Die Demokratie in der Spätmoderne

Jörg Flemming über den Wandel in der Mitte der Gesellschaft und die daraus resultierenden geistigen Fliehkräfte.

Glaubt man Historikern, dann entstand nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Westdeutschland eine stabile, auf Konsum getrimmte Gesellschaft und in der DDR eine unter Mangel leidende Diktatur. Eines traf für beide deutsche Staaten zu: 70 Jahre Frieden auf dem europäischen Kontinent. Als zu Beginn der 1990er Jahre der Kalte Krieg zumindest auf den ersten Blick beendet war und es gelang, Deutschland zu vereinigen, da triumphierten die meisten deutschen Politiker, dass „nun eine deutsche Gesellschaft entstanden ist, in der alle gut und gerne leben und die durch Freiheit und Demokratie bestimmt ist“. Ist das so?

Das sollten wir uns genauer anschauen. Das deutsche Grundgesetz verspricht allen Bürgern Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft. Es soll hier nicht der Versuch unternommen werden, den Wahrheitsgehalt detailliert zu analysieren, denn auf den zweiten Blick kann der Analyst feststellen, dass heute ‒ in der sogenannten „Spätmoderne“ ‒ die deutsche Gesellschaft antiautoritäre Züge angenommen haben könnte. Institutionen wie Universitäten, Kirchen oder Parlamente, die noch vor wenigen Jahrzehnten Ehrfurcht einflößten, werden heute von vielen Deutschen müde belächelt. Lehrer, Pfarrer und Poli- zisten haben ihre Aura als Respektsperson schon lange verloren. Hierarchien werden flacher, nur die Obrigkeit kennt man. Und darauf ist der Deutsche stolz!

Anfang der 1950er Jahre prognostizierte der Soziologe Helmut Schelsky für Westdeutschland eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, die sich dadurch auszeichnen sollte, dass ehemals solide Manager sich inzwischen in modischen Turnschuhen und Jeans gefallen und sogar altehrwürdige Unternehmen sich mit einem platten „Du“ an ihre Kundschaft heranschmeißen. Gute, bürgerliche Manieren, Zeugnisse und Abschlüsse spielen immer weniger eine Rolle. Entscheidend ist, dass „man in der Masse erkennbar bleibt“, egal wie, denn alle sollen laut Schelsky in dieser Mittelstandsgesellschaft gleich sein!

Nun hat der Soziologe, Prof. Andreas Reckwitz, die heutige deutsche Gesellschaft tiefer analysiert und er kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen, die er in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ genauer beschreibt. Die Gesellschaft hat sich tatsächlich verändert, aber sie ist über das Stadium der Nivellierung bereits weit hinaus. Fakt ist, dass der autoritäre Charakter vergangener Zeiten, Hierarchien in Unternehmen, Ordnung und Disziplin in der Familie und auf der Straße nun tatsächlich der Vergangenheit angehören. Die meisten Zeitgenossen meinen, dass Einschränkungen ihrer persönlichen Autonomie endgültig ausgedient haben. Nie, so scheint es, lebten die Deutschen in einer freieren Gesellschaft als heute.

„Die prekären Servicekräfte“
Aber seit gut 20 Jahren stellt Reckwitz einen zunehmenden Zerfall des Mittelstandes fest. Die alte Mittelschicht spaltet sich in eine „neue Mittelschicht“ ‒ hauptsächlich besetzt mit Vertretern der jungen akademischen Stadtbevölkerungen ‒ gleichzeitig wird die „alte Mittelschicht“ ausgedünnt und verliert ihre Vertreter entweder „nach oben“ an die neue Mittelschicht und in großemMaße „nach unten“ in die schnell wachsende Klasse der „prekären Servicekräfte“. Reckwitz stellt heraus, dass in der Gesellschaft der Spätmoderne „das Neue, das Besondere, das Au- ßergewöhnlich, das Individuelle nur noch Wert besitzt“ und dagegen „das Althergebrachte, das Übliche, die soziale Bindung an Wert verliert“. Die Konsequenzen sind enorm. Es scheint, dass das soziale Zusammenleben in die Krise geratenen ist. Dazu Reckwitz: „In der Spätmoderne findet ein gesellschaftlicher Strukturwandel statt, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen ihre Vorherrschaft verliert an die soziale Logik des Besonderen, wie Reiseziele, Lifestyle-Sport, Dienstleistungen, die Architektur pros-perierender Städte oder eben auch der allgemeine Bereich der Bildung seien den gesellschaftlichen Erwartungen nach Besonderheit, Authentizität, Einzigartigkeit ergo Singularität ausgesetzt.“

Gleichzeitig erleben wir heute eine Sehnsucht nach Verboten, Vorschriften und Autorität. Rauchen, Trinkverhalten und Ernährung sind seit Jahren in das Visier von Regulierungsfanatikern geraten, denen es offensichtlich eine tiefe Befriedigung bereitet, ihren Mitmenschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Fernreisen und Kreuzfahrten gelten zunehmend als moralisch anrüchig, vom Autofahren ganz zu schweigen. Mehrheitlich links-grüne Ideen, die der neuen Mittelklasse entspringen.

