfte somit wohl auch im Herbst 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig miterlebt haben. Nach dieser Zeit ging er als Pastor nach Wolmirsleben bei Egeln, wo er bis zu seinem Tode im August 1833 gewirkt hat.

Müllers Bücher waren auf eine moralisch-sittliche Lebensorientierung und erbauliche Unterhaltung ausgerichtet und standen in christlich-aufgeklärter Tradition. Zum großen Teil wurden sie vom bekannten Räuberroman-Verleger Gottfried Basse in Quedlinburg herausgebracht und waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sehr beliebt und in Leihbüchereien weit verbreitet. Viele seiner Bücher weisen einfach nur „Pastor Müller“ als Autoren aus. Wenn man auch merkt, dass sie von einem frommen Menschen geschrieben wurden, handelt es sich dabei keinesfalls um religiöse Lehrbücher sondern vielfach um Ritter- und Räubergeschichten und romantische Schauergemälde. Der Thüringer Literaturrat zählt allein 169 Bücher des Autors auf. Andererseits sind darin einzelne Titel, die das Magdeburger Biographische Lexikon von Heiko Borchardt aufführt, nicht einmal verzeichnet. Viele historische Romane, z. B. zur Eroberung Amerikas, über die „gräßliche Bartholomäusnacht“, „Abenteuerlicher und wunderbarer Feldzug eines jungen Kosakenoffiziers“ und andere historische Bilder aus dem Mittelalter bis zum Beginn des 18. Jahrhundert wären erwähnenswert.

Aber abgesehen davon, dass es schon allein schwierig ist eine korrekte Titelliste zusammenzutragen, ist es auch aus Platzgründen nicht möglich, hier auch nur eine einigermaßen repräsentative Auswahl seiner Werke vorzustellen (zumal ja kaum etwas zugänglich ist, geschweige denn von mir gelesen wurde). Zum Teil hat Müller auch einfach Werke Walter Scotts nacherzählt. Im Vereinigten Königreich wurde er deshalb als ein wesentlicher Repräsentant der deutschen Literatur wahrgenommen, was sicher übertrieben ist.

Hervorzuheben ist der Roman: „Selbstmord und Raserey, die Folgen der zärtlichsten Liebe“. Man könnte denken, dass es sich bei Müllers Erstlingswerk nur um eine etwas rührselig erzählte Geschichte, die im Kabale-und-Liebe-Stil von einem bildschönen bürgerlichen Mädchen handelt, das gegen seinen Willen mit einem adligen Herrn verheiratet wird und natürlich weiterhin den ihr versprochenen fleißigen, aber armen Studenten liebt. Die Art, wie der Autor hier die Psyche der jungen Frau beschreibt und wie er Verständnis für ihren Suizid zeigt, muss wohl zur damaligen Zeit noch etwas sehr Ungewöhnliches gewesen sein. Jedenfalls wird dieses Buch gemäß seines Untertitels „Ein Beytrag zur Erfahrungs- Seelenkunde“ auch heute noch als ein wichtiges frühes Werk der Psychologie zitiert.
Wirklich interessant ist Müller vor allem als Kinderbuchautor. Er verbindet in seinem auch für den Gebrauch in Schulen bestimmten Werk seine aufklärerische, philanthropisch ausgerichtete Grundhaltung mit Pestalozzis Elementarmethode. Andererseits sind sogar die „Lese-, Denk- und Sprechübungen nach Pestalozzi“ und die ,,Erzählungen zu den naturhistorischen Bildern“ von einer ,,naiv-christlichen Orientierung“ geprägt, die dem „aufklärerischen Impetus“ nicht gerade förderlich ist. (Göbels in Doderer 1975, Bd. 2, ).

Nicht nur das anfangs erwähnte Buch mit dem putzigen Titel war ein Bestseller, auch „Das nützlichste Buch für kleine Kinder. Oder: Bilder-ABC- und Lesebuch von H. Müller, Prediger in Wolmirsleben, mit 28 ausgemalten Kupfern und den interessantesten, den Fassungskräften des Kindes angemessenen Erzählungen. – Fünfte, verbesserte und vermehrte Auflage“ erlebte viele Auflagen. Man findet sie heute in Internet-Antiquariaten zu nahezu unbezahlbaren Preisen. Erfreulich dagegen, dass man sich mehrere digitalisierte Bücher Müllers aus der Universitätsbibliothek Braunschweig kostenlos herunterladen kann: „Hans Egede und seine Gattin unter den heidnischen Grönländern: Ein schönes Lebensbild für Jung und Alt“, und „Vater Beresfort‘s naturhistorische Unterhaltungen mit seinen Söhnen über die Wunder, die Pracht und den Nutzen der Meteore – Anleitung zur Betrachtung und Kenntniß großer, mächtiger, freundlicher und ergötzlicher Naturerscheinungen“ „Pastor Müllers“ Naturkundebuch „Vater Beresforts naturhistorische Unterhaltungen…“ hält auch heutiger wissenschaftlicher Betrachtungsweise stand. (Als verkaufsfördernder Hinweis findet sich die Information, dass Müller Verfasser des Erfolgsbuches „Bitte, bitte liebe Mutter…“ ist.

