Die Corona-Krise hat den Sport fest im Griff. Selbst im bisher finanziell so gut ausgestatteten Show-Geschäft Fußball geht vorerst gar nichts mehr. Setzt jetzt ein Umdenken ein?

Die Corona-Krise hat den Sport fest im Griff. Selbst im bisher finanziell so gut ausgestatteten Show-Geschäft Fußball geht vorerst gar nichts mehr. Setzt jetzt ein Umdenken ein? | Von Rudi Bartlitz

Es ist einer der legendären Sätze der Sportgeschichte des vergangenen Jahrhunderts: „The Games must go on”. Egal, wie schwer es sei, forderte IOC-Präsident Avery Brundage nach dem Olympia-Attentat 1972 in München, die Spiele, also der Sport, müssten weitergehen. Ist, im übertragenen Sinne, ein solcher Satz heute angesichts der Corona-Geißel denkbar? Und, wichtiger noch, wäre er überhaupt umsetzbar?

Selbst wenn sich die Nachrichten und Ereignisse überschlagen, die Situation sich schier stündlich ändert, eines dürfte – Stand letzte März-Dekade – unübersehbar sein: Im Sport gilt ein Game Over. Ein nichts geht mehr. Das betrifft Profis wie Amateure gleichermaßen. Nicht nur in allen wichtigen Sportarten und in den bedeutenden Ligen der Welt ruht der Betrieb, sondern ebenso auf den kleinen Plätzen, hier wie anderswo. Die Formel 1 vertagte sich sogar in die zweite Jahreshälfte. Nur das Internationale Olympische Komitee (IOC) weigert sich hartnäckig, ja fast trotzig, am Termin der Spiele in Tokio (Beginn 24. Juli) zu rütteln.

Bleiben wir bei der Sportart Nummer eins, dem Fußball. Der angeblich schönsten Nebensache der Welt. Dass es sich dabei um kaum mehr als eine folkloristische Leerformel handelt, ist seit der Verwandlung des Fußballs in ein weltumfassendes Stück glamouröser Unterhaltungskunst unübersehbar. Es geht nicht mehr um Millionen, sondern um Milliarden. Wäh­rend die Bun­des­li­ga ge­ra­de erst mit mehr als 4 Mil­li­ar­den Eu­ro ih­ren 15. Umsatzrekord in Fol­ge ver­mel­det hat, dro­hen der Bran­che jetzt mit der Co­ro­na-Kri­se wie an­de­ren Wirt­schafts­zwei­gen und In­dus­tri­en er­heb­li­che fi­nan­zi­el­le Ver­wer­fun­gen. „Wir könnten“, so ein Manager, „vor der Kernschmelze des deutschen Fußballs stehen.“ Je klei­ner die Klubs, des­to grö­ßer das Ri­si­ko. Oh­ne Spie­le und da­mit oh­ne Ein­nah­men aus Tickets, Spon­so­ring und vor al­lem aus der Me­di­en­ver­mark­tung ste­hen in die­ser Spiel­zeit für die ers­te und zwei­te Li­ga rund 750 Mil­lio­nen Eu­ro im Feu­er.

Diese Summen stehen also nunmehr auf dem Spiel. Wenn vielleicht nicht unbedingt für die Branchen-Riesen, so aber doch für eine Großzahl von Klubs. Und die Hoffnung, das alles werde schon bald vorüber sein, scheint nicht allzu groß. Denn selbst Bundesbank-Chef Jens Weidmann geht davon aus, dass die Pandemie Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung – und dazu gehört der Profi-Fußball nun mal – bis zu einem Jahrzehnt lang beeinträchtigen könnte.

Auf staatliche Nothilfe und Empathie in der Bevölkerung, die andere Bereiche der Leibesübungen durchaus geltend machen können, dürfen Berufsfußballer jedenfalls kaum hoffen. Die Steuerzahler sind nicht bereit, deren Millionengehälter zu alimentieren. In der Corona-Krise befinden sich die Profis, wie der Kölner Sportökonom Prof. Christoph Breuer sagte, „in einer kompetiven Situation“ mit vielen anderen (weit wichtigeren!) Sektoren des gesellschaftlichen Lebens. Diesen Wettbewerb, da muss man kein Prophet sein, wird der Fußball verlieren. Breuer: „Mittelfristig wird der eine oder andere Verein in die Insolvenzzone geraten.“

