Montag, September 26, 2022
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Die beste zweite Liga der Welt?

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Mit Superlativen geizt Deutschlands zweithöchste Spielklasse seit jeher nicht gerade. Der Aufstieg der FCM-Fußballer rückt sie auch hierzulande wieder stärker in den Blickpunkt.

Von Rudi Bartlitz

Man könnte es fast schon ein Phänomen nennen, was sich da seit mehr als einem Jahrzehnt durch die Spalten der Sportseiten und die Kommentare der TV-Anstalten zieht. Nämlich die Frage danach, welche Qualität der 2. Fußball-Bundesliga zuzuschreiben ist. Da wird, zuallererst von den Betroffenen selbst, in der Regel ganz hoch in die Regale gegriffen. Im Grunde sind es zwei Superlative, die hervorstechen. Zum einen handelt es sich um das Postulat, die deutsche zweithöchste Spielklasse sei die beste der Welt. Basta. Zum anderen wird Saison für Saison noch einer draufgesetzt: Dieses Mal, so heißt es dann, sei sie aber, allein im deutschen Maßstab gesehen, nun wirklich noch einmal einen Deut besser als in den ohnehin schon spannenden Vorjahren. Ist das wirklich so? Oder handelt es sich dabei, zumindest in dieser Absolutheit gesehen, doch nur um subjektive Urteile? Von kaum zu übersehendem Eigenlob ganz zu schweigen. Oder sind es sogar nur Scheinbewertungen? Da der 1. FC Magdeburg ab sofort wieder dieser zweifellos illustren Runde angehört, hat KOMPAKT sich die Sache einmal etwas näher angesehen.

Eines wird schnell klar: Die einen meinen, ihre Thesen von der Einzigartigkeit und der weltweit dominanten Rolle der hiesigen zweiten Liga mit ihrer teils in jahrzehntelanger Arbeit am Ball erworbenen hohen Sachkenntnis belegen zu können. Darunter befinden sich, das ist auffällig, sehr viele Trainer. Sie führen vermeintlich unumstößliche Fakten ins Feld; dazu später mehr. Worauf sich ihre Einschätzungen aber wirklich gründen, das ist – schaut man einmal genauer hin – so belegt und so griffig, wie der Ball rund ist. Andere wiederum plappern das Gehörte mehr oder weniger nach – weil es in der Tat ein strahlendes Marketing-Argument für diese Liga darstellt.

Bleiben wir zunächst bei den Fakten. Da spricht tatsächlich eine ganze Menge dafür, Deutschlands zweite Division im internationalen Geschäft mit ganz oben einzuordnen. Gern wird dafür ins Feld geführt, sie sei heute die siebtgrößte Profi-Liga Europas. Angesiedelt direkt hinter den Premier-Produkten der „Big Five“ (England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich) und der niederländischen Eredivisie. Kurz, die beste Zweitliga der Welt. Aber, so ist hier zu fragen, was ist mit dem englischen Unterhaus? Das wird, verdächtig oft, einfach ausgeklammert.

Reduziert man es allein auf die ökonomische Macht, ist die dortige zweite Division, die offiziell den Titel „The Championship“ trägt, zweifellos nach wie vor das Beste, was die Welt zu bieten hat. Vor allem die enormen TV-Gelder schlagen hier zu Buche. Sie sind mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Allein die Absteiger aus der höchsten Spielklasse erhalten in England im ersten Jahr in der neuen Umgebung einen sogenannten Fallschirm-Betrag von bis zu 50 Millionen Euro – um die Härten des tiefen Falls in untere Gefilde weich abzufedern. In der „Cham­pionship“ sind Jah­res­ge­hälter von zwei bis drei Mil­lionen Euro – für Leis­tungs­träger – durchaus keine Sel­ten­heit. Die sportliche Qualität der beiden Ligen objektiv miteinander zu vergleichen, erscheint wiederum kaum möglich, weil objektive Parameter für „besseren Fußball“ und regelmäßige direkte Partien gegeneinander fehlen und die Klubs in den europäischen Pokalwettbewerben nicht vertreten sind.

