Samstag, Oktober 16, 2021
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Der zwölfte Meter: Die Reliquien, oder: Keine Leiter in den Himmel

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Von Michael Ronshausen
und Anita Schmidt

Auch im Magdeburger Dom mangelte es im Mittelalter nicht an Dingen, die damals von den Gläubigen als Reliquien verehrt wurden und die heute als solche auch unter Nichtkatholiken bekannt sind. Eine der umfangreichsten und häufig öffentlich präsentierten Sammlungen dieser Überreste von Heiligen und von Gegenständen, die irgendwann einmal mit den Glaubensvorbildern in Berührung gekommen sein sollen, hatte um 1500 herum der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ausgerechnet am Wirkungsort Martin Luthers in Wittenberg zusammengetragen. Der Reformator war darüber nicht begeistert und bezeichnete beispielsweise später die Sammlung des Magdeburger Erzbischofs Albrecht als „Reliquienkram“.

Zumindest ein Teil dieser Albrecht-Sammlung befand sich zu dieser Zeit auch im Magdeburger Dom. Sie hatte es aus Sicht der Gläubigen – und das waren damals praktisch alle Menschen – wirklich in sich. Hier fand sich nicht nur die berühmte Schale der Unschuld, in der einst Pilatus gemäß der Überlieferung seine Hände gewaschen hat, sondern es gab auch ein mehrere Ellen langes Stück ebenjener Leiter, mit deren Hilfe Jesus Christus auf Golgatha vom Kreuz abgenommen worden sein soll. Noch 200 Jahre später amüsierte sich einer der frühen, schriftlichen und nun evangelischen Domführer über diese Leiter und andere zweifelhafte Devotionalien und stellte sie als erzbischöflichen Tand dar. In der hohen Zeit der Reliquienverehrung sah das natürlich anders aus.

Oftmals kamen Kirchen nur mit Hilfe halblegaler oder sogar krimineller Aktionen in den Besitz dieser häufig unechten Absonderlichkeiten. Im Exportland Nummer eins, Italien, blühte im Mittelalter eine wahre Mischung aus Raubrittertum und Mafia auf, die den legalen und illegalen Raub und Handel mit Heiligenreliquien organisierte und kontrollierte. Doch auch für die oftmals nördlich der Alpen sitzenden Käufer lohnte sich das Geschäft. Je mehr Reliquien eine Kirche oder ein Kloster zu zeigen hatte, umso mehr Gläubige wurden angezogen und umso mehr Geld wurde in die klammen Kirchenkassen gespült.

In der Magdeburger Kathedrale wurde beispielsweise zum Festtag des Domheiligen Mauritius dessen angebliche Hirnschale gezeigt, die den Rest des Jahres in einer aufwändig gearbeiteten Goldschmiedearbeit verwahrt wurde. Am Heiligengedenktag, dem 22. September, zog nicht nur die halbe Stadt zum Dom und besuchte die Heiligen Messen, auch aus dem Umland strömten tausende Besucher in die Stadt und ließen sich diesen Ausflug und die dem Glauben nach heilsbringende Besichtigung des Reliquienschatzes etwas kosten. Dafür musste noch nicht einmal der ebenfalls im Dom verwahrte Zeigefinger der zweiten Kirchenheiligen, der Heiligen Katharina von Alexandrien, auf den Opferstock zeigen.

Mit der Reformation verschwand diese besondere Form der Heiligenverehrung zumindest aus den evangelischen Kirchen – und somit auch aus dem Dom. Bereits Erzbischof Albrecht hatte bei der Verlagerung seiner Residenz nach Aschaffenburg einen Teil der meist in hochwertigen Goldschmiedearbeiten aufbewahrten Reliquien mitgenommen. Bald darauf wurde das Gold der Reliquiare in klingende Münzen umgewandelt und die meisten Reliquien verschwanden in der Versenkung. Erst im Jahr 2001 fand noch einmal ein Reliquiar in Kreuzform kurzzeitig den Weg zurück in den Dom. Es wird heute in einem bayrischen Nonnenkloster aufbewahrt. Sein Inhalt: ein angeblich originales Stück vom Kreuz Christi, dessen Echtheit allerdings in Frage gestellt werden darf. Bekanntlich könne man mit all den damals verehrten Kreuz-Christi-Splittern ein großes Schiff zusammenbauen. Aber das ist ebenfalls nur ein Märchen, wenn auch ein ganz anderes.

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