Der vierte Meter: Keiner wie der andere 118 Erzählungen aus der gotischen Kathedrale

Steht man heute vor der rund 100 Meter hohen Westfassade des Doms und betrachtet die zwei Türme, dann fällt es schwer, zwischen beiden einen Unterschied auszumachen. Am auffälligsten ist die fehlende Kreuzblume auf der Spitze des Südturms, die möglicherweise einmal da war, vielleicht aber auch nicht. Von der äußeren Ansicht abgesehen unterscheiden sich beide Türme jedoch enorm. Während der Nordturm, dessen Konstruktion früher begonnen wurde, im unteren Drittel über ein großzügig angelegtes Treppenhaus verfügt und stabiler aufgemauert ist, stellt sich sein südlicher Nachbar mehr oder weniger als dünnwandiger hohler Zahn dar.

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Seit Jahrzehnten gibt es in Magdeburg die Mär, der Südturm wäre im Gegensatz zum Nordturm lediglich auf Sand und nicht auf dem allbekannten Domfelsen errichtet worden. Er entstand deshalb nur in einer Art Leichtbauweise. Diese eigentlich schlüssig klingende Theorie gilt inzwischen als widerlegt. Tatsächlich steht kein Teil des gesamten Doms auf diesem Felsen. Auch keiner der beiden großen Türme. Dafür nimmt der Südturm in geringem Umfang eine etwas kleinere Grundfläche ein. Das Minus soll etwa sieben Quadratmeter betragen, es ist vermutlich auf einen Planungsfehler zurückzuführen. Warum sich die beiden Türme bei genauer Betrachtung doch so auffällig unterscheiden, kann nur mit einem Blick in die lange Baugeschichte des Doms beantwortet werden.
Als 1363 die Arbeiten am Dom mit der sogenannten Schlussweihe eingestellt wurden, waren die Türme noch unvollendet. Erst mehr als 100 Jahre später wurde ihre Fertigstellung begonnen, was ein höchst kostenträchtiges Unterfangen war. Der Nordturm hatte zu diesem Zeitpunkt eine Höhe von etwa 50 oder 60 Metern, der Südturm war deutlich kleiner. Beide Hochbauten verschlangen Unsummen und der Bauherr, damals der Erzbischof Ernst von Sachsen, setzte alles daran, diese Kosten drastisch zu reduzieren. Dadurch kam es letztlich zum „abgespeckten“ Aufbau des Südturms.
Genutzt wurde auch der Südturm für die Installation mindestens einer Großglocke. Diese vermutlich zwischen zehn und fünfzehn Tonnen schwere „Maxima“ stürzte jedoch schon im 16. Jahrhundert ab, durchschlug alle hölzernen Zwischenböden und zerbrach beim Aufschlag auf dem Turmboden. Heute sind die unteren zwei Drittel des Turms genau genommen ein Fahrstuhlschacht. Dieser wurde in den neunziger Jahren für die Restaurierungsarbeiten eingebaut und ist entgegen dem Plan bis heute erhalten geblieben, damit der Kantor während der Gottesdienste den Weg zwischen der Orgel und dem Domchor schnell zurücklegen kann. Foto: Dom-Ansicht von 1922

Von Michael Ronshausen und Anita Schmidt