Die Abklärung

In der Epoche der Aufklärung rückte der Anspruch für rationales Denken in den Vordergrund. Gleichfalls sagte sie Vorurteilen den Kampf an und wendete sich verstärkt den Naturwissenschaften zu. Toleranz im Denken wurde großgeschrieben. Die Gegenwart erscheint sich indes von Grundsätzen der Aufklärung abzuwenden. Kehrt sich das Aufklärungszeitalter nun ins Gegenteil? | Von Thomas Wischnewski

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Dem französischen Philosophen Voltaire wird der Ausspruch „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ zugeschrieben. Voltaire gehörte zu den meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung. Der Geist dieser Epoche am Ausklang des 18. Jahrhunderts trug maßgeblich dazu bei, dass finsterer Aberglaube des Mittelalters überwunden wurde, dass die Naturwissenschaften einen höheren Stellenwert erhielten. Das deutsche Wort Aufklärung zog um 1770 im Sprachgebrauch ein. Immanuel Kants Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung? (Dezember 1784) forderte, man solle „sich über einen Sachverhalt Klarheit verschaffen“. Diese Maxime wird nach wie vor hochgehalten, und doch verstärkt sich der Eindruck, als würden Diskussionen zunehmend abgewürgt.

Ein Zitat des Kabarettisten Dieter Nuhr über die Wissenschaft wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft von der Internetseite entfernt, weil es einen sogenannten Shitstorm dagegen gab und Nuhr politisch rechts verortet wurde. Am Ende einigte man sich und der Nuhr-Satz steht wieder da. Abgelehnt wurde kürzlich auch ein Auftritt der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart beim Hamburger Literaturfestival, weil sich abzeichnete, dass linke Protestler Ausschreitungen androhten. Unter solchen Umständen sind natürlich Debatten mit rationalen Argumenten kaum möglich. Dass der satirischen Kunst, die ja bekanntlich weit und offen sein soll, mit Drohungen begegnet wird, spricht Bände. Die eigentlich freie Wissenschaft scheint ebenfalls bei konträren Positionen zunehmend verschärfte Diskurse zu führen. Vielleicht sind es jedoch gar nicht Wissenschaftler selbst – zumindest nicht solche mit Pro und Contra innerhalb eines Fachgebietes –, sondern eher die öffentlichen Debatten über Gegenstandpunkte. In der Gesellschaft hat sich ein Klima entwickelt, dass auf manchem Gebiet neue Dogmen erzeugt hat. Gerade Dogmatik – insbesondere die im Glauben – wurde mit der Aufklärung überwunden. Dogmen sind es, die heute wiederum dem Glauben in mancher Weltbetrachtung Vorschub leisten. Wenn diesem Trend nichts entgegengesetzt wird, rutschen wir eher in einen Gegenentwurf zur Aufklärung, nämlich in die Abklärung.

Noch ein deutscher Philosoph sei an dieser Stelle zitiert – Friedrich Nietzsche: „,Gemäß der Natur’ wollt ihr leben? O ihr edlen Stoiker, welche Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist, verschwenderisch ohne Maß, gleichgültig ohne Maß, ohne Absichten und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde und ungewiß zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht – wie könntet ihr gemäß dieser Indifferenz leben? Leben – ist das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist Leben nicht Abschätzen, Vorziehn, Ungerecht-sein, Begrenzt-sein, Different-sein-wollen? Und gesetzt, euer Imperativ ,gemäß der Natur leben’ bedeute im Grunde so viel als ,gemäß dem Leben leben’ – wie könntet ihr’s denn nicht? Wozu ein Prinzip aus dem machen, was ihr selbst seid und sein müßt? – In Wahrheit steht es ganz anders: indem ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vorgebt, wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen Schauspieler und Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der Natur, eure Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt, daß sie ,der Stoa gemäß’ Natur sei, und möchtet alles Dasein nur nach eurem eignen Bilde dasein machen – als eine ungeheure ewige Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoizismus! Mit aller eurer Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so hypnotisch-starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr sie nicht mehr anders zu sehn vermögt – und irgendein abgründlicher Hochmut gibt euch zuletzt noch die Tollhäusler-Hoffnung ein, daß, weil ihr euch selbst zu tyrannisieren versteht – Stoizismus ist Selbst-Tyrannei –, auch die Natur sich tyrannisieren läßt: ist denn der Stoiker nicht ein Stück Natur?… Aber dies ist eine alte ewige Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begibt sich heute noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst zu glauben. Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, zur ,Schaffung der Welt’, zur causa prima.“ Der Nietzsche-Auszug aus dem Werk „Jenseits von Gut und Böse“ und das darin enthaltene „heute“ klingt so aktuell, wie im Erscheinungsjahr 1886.
Warum beklagen wir eine Corona-Skepsis, eine Klima-Skepsis, EU-, Migrations-, Datenschutz- und Elektromobilitäts-Skepsis? Offenbar deshalb, weil die Projekte selbst als alternativlos und damit als Dogma gegen jede Kritik verteigt werden. Kürzlich berichteten Wissenschaftler um Christopher Schwalm vom Woods Hole Research Center in Falmouth im US-Bundesstaat Massachusetts im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“, dass der Klimawandel dem dramatischst angenommenen Szenario entspräche. Würde weiter Kohlendioxid ausgestoßen wie bisher, könnte die Durschnittstemperatur auf der Erde schon in 60 bis 80 Jahren eher um 5 Grad Celsius statt um 3 Grad steigen. Andere Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, sind allerdings skeptisch: „Obwohl ich Teilen der Veröffentlichung zustimme, sind einige Teile auch etwas unvollständig oder problematisch“, schreibt Zeke Hausfather vom Umweltforschungszentrum Breakthrough Institute in Kalifornien. Überhaupt werden Aussagen, die auf Modellrechnungen basieren, über derart lange Zeiträume kritisch betrachtet. Doch solche Einwände werden mit dogmatischen Verweisen auf Wissenschaft vom Tisch gewischt.

