Die Grenzen der Spaßgesellschaft

Was bleibt 2020 vom Sport übrig? Werden (und können)
die Leibesübungen nach Corona noch dieselben sein wie vor Ausbruch der Pandemie? Annäherung an ein ziemlich schwieriges Thema. |Von Rudi Bartlitz

Wenn später einmal Chroniken über das Sportjahr 2020 niedergeschrieben werden, kratzen sich His- toriker sicher nicht zu Unrecht am Kopf und fragen: Was für ein Sportjahr denn? War da mal was? Olympische Spiele in Tokio – verlegt aufs Folgejahr. Fußball-Europameis-terschaften – ebenso. Dasselbe gilt für die Leichtathleten. Nationale Ligen oder Europacup im Fußball – unterbrochen oder sogar abgebrochen. Und wenn fortgesetzt, dann als Geisterspiele. Traditionswettbewerbe wie Tennis in Wimbledon oder Reiten in Aachen – gleich komplett gestrichen. Formel 1 oder Tour de France – wenn überhaupt, dann frühestens im Sommer oder Spätherbst; eventuell ebenfalls ohne Publikum. In Deutschland brechen Handball und Eishockey ihre Saison ab, andere Sportarten werden folgen. Von den Millionen kleineren regionalen und lokalen Sportevents, die auf der Strecke bleiben, ganz zu schweigen.

Wir schreiben zwar erst das Frühjahr, aber schon jetzt kann 2020 als Sportjahr im Grunde abgehakt werden. Da kommt nicht mehr viel. Ein Ende der Corona-Pandemie ist nicht abzusehen. Niemand weiß, wie lange die Menschen in Isolation verbringen müssen, wie lange wir uns mit alten Fußball-TV-Konserven als Ersatz zu begnügen haben, statt irgendwann mal wieder in ein Stadion oder eine Halle gehen zu können. Stattdessen: Alte WM-Spiele mit Spannung verheißenden Elfmeterschießen – nur: deren Ergebnisse kann längst jeder Halbwüchsige herunterbeten. DFB-Pokalfinals aus den Neunzigern, da amüsiert sich der Zuschauer höchstens über die Spielerfrisuren, die weitgeschnittenen Trikots und enge Hosen. Oder, auch nicht schlecht: die schöns-ten Schwalben von Andy Möller, Becker gegen Stich in Wimbledon, Olympische Winterspiele, irgendwann. Jens Weißflog, flieg! Wo ist Behle? Mal so nebenbei: Warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, den Champions-League-Triumph der SCM-Handballer noch einmal ins Programm zu hieven?

In diesen Tagen, so scheint es, steht der Sport gewissermaßen vor dem Nichts. Alles wird abgesagt, verschoben oder geht, im besten Fall, ohne Publikum über die Bühne. Über die Zukunft wird spekuliert, orakelt, prognostiziert. In alle Spielarten. Gut und schlecht. Soviel ist, zumindest für Deutschland, schon einmal festzuhalten: Zu den systemrelevanten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gehört der Sport definitiv nicht (selbst wenn man bei einigen Größen aus dem Kicker-Geschäft den Eindruck haben muss, dass sie bisher genau daran geglaubt haben). Das Gegenteil ist seit dem Frühjahr 2020 hierzulande aktenkundig. Diese Einordnung muss (und wird), wenn es hart auf hart kommt, Konsequenzen haben. Sport bleibt, bis weit hinein in seinen Breitenbereich, eine Sparte der Freizeit- und Spaßgesellschaft.

