Die Infektion in den Köpfen

Komplexität und Orientierungslosigkeit – nicht erst seit der Pandemie erscheint vieles wie ein Wirrwarr. Manchmal rührt die Konfusion aus mangelnder Kritik über die eigene Urteilskraft.

folgt uns für weitere News

Kürzlich erhielt ich abends Besuch von einem Bekannten. Er empörte sich über zu viele Fahrgäste in der Straßenbahn, mit der er gekommen war. Es waren keine 20 Leute in der Bahn, aber wegen der Abstandsregeln wäre das doch unverantwortlich, sagte mein Bekannter. Man kennt solche Erregungen eigentlich schon lange. Stets würden am selben Ort zu viele Menschen gleichzeitig einkaufen gehen. Der Vorwurfssatz lautet dann gern: haben die denn alle keine andere Idee als shoppen zu gehen? Das Urteil der unmittelbar wahrgenommenen Situation fällt stets ungerecht aus. Meinen Bekannten wies ich darauf hin, dass er den Vorfall nur registriert hat, weil er selbst dabei war. Ergo hätte er selbst zur wachsenden Anzahl der Fahrgäste beigetragen. Beim Einkaufen ist es nicht anders.

Nun könnte man die Perspektive ändern – das fällt uns offenbar ziemlich schwer – und feststellen, dass 20 Fahrgäste von 240.000 Einwohnern ziemlich wenig sind. Und wenn mein Bekannter nur mit zwei oder drei Leuten in einer Bahn sitzen wollte, müsste er die anderen Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs nur darüber informieren, dass sie sich während seiner Fahrstrecke bitte nicht von A nach B bewegen sollten. Vermutlich war niemand unter den Mitfahrern, die aus purer Langeweile in der Straßenbahn saßen, quasi eine Stadtrundfahrt machten. Wahrscheinlicher ist es, dass alle Anwesenden einen triftigen Grund hatten, zur selben Zeit irgendwo ans Ziel zu gelangen.

Einordnungsverzerrungen passieren uns täglich

Unter den Einschränkungen zur Corona-Pandemie erleben wir permanent solche Kurzschlüsse aus dem Empörungspotenzial unserer Zeigenossen. „Die haben es immer noch nicht begriffen”, lautet ein häufig geäußerter Satz. Wenn Familien am Wochenende Parkanlagen besuchen oder sich wegen der schönen Schneelandschaft mit Kindern auf den Weg zum Rodeln machen. Die selbsternannte Pandemie-Polizei wettert, was das Zeug hält und kann die eigene Urteilskraft über das Wahrgenommene und die vorgeschriebenen Verhaltensweisen nicht in Einklang bringen. Wenn sich 2.000 Menschen im 200 Hektar großen Areal des Stadtparks aufhalten, stehen pro Kopf statistisch jedem 1.000 Quadratmeter zur Verfügung.

Solche Einordnungsverzerrungen passieren uns täglich. Jedem müsste klar sein, dass ohne eine vorhandene Einstellung und ohne möglicherweise existierende Vorschrift im eigenen Kopf gar kein entsprechendes Echauffieren möglich wäre. Es ist jedoch einfacher mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, als den eigenen Anteil am Dabeisein und an der Beurteilung der Situation mit einzubeziehen. Drauflos-Schimpfen ist einfacher als Nachdenken.

Nun sind solche kleinen Begebenheiten aus dem Alltag leicht verständlich und man kann vielleicht über den eigenen Mangel an Urteilskraft schmunzeln. Schwieriger wird es, wenn der Ereignishorizont die Wahrnehmungsmöglichkeiten des eigenen Augenscheins überschreitet und man sich auf Nachrichten und Berichte von anderen oder eben aus zahlreichen Medien verlassen will. Hier ist der sichtbare Rahmen der Wirklichkeit nämlich schon verlassen. Beispielhafte Filmbilder, statistische Angaben und Einschätzungen von Experten oder gar journalistische sind in der Regel schon ein künstliches Terrain. Daraus dann Schlüsse für ein tatsächliches Geschehen abzuleiten, müsste viel selbstkritischer betrachtet werden, als daraus Urteile über viele andere Menschen zu fällen. Deren konkrete Bedingungen, Notwendigkeiten und Möglichkeiten fallen bei jeder Beurteilung hinten runter.

