„Die Einsamkeit macht mich verrückt“

Sie legt ihre Hände übereinander auf den Tisch, als müsse sie sie festhalten. Ihr Leben lang war Gerda Grunwald in Bewegung, diese Ruhe kennt sie nicht. Diese furchtbare Ruhe. Unerträglich, sagt die 92-Jährige. Eingesperrt fühlt sie sich, wie im Krieg, als sie im dunklen Keller ausharren mussten. Da sei die Zeit aber begrenzt gewesen, bis nach dem Alarm. Jetzt ist sie seit Wochen abgeschottet von der Außenwelt.

Corona-Kontaktbeschränkung.
Das machen wir doch nur für sie, die älteren Menschen, hört man derzeit immer wieder. Zum einen stimmt das nur bedingt – auch Jüngere sind nicht vor einem schweren Krankheitsverlauf gefeit – zum anderen „hat mich niemand gefragt, ob ich das will.“ Gern würde sie selbst entscheiden, was sie sich zumuten kann und was nicht. „Da bin ich fast 93 und werde bevormundet wie ein Kind.“ Sie mache sich keine Illusionen: „Meine Zeit ist begrenzt. Warum darf ich nicht selbst entscheiden, wie ich den Rest gestalte?“ Die Zeit, die ihr verbleibt, würde sie gern „in Würde und mit meinen Lieben verbringen“. Eigene Kinder hat sie nicht, aber Nichten und Neffen und deren Kinder, mit denen sie in Liebe verbunden ist.
Noch vor ein paar Wochen, als das Corona-Virus bekannt wurde, hatte sie erklärt: „Ich hab schon so vieles erlebt und überlebt, mich haut so schnell nichts um.“ Das war auch ihre Reaktion, als ich sie zum ers-ten Mal mit Mundschutz und Handschuhen besuchte. Der Anblick hat sie erschreckt und besorgt: „Was ist mit dir passiert?”. Nein, das ist nicht für mich, sondern für sie – nicht bei jedem zeigt sich, ob er den Virus in sich trägt. Ich will sie nicht anstecken, habe ich ihr erklärt. Ihre Antwort: „Ach, ich habe schon so viel überstanden!“

1927 geboren durchlebte sie den Zweiten Weltkrieg, der Vater ist früh verstorben, die Mutter musste sich allein um vier Kinder kümmern. Der Bruder wurde nur 8 Jahre. „Es war ein eisiger Winter und er hatte nur dünne Schuhe. Es gab ja nichts.“ Der Junge überlebte die Meningitis (Hirnhautentzündung) nicht. Die beiden Schwestern – eine jünger, eine älter als sie – leben mittlerweile auch nicht mehr. Gerda ist die einzig noch Verbliebene der Familie. „Nie hätte ich gedacht, einmal so alt zu werden.”

Ihr Leben lang war sie aktiv, das hält jung. Immer wusste sie sich durchzusetzen, selbst im hohen Alter noch. Vor rund zehn Jahren war sie kurzentschlossen ins „Betreute Wohnen“ gezogen, um dem Alleinsein zu entfliehen. Die jüngeren Verwandten sind alle berufstätig und selbst abendliche Telefonate oder der Besuch am Wochenende mehr wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Mit dem Umzug in die Residenz ergaben sich neue Bekanntschaften, es gab gemeinsames Mittagessen, ein kulturelles Angebot, man traf sich zum Kaffeeplausch, zum Karten-, Kniffel- oder Rummikub-Spiel.

Mit den Corona-Kontaktbeschränkungen sieht das anders aus: Restaurant und Café sind geschlossen, die Bewohner leben isoliert in ihren vier Wänden. Das Essen mittags wird vor die Tür gestellt, die Teller dort wieder abgeholt. Einkaufen gehen sollen „die Alten“ auch nicht mehr, werden von anderen Kunden in Supermärkten gern darauf hingewiesen. Jüngere Verwandte übernehmen seitdem für die Seniorin den Einkauf. Wochenlang konnte sie zudem nicht zu Friseur oder Fußpflege. Manchmal sitzt jemand von den Bewohnern vor dem Senioren-Haus auf der Bank, aber „die kenne ich nicht“, sagt Gerda Grunwald traurig. Die Frau, die noch vor einem Jahr kontaktfreudig selbst mit Fremden sprach, scheint ihr Selbstbewusstsein zu verlieren. Selbst zu ihren sonst üblichen Spaziergängen hat sie keine Lust mehr.