Die Frage, die sich dennoch stellt und sich in den nächsten Monaten noch stärker in den Vordergrund schieben wird: Geht der Welt mit dem Abtriften des Sports gerade etwas verloren? Und was genau? Kommt es irgendwann zurück? Wenn ja, bleibt dann alles beim Alten oder muss sich der Sport wandeln, neu ausrichten? Fragen, auf die selbst renommierte und dem Sport verbundene Wissenschaftler keine umfassende Antwort parat haben. „Wenn wir über Zu­schau­er­sport re­den“, sagte der an der angesehenen US-Universität in Stanford lehrende deutsche Professor Hans Ulrich Gumbrecht in einem FAZ-Interview, „geht die­ses ei­ne zen­tra­le Ri­tu­al ver­lo­ren. Die­se exis­ten­ti­el­le Di­men­si­on des Zu­sam­men­seins in ei­ner Zahl von Leu­ten, die sich de-in­di­vi­dua­li­siert ver­hal­ten. Die­se Art von Eu­pho­rie.“ Was dies für Kon­se­quen­zen habe, bekennt er, „wenn das lang­fris­tig ver­lo­ren­gin­ge, weiß ich nicht.“

Er könne nicht ausschließen, so Gumbrecht weiter, dass die gegenwärtige Kri­se das Ver­hält­nis zum Sport nach­hal­tig ver­än­dern wird: „Es gibt zwei Ebe­nen, auf de­nen ich das be­fürch­ten könn­te. Die ei­ne ist, dass sich die Geis­ter­spie­le ha­b­itua­li­sie­ren, dass das ei­ne Art der Par­ti­zi­pa­ti­on wird, an die sich die Leu­te ge­wöh­nen. Dar­über hin­aus fra­ge ich mich, ob die­ser ers­te Fall ei­ner wah­ren Pan­de­mie so ein­zig­ar­tig blei­ben wird, oder ob die Ge­fahr, dass so et­was wie­der­kommt, nicht viel grö­ßer ist, als wir uns je vor­ge­stellt ha­ben und im­mer noch vor­stel­len. Dann kann es nicht nur sein, dass das Sta­di­o­ner­eig­nis un­ter gro­ßem Vor­be­halt sei­tens der staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen steht. Son­dern auch, dass die Men­schen Angst ha­ben, ins Sta­di­on zu ge­hen.“

Die Erinnerung ist noch frisch: Einer der Auslöser für die dramatischen Ereignisse in der italienischen Kleinstadt Bergamo mit Hunderten Toten binnen drei Wochen war im Februar ein Fußball-Champions-League-Spiel des dortigen Vereins Atalanta. 40.000 Tifosi aus Bergamo pilgerten ins große Mailänder San-Siro-Stadion, viele steckten sich dort an. Wenige Tage nach dem Spiel explodierte in Bergamo die Corona-Epidemie. Ein Fußballfest als gewaltiger Virus-Beschleuniger. Die Bilder der Armeelastwagen, die die Toten abtransportierten, gingen um die Welt.

Ähnliche Gedanken wie Gumbrecht äußerte der Berliner Sport­phi­lo­soph Gun­ter Ge­bau­er in ei­nem dpa-In­ter­view: „Die Un­be­fan­gen­heit oder Sorg­lo­sig­keit, mit der man auf­sei­ten des Pu­bli­kums Mas­se­n­events bis jetzt be­grüßt und ver­folgt hat, wird auf je­den Fall sehr ge­dämpft sein. Wir wer­den ver­mut­lich nach der Co­ro­na-Kri­se nicht mehr den glei­chen En­thu­si­as­mus, die glei­che Be­reit­schaft, uns die­sen Events hin­zu­ge­ben, sich be­din­gungs­los für Sport zu in­ter­es­sie­ren, ha­ben.“