Noch eine persönliche Begebenheit über die Wirkung von Medienberichterstattung und persönlichen Schlüssen. 2007 war ich beruflich häufig in Pflegeeinrichtungen unterwegs und oft begegnete mir dort die Klage über eine „immer schlimmer werdende Welt”, Man traue sich überhaupt nicht mehr auf die Straße, lautete eine vielstimmige Einschätzung über Verbrechensschilderungen, wachsende Gewalt und eine diagnostizierte Verrohung in der Gesellschaft. Ich betrachtete die Bewohner der Einrichtung genauer. Die Mehrheit bewegte sich mit Rollatoren und Rollstühlen durchs Haus. Das Heim war umzäunt und 24 Stunden lang war Betreuungspersonal anwesend. Die Analyse der alten Menschen kann nur aus den Nachrichtensendungen und TV-Berichten abgeleitet worden seien. Diese Leute waren gar nicht mehr auf den Straßen ihrer Kleinstadtidylle unterwegs. Ihre Sicht auf das Geschehen draußen ein unkritisches Abbild medialer Verengung über außergewöhnliche Besonderheiten.

Nachrichten weit vom Ursprung ihres Entstehens entfernt

Heute werden die Lebensbewegungen außerhalb eigener realer Wahrnehmungsmöglichkeiten neben TV, Radio und Zeitungen – wie das noch zu Analogzeiten üblich war – zusätzlich mit den Informationslawinen des Internets geflutet. Je nachdem, wie oft man selbst Nutzer unterschiedlicher Online-Kanäle ist, begegnet man einer Nachricht fortlaufend nur eben auf unterschiedlichen Trans-portwegen. Meistens ist sie dann schon mehrfach interpretiert, manchmal verdreht, aber jedes Mal weit vom Ursprung ihres realen Entstehens entfernt. Aktuell, unter den verengten Berichtsbedingungen zur Corona-Pandemie entsteht eine monothematische Weltsicht, bei der sich die Geister zunehmend in Zustimmung oder Ablehnung politischer Entscheidungen spalten. Und darüber kläfft dann noch jeder und alles mit und weist die jeweils andere Meinung zurück.

Eigentlich erzeugen wir heute eine Art hypermultiple artifizielle Welt, die immer entrückter vom tatsächlichen Geschehen erscheint. Und doch glauben wir, die Realität die wir an vielen Stellen gar nicht miterleben, erkennen zu können. Wenn eine Ärztin in einer TV-Talkshow Bilder aus einer Intensivstation mit Covid-19-Er-krankten zeigt, ist natürlich jeder erschüttert. Aber gibt es überhaupt intensivmedizinische Stationen in Krankenhäusern, in denen nicht täglich solche schlimmen Bilder zu sehen wären. Verletzungen, Verkehrsunfälle, schwere Operationen gehen stets mit dem Leid der Betroffenen einher. Warum wird das eine gegenüber dem anderen hervorgehoben. Und wieder denkt niemand über solche Folgen nach, was die Schilderungen und Bilder in den Köpfen der Betrachter anrichten.

Schuldsprüche sind heute eine ebenso schnell zusammengebaute Verkettung. Es werden Menschen damit konfrontiert, die niemals in einen solchen Schuldzusammenhang gebracht werden dürfen. Beispielsweise werden Kinder ermahnt, dass sie sich nicht mit Freunden treffen dürften, weil sie sonst am Tod der Oma verantwortlich sein könnten. Hier geht es nicht darum, mögliche Infektionswege zu verharmlosen, sondern darauf hinzuweisen, welche Gewissenslast diesen Heranwachsenden aufgebürdet wird. Sie lernen damit gleichsam, wie schnell irgendjemand Schuld auf sich laden kann und werden dieselbe Verurteilung später weitertreiben.

