Die Gründung einer Super League konnte nach einer einzigartigen kontinentalen Protestwelle zwar gerade verhindert werden, aber die Weiterentwicklung des europäischen Fußballs verspricht dennoch nichts Gutes.

Von Rudi Bartlitz | Die Super League ist tot – bevor sie überhaupt zum Leben erwachte. Es waren zwar keine 48 Stunden, die die Welt erschütterten. Aufhorchen ließen sie ob der geballten Kraft des Protests dennoch. Solch eine konzertierte Aktion von Anhängern, Vereinen, Verbänden und Politik erschien vielen in der heutigen Zeit kaum noch denkbar. Deshalb ist die Freude von Millio­nen Fans und des Kicker-Esta­blish­ments verständlich, den Milli­ar­den-Angriff auf das euro­päi­sche Fußball­sys­tem und seine Tradi­tio­nen – der vor allem aus den USA und den Nahost-Scheichtümern kam – binnen kürzester Zeit mit allen Kräften abge­wehrt zu haben. Bemerkenswerte Allianzen. Getrieben von der Angst, etwas Einmaliges zu verlieren.

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Auf den ersten Blick sei der Versuch, so der „Spiegel“, mit einer neuen Liga eine weitere, alle bisherigen Denkmodelle sprengende Gelddruck-Maschine zu installieren, ein „offenkundiges PR-Desaster“ gewesen, „ein Resultat von Dilettantismus und Unprofessionalität, ein Putsch, der so schlecht vorbereitet war, dass er den Namen nicht verdient“. Es wäre jetzt allerdings ein großer Irrglaube, anzunehmen, der Spuk sei damit ein für allemal vom Hofe gejagt. Sie, die die Seele des Fußballs verkaufen wollten, werden wiederkommen, es erneut versuchen. Ihr Traum wird bleiben: Eine Liga, in der die Reichsten der Reichen unter sich sind. Die mit Sport immer weniger zu tun hat, dafür immer mehr Bestandteil der glitzernden Unterhaltungsbranche wird.

„Aus dem Scheitern werden wir lernen“, teilte ein Sprecher der US-Großbank JPMorgan mit, die das Milliarden-Unternehmen mitfinanzieren wollte. Es klang nicht nach Demut, eher wie eine Drohung. Lernen heißt in der Bankersprache: sich anderer Mittel bedienen. Aus ihrer Sicht besser, planvoller, überlegter vorzugehen. Und vor allem werden sie beim nächsten Mal, schrieb die „Frankfurter Allgemeine“, an den entscheidenden Schaltstellen, der Politik und den Verbänden, schon im Vorfeld mit Geschwadern von Lobbyisten tätig werden. „Zumal der allgemeine Aufruhr beim nächs-ten Versuch ohnehin niedriger ausfallen, die Empörung geringer sein würde.“ Die nächste Eskalationsstufe, sie kommt bestimmt.

Da ein Neustart Richtung Super-Super-Liga allerdings einige Zeit in Anspruch nimmt, könnte jetzt gejubelt werden: Die Super League ist tot, es lebe die gute alte Cham­pi­ons League! Wenn nicht genau da, in eben dieser Champions League, neue, andere Gefahren für den Lieblingssport von weltweit Hunderten Millionen lauern würden. Denn ausgerechnet an jenem Wochenende, als über die Gründer der Super League eine Feuerwelle der Entrüstung rollte, beschloss die Europäische Fußball-Union (Uefa) – man könnte fast meinen klammheimlich – eine Reform ihrer Champions League.
Was dabei herausgekommen ist, verheißt nichts Gutes. Denn diejenigen, die sich nun als Retter des Fußballs feiern lassen (wie zum Beispiel die Uefa, die daherkommt, als habe sie sich urplötzlich zum Lordsiegelbewahrer des Traditionsfußballs gewandelt), schaden ihm seit Jahren.

Diese Reform ist nur die Fort­set­zung einer Entwick­lung, die seit mehr als einem Jahr­zehnt den euro­päi­schen Profi­fuß­ball in eine Sack­gas­se geführt hat. Ab 2024 sollen nun also 36 statt bisher 32 Vereine mitmachen dürfen. Das offenbar Wichtigste: Im neuen Wettbewerb gibt es nun rund 225 Partien, und damit 100 mehr (!) als bei der bisherigen Variante. Heißt im Klartext: mehr Möglichkeiten, zusätzliches Geld zu verdienen, die Kuh weiter zu melken. Weiter: Von den vier zusätzlichen Startplätzen sind zwei für Klubs reserviert, die in einer Uefa-Fünfjahreswertung gut abschneiden. Nichts anderes als eine Wild Card für strauchelnde Top-Vereine.

Wollte man es ganz ketzerisch sagen: Die Reform der Champions League kommt daher wie eine Light-Version der eben erst verdammten Super League. Weni­gen Gewin­nern — zu denen ausge­rech­net dieje­ni­gen Klubs gehö­ren, die dieses System gerade in Rich­tung Super League verlas­sen woll­ten — stehen in ihr viel zu viele Verlie­rer gegen­über: natio­na­le Ligen, die seit vielen Jahren nur noch einen Meis­ter kennen. Aufge­bläh­te inter­na­tio­na­le Wett­be­wer­be (demnächst neu: eine sogenannte Conference League), die viele mittel­mä­ßi­ge Spiele sowie erschöpf­te und verletz­te Stars produ­zie­ren. Millio­nen Zuschau­er, die Topfuß­ball erst im Frühjahr nach mona­te­lan­gen, ermü­den­den Quali­fi­ka­tio­nen zu sehen bekom­men.

Der Wettbewerb ist im europäischen Profifußball ohnehin bereits seit Jahren faktisch außer
Kraft gesetzt. Einerseits durch die Umsatzunterschiede, andererseits aber auch durch Instrumente wie die 50+1-Regel oder das Financial-Fair-Play-System der Uefa. Beide behindern Wettbewerb und sichern die Topklubs gegen Konkurrenz ab, die durch Investitionen erwachsen könnte. Was sie nicht verhindert konnten: dass in der Bundesliga schon jetzt fast ein Viertel aller Vereine mehr oder weniger große Konzern-Spielzeuge sind.