Es muss niemanden verwundern, wenn mit einer angeblich objektiven „Wahrheit“ Zweifeln begegnet wird, dass dem gegenüber Kritiker ihre Argumentation aufmunitionieren. In anderen Bereichen sieht es ähnlich aus. So bricht sich eine Vorstellung Bahn, dass es ausschließlich von Rechenkapazitäten abhänge und es deshalb nur eine Frage der Zeit wäre, dass künstliche Intelligenz bald Bewusstsein entwickeln würde und der Menschheit sagte, wo es langgehe. Mit dem Satz: „Homo sapiens ist ein obsoleter Algorithmus“, erklärte der Historiker Yuval Noah Harari den Menschen aufgrund der technischen Verheißungen bald zu einer Sache der Vergangenheit. Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs von der Universität Heidelberg tritt solchen Glaubensvorstellungen entgegen. „Ein Universum aus Informationen, das von niemandem verstanden würde, wäre – riefe man nicht Gott zu Hilfe – ein sinnloser Begriff“, schreibt Fuchs. Bei allen Verständnisfortschritten der Neurowissenschaften über Hirnfunktionen kann bisher immer noch niemand erklären, wie das Gehirn beispielsweise einen Begriff, geschweige denn komplexe Bedeutungen erzeugt. Vergessen wird dabei häufig, dass aller Verstand, dessen wir uns bemächtigt haben wollen, nicht ohne die sinnliche Erlebnisvielfalt des menschlichen Organismus und seiner schier unfassbaren Interaktionen mit der Umwelt denkbar ist. Allerdings schraubt ein gewisser Teil der Gesellschaft atemberaubend an Bezeichnungsänderungen herum, ohne diese physischen Prozesse verstanden zu haben bzw. erklären zu können. In diesem Bereich herrscht eine derart moralische Dogmatik vor, die jedem noch so winzigen Widerspruch mit angeblich wissenschaftlich vorliegenden Nachweisen niedergeschmettert werden könne.

Man muss vermuten, dass der Erkenntnisgewinn, den die Menschheit weiterhin macht, stets in schlichte Erklärungsmuster mündet. Zumindest duelliert sich eine größere Öffentlichkeit – vor allem in Online-Kanälen – mit gegensätzlichen Glaubensgrundsätzen. Der tatsächliche Gewinn aus der Aufklärung, dass eine Gewissheit nur so lange gilt, bis sie von einer neuen abgelöst wird, löst sich scheinbar mehr und mehr auf. In diesem Zusammenhang spielen selbst klassische Medien keine rühmliche Rolle. In vielen Beiträgen treten Journalisten bereits so auf, als seien sie ausschließlich Verteidiger der Wahrheit. Dabei sind sie wie jeder andere auch nur Mittler über Erkenntnisse, die andere gewonnen und formuliert haben. Bei Politikern ist es nicht viel anders. Wenn es wenigstens Skeptizismus wäre, der über allem schwebt, würden Diskussionen offen bleiben. Doch Glaube wird in Gewissheit umgedeutet und ungeniert verkündet. Zweifler diskreditiert und zurückgewiesen.

Der Glaube an Untergangsszenarien hat mittlerweile in allen Lebensbereichen Einzug gehalten. Leben, Wirtschaft und Finanzen brächen bald zusammen, die Erde würde in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein, dass man sich an Lebensmitteln vergiften müsste und die Menschheit an so mancher hervorgebrachter Technologie unterginge oder einem Virus zum Opfer fiele. Sogar die Vorstellung darüber, dass eine Weltherrschaftsermächtigung durch eine reiche Clique bevorstünde, existiert. Alle diese Erzählungen haben einen tiefen Glaubenskern. Je mehr sich solche Predigten verbreiten, um so mehr steigt deren Religiosität und drängt Rationalität und aufklärerisches Denken zurück. Man möchte die Hoffnung behalten, dass wir uns weiterhin von aufgeklärtem und kritischem Denken leiten lassen, doch löst sich eine derartige Zuversicht durch vermehrte Begegnungen mit Glaubensdogmen im Alltag irgendwie auf.

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