Entscheidend ist allerdings die Frage, welche Rolle und welche Stimme haben die Vertreter der neuen Mittelklasse und welchen Raum gewähren sie den neben ihnen bestehenden gesellschaftlichen Kräften? In der neuen Mittelklasse bilden sich neue Autoritäten aus. Autorität hat nun nicht mehr der Professor, der Meister, der Lehrer, der Pfarrer oder der Polizist, sondern die Beauftragten für Migration und Frauenquote, eine Antirassismus- und Antidiskriminierungsstelle oder gar eine Stelle, die anonyme Denunziantenmeldungen entgegennimmt. Ihre Macht schöpfen diese Beauftragten ausschließlich aus ihrer ideologischen Gesinnung, die deshalb so wirken kann, weil sie vollständig mit den Idealen und dem Lebensgefühl einer in ihrer ideologischen Gesinnung auf Spaß, Freude, Lust oder andere positive Gefühle ausgerichteten Konsumgesellschaft kompatibel ist. Meinungen, Ideen oder Lebensweisen, die negative Gefühle oder Erfahrungen hervorrufen könnten, werden durchweg verurteilt. Hieraus leitet sich auch logisch ab, dass nicht nur die „Lebensweisen der Anderen“ abgestraft werden, sondern die freie Rede, der offene Meinungsaustausch und ein vom Mainstream abweichendes Denken unter der strengen Beobachtung eines politisch-moralischen Gouvernantentums gestellt werden. In Medien herrscht häufig ein belehrender Ton. Und nicht nur Intellektuelle unterscheiden zunehmend zwischen ihren privaten Ansichten und dem, was sie öffentlich zu sagen wagen. Die „Freiheit der Andersdenkenden“ ist in der heutigen deutschen Gesellschaft in höchster Gefahr und somit auch die Demokratie. Es ist verblüffend: Die antiautoritäre Gesellschaft zeigt in Deutschland ihr autoritäres Gesicht!

Die neue Mittelklasse
Worin liegen die Ursachen für dieses beschriebene autoritäre, ja fast schon totalitäre Verhalten in einer Gesellschaft der Singularitäten? In der heutigen deutschen Gesellschaft der Spätmoderne haben die egalitären Kräfte der neuen Mittelklasse bereits das Sagen. Sie streben nach möglichst uneingeschränkter Macht! Die Gesellschaft wird zunehmend durch Ideen und bereits verfestigte ideologische Ansichten der Klasse des neuen Mittelstandes geprägt ‒ anders gesagt: grün-ökologische und links-soziale Ideale durchdringen die deutsche Gesellschaft immer mehr. Auslöser dieser Entwicklung sind paradoxerweise das Streben nach Emanzipation und Selbstbestimmung, welches als hohes, unantastbares Endziel über der Ideologie der neuen Mittelklasse steht. In der gesellschaftlichen Praxis mündet das Ideal freier Selbstverwirklichung ‒ so wie es die neue Mittelklasse plakativ vor sich herträgt ‒ zunehmend in das narzisstische Verlangen, für jeden möglichen Lebensentwurf Applaus und Bewunderung zu bekommen. Wird dieser Zuspruch versagt oder gar Kritik geübt, empfindet dies der sich selbst verwirklichende Mensch als narzisstische Kränkung, als Diskriminierung, als emanzipations- und sogar gesellschaftsfeindlich. Das aber darf nicht sein, da so seine proklamierte uneingeschränkte Selbstbestimmung in Gefahr gerät.

Hieraus leiten sich dann auch die angebliche Notwendigkeit einer Sprachregelung und die Vorgabe von Verhaltensnormen ab, die sich jeglicher Kritik entziehen. Die Konsequenz aus diesen egalitären Ansprüchen ist, dass der Mitbürger und Nachbar mittels der digitalen Medien der Neuzeit über die Einhaltung dieser neuen Regeln und Normen mit wacht. Wie in einer solchen Konsumgesellschaft nicht anders zu erwarten, ereifert sich der autoritäre Charakter unserer Tage nicht über laute Musik, Kindergeschrei oder ungepflegte Gärten. Bürgerliche Tabus hinsichtlich Sexualmoral oder Drogenkonsum verlacht er großzügig. Stattdessen empört er sich über schlecht getrennten Müll und SUV-Fahrer, über mögliche Sexisten, Impfgegner und Maskenverweigerer. Indem er so Haltung zeigt, wird er zum Repräsentanten der deutschen Zivilgesellschaft geadelt.

Es kann also festgestellt werden, dass in der heutigen deutschen Konsumgesellschaft zunehmend nur das wertvoll ist, was der persönlichen Sinnsuche dient: Offenheit, Diversität, Vielfalt, Multikulturalität und das ganz individuelle Sein. Als verdächtig hingegen gilt, was einschränkt und als diskriminierend empfunden werden könnte – und das kann, je nach Vorliebe des Aufpassers, so ziemlich alles sein. So erwächst aus dem ursprünglich antiautoritären Streben einer aufgeklärten deutschen Gesellschaft wieder eine Blockwartmentalität und das weit verbreitete Politwächtertum unserer Tage. Die heutigen Eliten dieser deutschen Gesellschaft haben aus ihrem Sieg über die repressive Toleranz des alten liberalen Bürgertums gelernt, nämlich dass nur eine rigide Intoleranz in der Lage ist, Macht zu sichern und den politischen Raum der Diskurse zu beherrschen. Die Schizophrenie besteht allerdings darin, dass sie diese Intoleranz als Toleranz ausgeben. Diese Sachverhalte führen objektiv zu inneren Spannungen bis hin zur Spaltung der Gesellschaft. Diese Intoleranz des autoritären Zwangs droht zu einer Gefahr für die Demokratie in Deutschland zu werden, eben weil sie sich als deren Verteidigerin aufspielt. Doch wenn Demokratie mit undemokratischen Mitteln verteidigt wird und Toleranz mithilfe der Intoleranz, dann werden grundlegende demokratische Errungenschaften wie Freiheit und Selbstbestimmung auf dem Altar des politischen Zeitgeistes geopfert.

Man darf wirklich gespannt sein, wie sich diese gesellschaftlichen Widersprüche und Gefahren für die Demokratie in einer durch und durch krisengeschüttelten Welt entwickeln und welche Kräfte in einem Deutschland der Spätmoderne sich letztendlich durchsetzen werden.

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