Kommt die Rede allerdings auf die Zuschauerzahlen, ist Schwarz-Rot-Gold tatsächlich nicht zu übertrumpfen. Selbst wenn sich in den zurückliegenden beiden Jahren wegen reihenweiser Geis-terspiele kein realistisches Bild abzeichnet, kamen 2021/22 wieder 4,17 Millionen Besucher in die Stadien. Das entspricht einem Schnitt von 14.448. Vor Corona war es noch ein Schnitt von 20.372 Zuschauern gewesen. Noch ein schlagender Beweis für die Attraktivität der zweiten Bundesliga: Vier ihrer Klubs, so errechneten es vor drei Jahren die spanischen Sport-Management-Experten von „Deportes & Finanzas“, stehen bei der durchschnittlichen Zuschauerzahl unter den besten zehn Teams Europas. Ganz vorn landete der HSV. Erst auf Rang drei folgt der beste englische Verein (Leeds United). Der FCM belegte seinerzeit (2018/19) einen bemerkenswerten 23. Platz in Europa.

Pluspunkte sammelte die zweite Bundesliga ebenso durch hohe TV-Präsenz. Der Vizepräsident Sport des TV-Senders Sky bezeichnete sie dieser Tage als „phänomenal“. Pro Wochenende waren („dank top-Besetzung und wegen der Spannung“) in der abgelaufenen Saison 1,8 Millionen Zuschauer dabei. Das bedeutet eine Steigerung um 55 Prozent! Hinzu kommt eine gute Vermarktung. Und auch das zählt: Laut einer vor einigen Jahren erhobenen Studie von Infra-Test hat die zweite Liga in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von 82 Prozent, hinter der Bundesliga mit 98 Prozent, aber noch vor der Champions League und dem DFB-Pokal. Die Verantwortlichen jener Klubs, die Jahr für Jahr ganz nach oben schielen, mögen sich trösten: wenn schon Zweite Liga, dann hier und jetzt. Mit den TV-Garantie-Einnahmen von mehr als sieben Millionen Euro pro Klub übertrifft die „Zweite“ zudem viele Erstligisten in Europa.

Dennoch, es herrscht nicht nur eitel Sonnenschein in der Liga. Weil der Kampf um den Aufstieg und gegen den Abstieg immer gnadenloser wird. Zudem setzt bei so manchen Anhängern spätestens nach einigen Wochen Ernüchterung ein, wenn man sich so manches unschöne Gebolze tatsächlich in voller Länge angeschaut hat. Ganz abgesehen vom Ende mit Schrecken, denn am Schluss wird es mit den direkten Aufsteigern nur zwei Gewinner geben. „Der Rest muss sich auf mehrere Jahre Zweitliga-Fußball einstellen”, sagte Reiner Calmund einst dem Sportbuzzer: „Da sehe ich am Horizont durchaus die Gefahren, dass es auch einem großen Klub so gehen kann wie Kaiserslautern oder München 1860.”
Analysen der vergangenen zwei Jahrzehnte bestätigen, dass statistisch gesehen spätestens zwei Jahre nach dem Bundesliga-Abstieg der Wiederaufstieg gelingen muss, danach rutschten die meis-ten Vereine immer weiter ab. In der abgelaufenen Saison spielten sogar vier Ex-Bundesligisten und drei ehemalige DDR-Erstligisten in der dritten Liga gegen die drohende Pleite an. Andere Traditionsvereine hat es sogar noch härter getroffen. In der Regionalliga West fand man in den zurückliegenden Jahren mit Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, Preußen Münster, Rot-Weiß Oberhausen, dem Wuppertaler SV und KFC Uerdingen sechs frühere Bundesligisten. Komisch, von der „stärks-ten vierten Liga aller Zeiten” spricht trotzdem niemand.