Also mehr Geister-Veranstaltungen? Nicht auszuschließen, dass sie das sportliche Leben selbst in einer abklingenden Corona-Phase für einen geraumen Zeitpunkt prägen. Ein Phänomen, das es hierzulande so noch nicht gab. Stopp, an dieser Stelle sei ein kleiner historischer Einschnitt erlaubt. Schon 1959 gab es in Deutschland ein Geisterspiel. Der Grund: keine Pandemie, keine Epidemie, eher ein Virus politischer Art. Die BRD und die DDR konnten sich für das Olympiateam 1960 in Rom nicht auf eine vom IOC geforderte gemeinsame Mannschaft einigen. Deshalb trafen zum ersten Mal die Fußball-Nationalvertretungen beider Länder aufeinander. Historisch und skurril zugleich, Zuschauer waren nicht erlaubt. Anstelle von 70.000 Fans, die im Hinspiel das Ulbricht-Stadion in Berlin hätten füllen können, waren gerade einmal 200 Journalisten und Funktionäre zugelassen. Viele vermuteten damals: Angst vor Sympathiebekundungen fürs West-Team. Als Coach der Ost-Mannschaft agierte übrigens Magdeburgs spätere Trainer-Legende Heinz Krügel. Aber selbst er konnte nicht verhindern, dass sich am Ende die Amateure West gegen die Staatsamateure Ost behaupteten.

Geisterspiele also. So sehr die Bundesliga auf sie als einzig verbleibende Möglichkeit drängt, um die Meisterschaft fortsetzen zu können, derartige Partien spalten zunehmend das Land. Während Virologen, Teile der Politik und viele Vertreter der organisierten Fan-Szene gegen Partien ohne Zuschauer votieren, wollen die Chefs der Liga-Unternehmen sie unter allen Umständen durchdrücken. Weil nur so die ausstehenden TV-Gelder in Höhe von 300 Millionen Euro fließen, die, so argumentieren sie, erst das Überleben der Liga und der Klubs sichern. Je evidenter die Notlage wird, umso spannendere Fragen stehen im Raum. Wo sind denn all die Milliarden hin, die dieser personell überschaubare Unterhaltungszweig über Dekaden generiert hat? Das meiste landete in den Taschen der Stars und ihrer Leute. Rücklagen wurden offenbar nicht gebildet.

Selbst wenn es keiner offen ausspricht, ist schon wieder von einer Sonderrolle des reichen Fußballs die Rede. Die auf kommunale (derzeit gesperrte) Anlagen angewiesenen Top-Athleten olympischer Sportarten suchen händeringend nach Trainingsmöglichkeiten und müssen sich mit Feldwegen, Balkonen oder Wohnzimmern begnügen. Apropos Olympia. Selbst das größte Sportspektakel der Welt wird die Virus-Herrschaft nicht ohne Veränderungen überstehen. Allein die Ver­le­gung des Groß­er­eig­nis­ses in To­kio ist ein noch nie da­ge­we­se­ner Akt von er­heb­li­cher sport­his­to­ri­scher Be­deu­tung – das gab es noch nie zu Friedenszeiten. Gleichzeitig hat die Macht des scheinbar so allmächtigen IOC einen Knacks bekommen. Es musste sich, obwohl es sich bis zuletzt gegen eine Verlegung sträubte, dem Druck der Athleten beugen. Man wird sehen, was sich aus dieser Konstellation in Zukunft ergibt.

Zurück zu den Athleten. Existenziell abgesichert sind zumindest die unter ihnen, die bei Bundeswehr, Polizei oder Zoll Dienst tun. Härter trifft es den Breitensport. Viele Vereine sind in starke wirtschaftliche Turbulenzen geraten. Wie geschwächt sie da herauskommen, wird die Sportlandschaft Deutschland noch Jahre bewegen. Ob alle überleben, darf bezweifelt werden. Um die Nöte zu zeigen, lohnt ein Blick auf Sachsen-Anhalt. Die ersten 420 Vereine, die auf einen Aufruf des Landessportbundes (LSB) reagierten, meldeten wirtschaftliche Einbußen von 4,4 Millionen Euro. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl seiner über 3.000 Sportvereine rechnet der LSB mit einem Gesamtschaden für den gemeinnützigen Vereinssport im Land im zweistelligen Millionenbereich. Finanzielle Hilfe, wie sie noch bei der Flutkatastrophe gewährt wurde, ist kaum in Sicht.