Das ist, so sagen Psychologen, eine Auswirkung von Einsamkeit. Wer in der Isolation lebt, zieht sich in sich selbst zurück. Fehlende Tagesstruktur kann zudem zu depressiven Verstimmungen führen. Die Bundesvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (Biva) berichtet von Meldungen Angehöriger, wie Bewohner von Plegeheimen wegen des Kontaktverbots stark abgebaut haben, die abgemagert sind, einen Rollstuhl brauchen, die vereinsamen, Todeswünsche äußern, unter Depressionen leiden. Die Einsamkeitsrate beträgt laut Studien 10 Prozent in allen Altersgruppen. Durch die Pandemie und die damit verbundenen Kontaktsperren dürfte sich diese Zahl erhöhen, eventuell sogar drastisch, aber dazu gibt es noch keine Analysen.

Was tun gegen Einsamkeit? Aktiv werden. Das sagt sich so leicht. Selbst jüngere Mitmenschen versinken derzeit in der Einsamkeit-Depression. Wie ist die Situation dann erst für jemanden, der körperlich nicht mehr so fit und auf Hilfe angewiesen ist? Ratschläge wie Telefonate und Video-Chats sind gerade für alte Menschen keine Lösung, wenn sie schlecht hören und sich mit der Technik nicht auskennen.

Füllten früher zahlreiche Aktivitäten ihren Alltag, ist für Gerda Grunwald heute die einzige Freude der Anblick ihrer selbstgezogenen Geranien auf dem Balkon – schön, aber keine tagfüllende Beschäftigung. Tagein tagaus sind die einzigen Bewegungen die auf dem Bildschirm. Im Fernsehen jedoch kommt auch nichts Vernünftiges, sagt sie resigniert. „Ich werde ganz meschugge im Kopf“. Vor einem Jahr hatte sie noch die Tennisergebnisse von Boris Becker gewusst. Wie verblödet fühle sie sich nun, sagt sie. Vergesslichkeit gehört zum Alter, ja, aber die Veränderung in den vergangenen Wochen ist gravierend. Seit ihrem Satz „Mich haut so schnell nichts um.“ scheinen nicht sechs Wochen, sondern Jahre vergangen zu sein.

Ein Beispiel von vielen. Über vier Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, rund ein Viertel davon wird stationär in Pflegeheimen betreut, wie viele in Einsamkeit leben, ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch das Ergebnis einer der größten Einsamkeitsstudien (über 300.000 Probanden) mit Blick auf die Lebenserwartung. Das erschreckende Ergebnis: Menschen ohne gute Beziehungen zu Familie und Freunden haben ein um 50 Prozent höheres Sterberisiko als sozial aktive. Verglichen mit den gesundheitlichen Folgen anderer Risikofaktoren ist Einsamkeit laut Studie schädlicher als Fettsucht oder Bewegungsmangel und genauso ungesund wie Alkoholmissbrauch oder der tägliche Konsum von 15 Zigaretten, führt Psychiater Manfred Spitzer in einer Analyse aus. Übrigens: Laut Statistischem Bundesamt sterben durch die Auswirkungen vom Rauchen 110.000 Menschen pro Jahr, das sind durchschnittlich 340 Nikotin-Tote am Tag.

„Die Einsamkeit macht mich verrückt“, sagt Gerda Grunwald. „Das kannst du gern schreiben.“ Aber ein Foto möchte sie nicht. Sie will sich nicht in den Vordergrund spielen, sagt sie, es ginge zur Zeit ja vielen wie ihr – und das können gern alle wissen. Außerdem war sie schon lange nicht mehr beim Friseur, meint sie dann und lacht plötzlich. Ihr Lachen tut gut, es ist viel zu selten geworden.

Der Abschied erfolgt auf Abstand. Keine Umarmung. Sicherheitshalber. Ihr Blick wird traurig, Tränen glitzern in den Augen. Ich möchte dich nicht anste-cken, begründe ich meine Vorsicht. Mach dir keine Sorgen um mich, antwortet sie. „Ich hatte ein schönes Leben.“ Anstecken ist vielleicht das kleinere Übel, dann hat es wenigstens ein Ende, sagt sie mit ernster Stimme. Ihre Augen scheinen auf einen Blick weit weg fixiert, wie auf die Unendlichkeit.

Es ist ein schmaler Grat zwischen der Vorsicht gegen Ansteckung mit dem Corona-Virus und dem Tod durch Einsamkeit. Birgit Ahlert/Grunwald

Vielleicht gefällt dir auch