Und die aktuellen Wirtschaftszahlen verheißen auch nicht nur eitel Sonnenschein. Laut dem von der Bundesliga-Vereinigung DFL erstellten „Wirtschaftsreport 2022“ verzeichneten die beiden höchsten deutschen Spielklassen seit Ausbruch der Corona-Pandemie ein Umsatzminus von mehr als einer Milliarde Euro. Der Gesamterlös sank auf 4,05 Millionen Euro. Vor allem erhebliche Verluste beim Ticketverkauf (Geisterspiele) verhagelten das Geschäft. Speziell zur 2. Liga heißt es: „Die Bilanzsumme ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken. Mit 528,8 Millionen Euro erreichte sie zwar den dritthöchsten Wert der Ligahistorie, lag dabei aber 123,3 Millionen Euro niedriger als 2020. Dies entspricht einem Rückgang um 18,9 Prozent.“ Rückläufig war auch das Eigenkapital, das um 24,5 Prozent zurückging.

Insgesamt gaben die Clubs, konstatiert der Bericht weiter, 34,1 Millionen Euro mehr aus als sie einnahmen. Nur fünf der 18 Clubs konnten trotz der Corona-Pandemie schwarze Zahlen schreiben. In den Vor-Corona-Jahren waren es noch 14 beziehungsweise 15 gewesen. Den größten Einzelposten machten erneut die Ausgaben für die Vergütungen der Profispieler und -trainer aus, die sich auf 261,8 Millionen Euro beliefen. Eine deutliche Verringerung gab es bei den sonstigen Ausgaben (vor allem Verwaltung, Werbung, Material und Handel), die sich um 10,2 Prozent reduzierten.

Aber: Weil seit Mitte der neunziger Jahre zahlreiche Erstligavereine wie Eintracht Frankfurt, Kaiserslautern, Köln oder Mönchengladbach ab- und nur teilweise wieder aufstiegen (seit 2018 kam sogar der einst als unabsteigbar geltende Hamburger SV hinzu, der seither vier Mal in Folge den Wiederaufstieg verfehlte) und viele neue, moderne Stadien hinzugekommen sind (Im Osten u. a. in Dresden, Magdeburg und Aue), wuchs das Interesse an der Zweiten Liga in den zurückliegenden Jahren beträchtlich. Das ist unbestritten. Seit einigen Jahren schien es sogar so, als ob sich ostdeutsche Vereine wie Union Berlin, Dynamo Dresden oder Erzgebirge Aue in der Liga etabliert hätten. Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigt. Union zog nach oben, setzte sich in bravouröser Art in der Bundesliga fest. Die beiden Sachsen-Klubs tauchten in Liga drei ab.

Somit bleiben in der am 15. Juli beginnenden Saison mit Hansa Rostock und Aufsteiger 1. FC Magdeburg nur noch zwei Ost-Clubs übrig. In dieser Liga treffen beide Teams sogar erstmals aufeinander. Dennoch haben sie eine intensive gemeinsame Historie mit großer Rivalität vorzuweisen. Nachdem sich die Wege der ehemaligen DDR-Meister ab 1991 trennten, sahen sich beide ab 2015 wieder regelmäßig in der 3. Liga und sorgten dabei stets für ausverkaufte Stadien mit weit über 20.000 Zuschauern. Für Stimmung dürfte also gesorgt sein. Und für Spannung ebenso. Das Feld ist ausgeglichener geworden, seit sich jetzt zwei „Große“, Schalke 04 und Werder Bremen, wieder nach oben empfohlen haben.

Vor Hochmut wird trotzdem gewarnt. Dass die Bäume nirgendwo in den Himmel wachsen, zeigen zahllose, teils kuriose Beispiele aus der Geschichte. 2020 drohten neun Zweitligisten wegen Corona vorübergehend sogar die Insolvenz. 1860 München konnte einst die Miete und Catering-Gebühren für die Allianz-Arena nicht mehr bezahlen, flog unter gütiger Mithilfe des FC Bayern aus der Arena und suchte längere Zeit ein neues Stadion. Bielefeld hatte 2010 wegen Liquiditätslücken die Saison schon mit einem Abzug von vier Punkten beenden müssen, und zur Vorbereitung auf die neue Spielzeit musste Coach und Manager Christian Ziege das Trainingslager in Bad Füssing, wo das Zimmer zwischen 95 und 140 Euro kostete, aus eigener Tasche bezahlen. Und seine Frau kochte Nudeln für alle. Auch das passiert in der vielzitierten besten zweiten Liga der Welt.

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