Derweil spielen sich die Kicker der Fußball-Spitzenligen bereits wieder auf eigenen, großzügig ausgestatteten Vereinsgeländen die Bälle zu, hat der Liga-Verband ein ausgetüfteltes Programm vorgelegt. Motto: Wir warten nur auf das Signal der Politik, um wieder loszulegen. Dass sich die Pro­fis da­bei wie­der auf die Pel­le rü­cken dür­fen, wäh­rend die an­de­ren 80 Mil­lio­nen die Ab­stands­re­geln (mit Maske!) wei­ter strikt be­fol­gen müs­sen, scheint keiner zu bedenken. Vom Klein­kind, das nicht auf den Spiel­platz darf, bis hin zu Groß­el­tern, die von ih­ren Kin­dern und En­keln nicht ein­mal mehr be­sucht wer­den dür­fen. Alle Szenarien für ein Soft-Opening sind jedenfalls durchgespielt. Möglichst Anfang Mai soll es losgehen, und Erster in Europa, der einen Neustart hinlegt, möchte man, ganz Mus-terschüler, gleichfalls sein. So etwas nennt man wohl eine Lex Fußball. Listiger Hinweis am Rande, der bei vielen jedoch verfängt: Fußball könne ja in düsteren Zeiten just jenes Lagerfeuer entzünden, an dem sich die isolierte Gemeinschaft versammeln und erwärmen kann.

Schwappte zu Beginn der Corona-Krise noch die leise Hoffnung durchs Land, der Fußball werde die jetzige Ausnahmesituation nutzen, über die eine oder andere Entgleisung des Gewerbes, etwa horrende Gehälter und Ablösesummen, nachzudenken, schwindet diese mittlerweile von Tag zu Tag mehr. Der Profifußball ist es seit Jahrzehnten gewohnt, mehr zu wollen, mehr zu nehmen und mehr zu bekommen als andere. Davon lässt er nicht ab. Die Schere zwischen Top-Fußball und den meisten anderen Sportarten, sozusagen dem Pre­ka­ri­at des Spit­zen­sports, droht selbst in dieser existenziellen Ausnahmesituation weiter auseinander zu klaffen. Ob die von den Nicht-Fußballern gewünschte fi­nan­zi­el­le Hil­fe von der Po­li­tik kommt (zumindest so­lan­ge Sport oh­ne Pu­bli­kum ins Lee­re mün­det), ist offen. Der Auf­sichts­rats­chef der Deut­schen Eis­ho­ckey Li­ga, Jür­gen Ar­nold, benennt das Problem dras-tisch: „Es wird sich die Fra­ge an die Po­li­tik stel­len, ob sie mit ih­ren Ent­schei­dun­gen Sport­ar­ten aus­lö­schen will, ob es das wert ist.“

Noch ein­mal zu­rück zur Fra­ge, ob die Ge­sell­schaft jetzt Sport qua­si aus the­ra­peu­ti­schen Grün­den doch braucht. Ist viel­leicht so­gar ein Plä­doy­er für den Sport nö­tig? So, wie es die Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Grüt­ters in Be­zug auf Kul­tur sagt, die in der Kri­se „exis­ten­ti­el­len Stel­len­wert“ ha­be. Dazu noch einmal Wissenschaftler Gumbrecht: „Ei­ne An­ma­ßung fän­de ich es, wenn man un­ter­stell­te, dass der Sport ei­ne spe­zi­fi­sche Funk­ti­on hat, im Sin­ne sei­ner Un­ver­zicht­bar­keit: Wenn jetzt kein Fuß­ball statt­fin­det, dann pas­siert ir­gend­was ganz Schreck­li­ches. Wenn es kein Es­sen mehr gä­be oder gar kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on mehr statt­fin­den wür­de – das wä­re si­cher pro­ble­ma­tisch. Aber oh­ne Fuß­ball kom­men wir – lei­der – aus.“

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