Der Verlust der Neugier

Heute wird Vieles medial vernebelt und der Wunderglaube sprießt auch. Der hat es auch einfach, er verzichtet auf die Verträglichkeit von behaupteten Sachverhalten und den Naturwissenschaften. Neues wird nur von bohrender wissenschaftlicher Neugier geboren. | Von Prof. Peter Schönfeld

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Erfolgreiche Staatslenker sind um den Rundblick, den sie haben müssen, nicht zu beneiden. Sie müssen in ihrem Visier eine Vielzahl von Herausforderungen haben, wie die zukünftige Energieversorgung, den Umweltschutz, das Gesundheitswesen, den Arbeitsmarkt, die Landwirtschaft oder die Pflege gutnachbarlicher Beziehungen zu anderen Staaten. Ein gedeihender Staat muss aber auch darauf achten, dass bei den Jüngsten und Jüngeren der Gesellschaft die intellektuelle Neugier, das Verlangen, Verborgenes zu erkennen, gefördert wird. Der Stachel der Neugier muss aber auch tief sitzen, denn nur dann besteht Hoffnung, dass unsere Nachkommen einmal den wissenschaftlich-technischen Fortschritt mit intellektueller Kreativität „beflügeln“ werden. Offensichtlich ist die Rekrutierung von solchen Neugierigen schwierig, denn wenn das nicht so wäre, dann müssten die Studierwilligen die naturwissenschaftlichen Fakultäten unserer Universitäten überrennen. So etwas liegt derzeit aber weit neben der Realität.

Wundern und Neugier
Als Katia Ebstein 1970 auf dem Eurovision Song Contest in Amsterdam mit charismatischer Stimme sang, „Wunder gibt es immer wieder“, wurde sie mit diesem Ohrwurm der dritte Sieger. Wie recht sie doch damit hat. Die zunehmende Anziehungskraft der Homöopathie und deren teilweise Vergütung durch einige Krankenkassen ist eines der Wunder in unserer so scheinbar aufgeklärten Zeit. Wer sich in diese Problematik vertiefen möchte, denen empfehle ich den Artikel: „Hokuspokus auf Rezept“ (S. Batzter in der Zeitschrift „Wirtschaft“, Nr. 9, 2017). Aber das soll hier nicht das Thema sein, ebenso nicht die von Sensationslust getriebene Neugier. Vielmehr treibt mich die Frage um: Warum geht bei unseren Enkelkindern augenscheinlich die intellektuelle Neugier verloren? Eigentlich sollte das ja gar nicht möglich sein, denn die Neugier ist uns angeboren, was sich auf unverfälschte Weise an den erkundenden Aktivitäten von Babys und Kleinkindern zeigt. Erst durch ihre Neugier entstehen bei diesen neue, neuronale Netzwerke, die ein vielfältiges Kommunizieren der Neuronen über (meist) chemische Signale ermöglichen. Neugier hilft uns, Neues zu entdecken und auch Neues zu denken. Die Wortschöpfung Neugier drückt aber auch aus, dass sie mit Gier nach dem Verstehen wollen strebt.

Ich hatte lange Jahre das Glück, den Umgang mit Studenten zu haben. Das hat mir geholfen, meine Sicht auf ihre Bewertung der Lehre, der Erwartung an das Studium im Allgemeinen und an die Gesellschaft immer wieder zu aktualisieren. Wenn heute junge Leute ein Studium beginnen, begegnen sie in der Regel dem vielen Neuen an einer Universität viel cooler als wir es in ihrem Alter konnten. Dazu trägt u. a. bei, dass sie durch die gewonnene Reisefreiheit mehr oder weniger weltläufig geworden sind. Sie treten im Vergleich zu meiner Generation weniger verklemmt auf, sind schreibgewandter und neigen nicht dazu ihre Lehrer für allwissend zu halten. Vergibt man an sie Vortragsthemen, dann schaffen sie es, sich mit einer knappen Hilfestellung schnell in ein Thema einzuarbeiten und präsentieren dieses danach oft auch auf beeindruckende Weise dem Auditorium ihrer Kommilitonen. Aber, was das Fragen der Zuhörer in der anschließenden Diskussion betrifft, ist dieses oft spärlicher geworden, so erscheint es mir zumindest. Dadurch entsteht der Eindruck, dass bei ihnen das faustische Interesse an dem „was die Welt im Innersten zusammenhält“ abgenommen hat. An den Zahlen der für naturwissenschaftliche Fächer eingeschriebenen Studenten zeigt sich recht deutlich, dass bei den Abiturienten die Erwartung geringer geworden ist, bei den Naturwissenschaften ein erfülltes Arbeitsleben zu finden. Das ist aber nicht der einzige Indikator für die schwindende Neugier. Auch die mittelmäßigen Ergebnisse der PISA-Studien legen nahe, dass sich unser Land in Richtung Bildungsferne bewegt. Das Magazin für politische Kultur Cicero erklärt das so: „Wenn heute irgendetwas dazu führt, dass sich Menschen weniger dem Wissenwollen widmen, dann ist es die zeitgenössische Bewertung von Bildung – und zwar nicht vonseiten der sogenannten bildungsfernen Schichten, sondern von denen, die sie haben und verwalten. Es wird Zeit, Wissen und Neugier gegen einen Zeitgeist zu verteidigen, der eher dem Vergessen, Vereinfachen und Entschlacken von Lehrplänen und Ansprüchen das Wort redet (www.cicero.de//kultur/pisa-studie-2019-bildung-lernbegleiter-ausbildung)“.