Als Naturwissenschaftler war ich von diesem Buch fasziniert. In der Geschichte ist einer der beiden Söhne blind, weshalb der Vater ihm die Welt beschreibt. Darüber hinaus erklärt der Vater aber auch den Sehenden alles, was der Titel verspricht und noch mehr. Wunderbar ist, dass naturwissenschaftlich fast alles auch heute noch haltbar ist und die Erläuterungen sogar teilweise über das hinaus gehen, was für die meisten unserer Zeitgenossen zum Allgemeinwissen gehört. All den unsinnigen Dingen, die noch heute über die Gefahren von Blitz und Unwettern grassieren, wird eine Abfuhr erteilt. Wo Naturerscheinungen, wie z. B. das Nordlicht, noch nicht richtig erklärt werden können, übt der Autor Zurückhaltung. Aber Hinweise, dass es sich beim Letzteren wohl um ein elektrisches Phänomen handelt, gehen immerhin in die richtige Richtung. Beeindruckend ist auch diese Stelle, die ich aus gutem Grund hier zitieren möchte: „Aber, so fragte Eduard, wie entsteht ein Regenbogen? Ich kann darauf nichts anderes antworten, als daß er durch die Brechung und zurückwerfen der Sonnenstrahlen in den Regentropfen hervorgebracht wird…Jeder Sonnenstrahl, wenn er in einem durchsichtigen Körper gebrochen wird, zerteilt sich in die Farben, die wir im Regenbogen sehen. Das zeigt uns ein Prisma…“ Damit gibt Müller genau den Stand des Wissens wieder, der damals schon dank der Newtonschen Experimente verfügbar war. Zur gleichen Zeit diffamiert der Dichterfürst J. W. v. Goethe Newtons Prismenversuch als „eine Folterung, ja Kreuzigung des Lichtes“, verachtet sie als „Taschenspielertricks“ und beschimpft Newton übel: „Wer aber das Licht in Farben will spalten, den mußt du für einen Affen halten.” Wie angenehm hebt sich doch da das Buch des Pastors aus dem kleinem Dorf Menz von den Phantasien des Dichterfürsten ab, die dieser in seinem Nonsenswerk „die Farbenlehre“ von sich gibt und sich selbst unter grandiosem Realitätsverlust so feiert: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein, … daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der Einzige bin, der das rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zu Gute, und ich habe das Bewusstsein der Superiorität über viele.“ Da kann Menz schon etwas stolz sein auf seinen vergessenen Schriftsteller, der sicher keine wirklich große Literatur geschaffen, aber doch einen klaren Blick auf die Naturwissenschaften hatte, ein beachtliches Werk hinterließ und in mancher Beziehung klüger als der hoch angesehene Goethe war.

Inzwischen gibt es dank Google im Internet noch mehr Bücher zu entdecken. „Des Knaben von Neapel Gefahr und Rettung: oder Reiseabentheuer von Rom nach Tibet; ein Lehr- und Sittenbuch für die Jugend beiderlei Geschlechts von 10 bis 14 Jahren“ liegt mir vor. Auch aus dem schon erwähnten Bestseller „Bitte! Bitte! liebe Mutter! lieber Vater! guter Onkel! beste Tante! schenke mir dies allerliebste Buch…“ kann man sich einzelne Passagen und Kupferstiche kostenlos aus dem Internet herunterladen. Es ist schon aus Platzgründen nicht möglich die Titel aller 170 Bücher hier aufzulisten, möglicherweise wäre das auch langweilig. Erwähnen möchte ich noch die Reisebeschreibungen „Die Lust- und Kinderreise durch das malerische Thüringen: Schilderung merkwürdiger Orte und Personen, Abenteuer, Geschichten und Anekdoten für die lernbegierige Jugend“ und „Merkwürdigkeiten, Abenteuer, Erfahrungen und Bekanntschaften; gesammelt für die reifere Jugend auf einer Vergnügungsreise über den Ober- und Unterharz“, die auch noch heute in ganz aktuellen Reiseführern zitiert werden. Es ist schwierig, diese, wie auch die meisten der ca. 170 anderen Werke des Autors, kennenzulernen. Aber z. B. Müllers Harz-Erfahrungen sind in der Harzbibliothek zu Wernigerode einzusehen.

Ich bin sicher, dass es angemessen wäre, den vergessenen Schriftsteller H. A. Müller wieder ans Licht zu holen und seinen Einfluss auf die Kultur und das Denken des 19. und 20. Jahrhunderts zu dokumentieren. Vielleicht würden sich ja die Institute für Geschichte oder Pädagogik der OvGU bereitfinden, zur Hebung des Schatzes Masterarbeit zu vergeben. Münden könnte das Ganze in einer kleinen Ausstellung in der Stadtbibliothek Magdeburg.

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