Sonntag, August 1, 2021
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Die Demontage des DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn in Halle an der Saale

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Von Michael Ronshausen |

Er galt als ein Nationalheld. Für viele Zeitgenossen war Sigmund Jähn eine über allen anderen stehende Person. So hoch wie er war damals niemand seiner Landsleute gekommen. Und trotzdem blieb er stets ein Mensch, der die Bodenhaftung nie verlor, selbst als er von der SED-Parteiführung zum sozialistischen Star stilisiert wurde. In Medien der DDR zeigte sich der Kosmonaut, der am 26. August 1978 in ein sowjetisches Raumschiff gestiegen war, als eine angenehme und unaufdringliche Erscheinung. Die trug er stets weiter, auch bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten.

Im internationalen Vergleich brachte Jähn die DDR weit nach oben. Immerhin fast bis an der Spitze der Länder, die bereits einen Raumfahrer ins erdnahe Weltall geschickt hatten. Nach den Sow-jets und den US-Amerikanern im All hatten zwar bereits ein Tschechoslowake und ein Pole in sowjetischen Sojus-Raumschiffen Platz genommen, Jähn machte die kleine DDR aber immerhin zur fünften Nation mit einem eigenen Raumfahrer.

Noch heute, 43 Jahre nach seinem gut einwöchigen Abenteuer und bald zwei Jahre nach seinem Tod, hat der Name des ostdeutschen Weltraumfahrers nicht nur in seinem wieder vereinigten Vaterland einen guten Klang. Auch international erfreute sich Jähn bis zu seinem Ableben großer Aufmerksamkeit und hoher Anerkennung. Dem lag nicht nur sein Flug von 1978 zugrunde, auch wegen seiner späteren Tätigkeiten auf der Ebene der Bemühungen um die Eroberung des Alls hat Jähns Name bis heute weltweit einen guten Klang. Er selber galt über Jahrzehnte hinweg als einer der bekanntesten Ostdeutschen.

Noch in der DDR war Jähn auf der politischen wie auch auf der militärischen Karriereleiter steil aufgestiegen. Seine Soldatenkarriere beendete Jähn erzwungenermaßen am Tag vor der Deutschen Einheit als Generalmajor der Luftwaffe. Für die SED saß er in der Volkskammer. Mit seiner in der DDR einmalig gebliebenen Ausnahmestellung konnte Jähn fast die komplette staatliche Ordensgalerie in Empfang nehmen. Straßen und Schulen sowie ein Frachtschiff wurden nach ihm benannt – und in der Bezirkshauptstadt Halle an der Saale erhielt noch im Jahr seines Raumflugs ein neu errichtetes Planetarium seinen Namen.

Eben jenes Raumflug-Planetarium brachte Jähns Lebens- und Wirkungsgeschichte jetzt einmal mehr in die Schlagzeilen und löste eine weitflächige Diskussion um den DDR-Weltraumpionier aus. Im Sommer 2013 war die seinerzeit hochmoderne Anlage bei einem Hochwasser so schwer beschädigt worden, dass sich der Hallenser Stadtrat für die Aufgabe des Standortes auf der Peißnitzinsel und für einen kompletten Ersatzneubau entschied. Und wie sich schließlich herausstellte, sollte Jähn hier nicht mehr mit von der Partie sein.
Rund 30 Jahre nach der politischen Wende in der DDR und auf Betreiben der Partei Die Grünen stellte der Hallenser Stadtrat fest, dass Jähns Karriere vorrangig nicht die eines erfolgreichen Kosmonauten war, sondern dass der Kosmonaut hauptsächlich als Instrument der DDR-Staatspropaganda gedient habe und das Musterbeispiel eines vorbildlichen DDR-Bürgers auf der höheren Karriereleiter gewesen sei. Aus Historikerkreisen wird Jähn sogar vorgeworfen, er sei nicht nur von der Ostberliner Regierung als eine Art Maskottchen missbraucht worden, er habe diesen Missbrauch auch noch freudig lächelnd mitgetragen.

Tatsache ist hingegen, dass Jähn nun einmal ein DDR-Bürger war, und nur ein solcher im Zusammenhang mit einer Stellung als Militärflieger damals für den Job im All infrage kam. Hätte er Nein sagen sollen, als ihm die Chance auf dieses einmalige Abenteuer weit über den Wolken angeboten wurde? „Sicher nicht“, sagt dazu beispielsweise der in Halle lebende Elektrotechniker Thomas R. (60), der sich trotz seiner damals jungen Jahre gut an Jähns Raumflug erinnern kann. „Ich hab die damalige Berichterstattung noch deutlich vor mir – und natürlich, dass Sigmund Jähn gemeinsam mit seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski in den Zeitungen und im Fernsehen dauerpräsent war. Es war sicher ein Stück weit gegen die Bundesrepublik gerichtete Propaganda. Im Vordergrund blieb allerdings die wissenschaftliche Leistung Jähns und auch die Information, dass die DDR seinen Ausflug zu den Sternen selbst bezahlt hatte.“

Sozialdemokraten, die Partei Die Linke und die Bürgerfraktion im Hallenser Stadtrat hatten sich für den Verbleib des bisherigen Namenspatrons ausgesprochen. Jähn sei mehrheitlich eine eindeutig positive Identifikationsfigur für die Bürgerinnen und Bürger der Neuen Länder. Die Grünen sorgten allerdings mit Stimmen der Christdemokraten und der AfD dafür, dass es zu einer Ver- hinderung der Fortsetzung seiner Namensgeberschaft für das noch 2021 zu eröffnende Neubauplanetarium kommt. Jähn selber wäre diese Streiterei vermutlich höchst unangenehm gewesen. Seinen eigenen Einlassungen zufolge war er nie daran interessiert, in der Öffentlichkeit zu stehen und als Symbolfigur für die DDR zu dienen. Ihm selber blieb die Auseinandersetzung mit seiner tatsächlichen – auch historischen – Bedeutung erspart. Vielmehr ist bekannt, dass er als Integrationsfigur im „Kosmodrom Baikonur“ galt. In der Zeit als Russen und Amerikaner gemeinsam mit Sojus-Raketen in den Orbit starteten, war Jähn Berater, Kulturvermittler und Brückenbauer. Dafür handelte er sich internationale Anerkennung in der Raumfahrergilde ein. Mit Ulf Dietrich Merbold, der 1983 mit dem Space-Shuttle Columbia als erster Westdeutscher im All war, verband ihn eine Freundschaft. Merbold hatte im Prinzip dieselbe Inszenierung seines Raumflugs an der Seite des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl erlebt. Und Merbold war es auch, der Jähn für den zweiten Job in Baikonur für die bundesdeutsche Luft- und Raumfahrtorganisation DLR vermittelte. 15 Jahre lang blieb Jähn Berater für die ESA (European Space Agency) im russischen Raumfahrtzentrum.

Aus Anlass seines 80. Geburtstages veranstaltete der Mitteldeutsche Rundfunk in in der Nacht vom 12. zum 13. Februar 2017 einen dreieinhalbstündigen Themenabend unter dem Titel „Sigmund Jähn und die Helden der Sterne“. Jähn verstarb am 21. September 2019 im 83. Lebensjahr in Strausberg bei Berlin. An seiner Beisetzung nahmen zahlreiche internationale Raumfahrtkollegen, Astronauten und Kosmonauten teil. Die Erinnerung an ihn und als ersten Deutschen im All wird weiterleben – auch in Halle an der Saale.
Foto: wikipedia, gemeinfrei

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