Wer einmal am Wochenende oder am späteren Abend mit einem amerikanischen Gastwissenschaftler über den Campus gehen sollte, der darf sich nicht darüber wundern, wenn dem Gast die Institute und Bibliotheken eher als Mausoleen erscheinen, statt Orten, die geschaffen wurden, um Neugier zu befriedigen.

Neugier lässt sich wecken
Ich lade sie jetzt zu einer fiktiven Stunde im Chemieunterricht ein. Im Unterricht sollen der Grafit und der Diamant besprochen werden. Der Lehrer beschreibt Grafit als eine weiche, schwarzglänzende Masse und den Diamanten als einen extrem harten, stark lichtbrechenden Kristall. Um deren Unterschiedlichkeit noch stärker zu betonen, schweift er kurz ab und kommt auf das französische Märchen „Die Schöne und das Biest“ zu sprechen, und macht so einen Brückenschlag zur Literatur. Sein nächstes Thema ist: Wozu taugen die beiden? Grafit hat es zum Bleistift (daher auch sein aus dem Altgriechischen abgeleiteter Name für schreiben, grafein), einem technischen Schmiermittel und dem Anodenmaterial der Batterien von Elektroautos gebracht. Der Diamant dagegen wird durch das Schleifen zum Brillanten. So veredelt zieht er nicht nur die begehrlichen Blicke der Frauen auf sich. Und außerdem, ein mit Diamantensplittern besetzter Bohrkopf schafft es mühelos, Löcher in härtestes Felsengestein zu bohren. Deshalb auch die Bitte des Lehrers an uns, keinen Vandalismus an Glasscheiben mit den Diamantringen unserer Mütter auszuleben.

Danach löst er großes Staunen aus. Er gibt nämlich zu bedenken, dass die drastischen Unterschiede in den Eigenschaften von Grafit und Diamant vermuten lassen, dass beide aus Elementen bestehen, die im Periodensystem an weit voneinander entfernten Plätzen stehen. Das trifft aber ganz und gar nicht zu, denn die Bausteine von den beiden sind Kohlenstoffatome, und diese sind im Inneren des Grafits und des Diamanten nur ein bisschen anders angeordnet. Dann gießt er auch noch Essig in den Wein. Bar jeder Emotion kommt über seine Lippen, dass der Diamant im Feuer das gleiche Schicksal hat wie der Grafit, er verflüchtigt sich zu dem verhassten Kohlendioxid. Am Ende der Stunde schiebt er aber dann noch nach, dass es dem Grafit in den letzten Jahren gelungen ist eine phänomenale Karriere hinzulegen. Man hat gelernt, Grafit vorsichtig zu „enthäuten“ und so von seiner Oberfläche extrem dünne Schichten abzulösen, die Graphen. Die Graphen sehen wie eine von oben betrachtete Bienenwabe aus, und man kann sie vergleichen mit einem flexiblen Maschendrahtgitter. Allerdings sind die Maschen nicht aus Draht gemacht, sondern aus Benzolringen. Und jetzt wird es nochmals aufregend. Graphen können den elektrischen Strom mit großer Schnelligkeit weiterleiten, was sie für fantastische Anwendungen prädestiniert, wie Sensoren, Solarzellen und Superkondensatoren. Nun mal ehrlich, sehen sie nach dieser Stunde den Kohlenstoff nicht auch mit anderen Augen?

Eine Bemerkung noch dazu: Der oft beklagte Digitalisierungsmangel an den Schulen verhindert doch nicht das Wecken von Neugier oder bessere Ergebnisse der Kinder bei den PISA-Tests. Dieser Mangel ist auch nicht für die schwindende Vertrautheit der Schüler mit der Prozent-Rechnung oder dem unterentwickelten Umgang mit Mengen- oder Volumina-Angaben verantwortlich. Auch bedarf es keines Computers, um der Möchtegern-Kanzlerin Annalena Baerbock den Unterschied zwischen dem Metall Kobalt und dem Fabelwesen Kobold zu erklären.