Noch weit drastischer formuliert es Breuers Kollege Prof. Gunter Gebauer. Der Fußball habe hierzulande einen Bedeutungsgewinn erhalten, erklärt einer der führenden deutschen Sportphilosophen in einer Art Generalkritik, „der überdimensioniert ist. Das kann man in der derzeitigen Situation ganz deutlich sehen. Da ist etwas entgleist. Der Fußball ist zu wichtig geworden. Vor allem glaubt das der Fußball selbst.“ Richtig sei hingegen: „Der Fußball ist momentan überhaupt nicht wichtig. Er ist völlig überflüssig. Monatelag wird er überflüssig sein. Es geht um die Eindämmung der Epidemie.“

Selbst Bundestrainer Joachim Löw, in der Vergangenheit nicht gerade als großer Vordenker der Nation hervorgetreten, kri­ti­sier­te das Tem­po und die Wer­te, die die Ge­sell­schaft zu­letzt be­stimmt hät­ten, „Macht, Gier, Pro­fit, noch bes­se­re Re­sul­ta­te, Re­kor­de stan­den im Vor­der­grund“, Um­welt­ka­ta­strophen und Krank­hei­ten sei­en da­ge­gen an den Rand der Wahr­neh­mung ge­drängt wor­den. Das sei jetzt offensichtlich, im An­ge­sicht einer Kri­se, in der „nichts mehr ist, wie es vor­her war“.

Die span­nen­de Fra­ge der nächs­ten Wo­chen und Mo­na­te wird also sein, wie und wo­zu der Fuß­ball die­se Atem­pau­se nut­zen wird. Oder ob schnell wieder der Rückfall in alte Muster, in die Gier nach Kapitalmaximierung folgt. Die Co­ro­na-Kri­se, so viel scheint schon si­cher, hat in all ih­rer Wucht das Zeug, in diesem Sys­tem keinen Stein auf dem anderen zu lassen. So laut der­zeit auch die Ru­fe der Ver­ant­wort­li­chen nach So­li­da­ri­tät sind, so stark der Wunsch, den Fuß­ball, wie man ihn kennt und liebt, ir­gend­wie zu be­wah­ren.

Wahr­schein­li­cher ist, vermutet die „Frankfurter Allgemeine“, dass „man­ches im Som­mer 2021, wenn die EM tat­säch­lich an­ge­pfif­fen wer­den soll­te, kaum mehr wie­der­zu­er­ken­nen sein wird. Bei­spiels­wei­se, dass die 50+1-Re­gel (die einem zu starken Einfluss von Investoren vorbeugen soll, d. Red.) in der Bun­des­li­ga an­ge­sichts der gras­sie­ren­den Fi­nanz­not über kurz oder lang ein­fach vom Tisch ge­fegt wird.“ Die gro­ßen Ver­tei­lungs­kämp­fe, fi­nan­zi­ell und macht­po­li­tisch, sie wer­den unweigerlich kom­men.

Schon der Weg der Bundesliga in die jetzige (Zwangs)Pause bot ein Bild, das alles andere als überzeugte. Er glich einer zögerlichen, fast widerwilligen Anpassung an die Realitäten: Wie ein Spieler, der in jedem Zweikampf zu spät kommt. Nur scheibchenweise reagierte man auf die täglichen Hiobsbotschaften von der Krankheitsfront. Plötzlich sollten, um weiter Einnahmen generieren zu können, Geisterspiele die Lösung sein. Dabei geht es um Fußball SPIELEN – dem Verb wohnt eine Leichtigkeit inne, die Zuschauer braucht, eine, die Fans lieben. Eine Leichtigkeit, die jedoch aus der Zeit gefallen scheint.

Es wird höchste Zeit, dass die Verantwortlichen, an welchen Schalthebeln sie auch sitzen, begreifen, dass in die­ser dramatischen Pha­se der Welt­ge­schich­te nicht sie und ihr Sport, mag er noch so honorig sein, im Mit­tel­punkt des Ge­sche­hens ste­hen. Sie sollten an­er­ken­nen, dass die wirklich wich­tigs­ten Wett­läu­fe jetzt von der gan­zen Welt­be­völ­ke­rung gegen ein bös­ar­ti­ges Vi­rus aus­ge­tra­gen wer­den. Man könnte es auch mit den Worten des Poeten Reinhard Mey sagen, der einst in seinem Song „Über den Wolken“ reimte, dass das, „was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“ sei.

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