Wahrscheinlich müssen wir zunächst selbstkritisch die eigene Urteilskraft betrachten und da-rüber nachdenken, auf welchem Weg wir – nämlich unter ähnlichen Vermittlungsbedingungen – ebenso viel zu schnelle Schlussfolgerungen ziehen. Auch Politiker sind davon nicht frei, wenn sie in der Reflexion über gesellschaftliche Prozesse meistens nur sehr allgemeine Äußerungen tätigen können. Ich finde es ebenso befremdlich, wenn Verantwortliche in der Politik damit abgeurteilt werden, dass sie sich ohnehin nur um sich kümmern würden. Zu einem gewissen Maße ist das so, wie bei jedem anderen auch. Und bedenkt man, dass uns allen täglich sehr gerecht 24 Stunden zur Verfügung stehen und was man in dieser Tagesfrist selbst auf die Reihe bekommt und für was alles keine Zeit bleibt, wird einem deutlich, das auch die Bundeskanzlerin keine Stunde pro Tag mehr hat, um die komplexen Details der modernen Gesellschaft, die Bedingungen, Möglichkeiten und Ansprüche von über 80 Millionen Individuen auch nur im Ansatz nachvollziehen zu können.

Nichtbetroffene urteilen über Betroffene

Niemand von uns ist dazu in der Lage. Aber wir verurteilen und beurteilen gern andere danach, wenn sie uns oder unseren gewonnenen Einsichten nicht gerecht werden. Vielleicht ist die Welt gar nicht so viel komplexer geworden, wie das häufig beteuert wird. Offenbar haben sich nur die Erzählungen über die Wahrnehmung von Wirklichkeit derart vervielfacht, dass man sie gar nicht mehr fassen kann. Die Kreativität des menschlichen Geistes zaubert darüber nun noch mehr Gerede über Hintergründe, Verschwörungen und das Leben, das an allen Ecken und Enden falsch laufen würde. Damit reißen wir uns nur noch weiter in einen Betrachtungs- und Urteilsabgrund. Aufzuhalten ist dieser Trend nicht, aber man kann sich die Mechanismen der eigenen engen Sicht die Verengung von Nachrichten und die Interpretationswellen darüber vor Augen halten, um dem Geschehen mit mehr Gelassenheit gegenüber zu treten.

Das Lernen von Gelassenheit wird tatsächlich ein notwendiges Schulfach. Es reicht keine medienpädagogische Vermittlung dazu, wie man die Richtigkeit von Veröffentlichungen einordnen oder ob man sogenannten Fake-News aufsitzen könnte, vielmehr ist es geboten, die Menge und die Wirkungen von Nachrichten kritisch einzuordnen. Dass in manchem Kopf heute eine Angst eingepflanzt ist, so dass Leute einen großen Bogen um medizinisches Personal machen, dass sich Nachbarn argwöhnisch betrachten und sich Verwandte aus dem Weg gehen, ist eher eine Folge der Berichte über das Corona-Virus als über das tatsächliche Geschehen.

Nichtbetroffene urteilen über Betroffene – so müsste man es verkürzt nennen – und natürlich ist auch das ein ungerechter Schluss. Doch so lange die Aufregung über alles Mögliche möglichst überall in kurzen Botschaften im Internet kundgetan wird, so lange wird sich das Wirrwarr in dieser Welt weiter ausbreiten, die Köpfe infizieren und ein exponentielles Wachstum an Schaumschlägerei erzeugen sowie Fehlschlüsse hervorbringen. Was wäre ich froh, wenn dieser Beitrag nur meiner mangelnden Urteilskraft geschuldet wäre. | Thomas Wischnewski