Studienplatz per Computer
Die in der Schulzeit geweckte intellektuelle Neugier muss auch später immer wieder gefördert werden. Hierzu machte vor Jahren ein abschreckendes Beispiel die Runde. Ein hochbegabter Schüler, der zwei Jahre übersprungen hatte, bewarb sich mit der Abiturnote 1,0 (was zu seiner Zeit noch außergewöhnlich selten war) an einer deutschen Universität für Biochemie. Seine Bewerbung wurde nur vom Computer begutachtet und abgelehnt. Auf so einen exotischen Bewerber von nur 16 Jahren und der auch kein Sozialfall war, war der Computer nicht positiv programmiert. Daraufhin bewarb er sich an den amerikanischen Eliteuniversitäten Harvard und Stanford. Umgehend erhielt er von dort Zusagen und ein Glückwunschschreiben von den jeweiligen Präsidenten.

Das heute in Deutschland übliche, unpersönliche Begutachten der Eignung für einen umworbenen Studienplatz fördert zweierlei, den Studienabbruch und den Abfluss von Begabungen (brain drain) nach anderswo. An dieser Stelle holt mich wieder die Nostalgie ein. Es war einmal anders. Als ich mich 1965 um einen Studienplatz an der TU Dresden beworben habe, musste man sich zuerst den Fragen einer Klausur stellen und danach ein Eignungsgespräch mit einem der Lehrstuhlinhaber bestehen. Glücklicherweise existiert die differenzierte Begutachtung des Talentes eines Bewerbern noch in der Musik, den Bildenden Künsten, vor der Aufnahme in das Schauspielerstudium oder dem Hochleistungssport. Und es gibt wieder Lichtblicke, wie bei der Studienplatzvergabe für das Medizinstudium. Es wird oft in den Medien kolportiert, dass nur der eine Chance auf einen Studienplatz hat, der ein Superabitur hat. Dem ist aber nicht so. Es gibt seit Jahren einen Schlüssel für die Studienplatzvergabe. Danach werden 30 % der Studienplätze an Bewerber mit einem Superabitur und 10 % an Bewerber mit einem nicht so glänzenden Abitur und langer Wartezeit vergeben. „Normalos“ können sich um die restlich 60 % bewerben. Diese müssen in einem Auswahlverfahren Grundkenntnisse in den Naturwissenschaften (Multiple Choise) schriftlich nachweisen. Mit einem guten Testergebnis erhöht sich Chance auf einen Studienplatz drastisch. Von der Charité, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wird als Auswahlverfahren der sogenannte HAM-Nat-Test (Hamburg-Naturwissenschaftentest) eingesetzt.

Es sind die alten Leuchttürme, wo Neugier Schlagzeilen macht
Es ist sehr selten, dass des Wunderns besonders fähige Wissenschaftler epochale Entdeckungen im Alleingang machen. Albert Einstein gelang dieses als „technischer Experte 3. Klasse“ im Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum in Bern, wo er eingereichte Erfindungen auf ihre Patentierfähigkeit prüfte. Die Förderung der sehr erfolgreichen wissenschaftlicher Neugier ist in der Regel an Orte gebunden, wo die Voraussetzungen für Anregung und gegenseitiges Kräftemessen gegeben sind. Das kann man gut an den dorthin vergebenen Nobelpreisen für Physik, Chemie und Medizin/Physiologie ablesen. Im Zeitraum von 1901 bis 1983 wurden 52 an Deutschland verliehen. Von den 31 Universitäten erhielten Berlin (12), Göttingen (8), Heidelberg (8) und München (9) den Löwenanteil der Nobelpreise. Eine ähnliche, auf sehr wenige Zentren verteilte Nobelpreisvergabe findet man in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien. Wenn man diesen Sachverhalt sportlich ausdrücken will, dann legen an diesen Orten die Stabhochspringer mit jedem erfolgreichen Sprung die Latte höher, und stimulieren sich so zu neuen Höchstleistungen.

Leider laufen heute die Ausbildungsziele bei den meisten Universitäten und Fachhochschulen aufeinander zu. Fachhochschulen wurden ursprünglich geschaffen um zu vielen Berufen zu qualifizieren. Universitäten sollten die sein, die jene ausbilden, die später in der Wissenschaft oder wissenschaftsnah tätig sein werden (DIE ZEIT, Nr.8/2012). Und wenn man beim Bachelor- und Masterstudium zu sehr mit dem Sammeln von Credit Points beschäftigt ist, muss das Ausleben der Neugier zu kurz kommen. Aber trotz alledem bleibt es doch ein Privileg, wenn man sich mit den Naturwissenschaften beschäftigen darf.

Bild: Narziss ist ein Gemälde des italienischen Barockmeisters Michelangelo Merisi da
Caravaggio (1571 – 1610), gemalt um 1597 bis 1599. Zu sehen ist es in der Galleria
Nazionale d’Arte Antica in Rom. Narziss ist in der griechischen Mythologie der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos und der Leiriope, der die Liebe anderer zurückwies und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte.