Sonntag, Juli 3, 2022
Anzeige

Die Infektion nach dem Virus

Anzeige

Folge uns

Der Krisenmodus wegen der Ausbreitung der Corona-Infektionen ist für den Schutz von Leben und Gesundheit nötig. Der Krise wird eine weitere folgen. Ist das Virus besiegt, wird das Leben ein anderes sein. Eine Betrachtung der möglichen Zukunft. | Von Thomas Wischnewski

Kein Krieg, kein Klima, keine Finanzkrise, kein Erdbeben oder irgendeine andere fürchterliche Krise hat das Leben auf seine elementaren Fundamente zurückgestutzt. Ein nicht sichtbares, minimales Etwas, dass sich an Zellen andocken kann, zwingt das Land auf die Knie. Das weckte eine Erinnerung in mir. Damals, in den 1980er Jahren, diskutierte ich als Student mit meinen Kommilitonen über den Nachhall der Botschaften des „Club of Rome“. Mit seinem 1972 veröffentlichten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ erlangte der Zusammenschluss von Experten aus 30 Ländern eine weltweite Beachtung. Mein Orakel, dass die Natur die Ausuferungen der Menschheit auf ihre Weise regulieren würde – durch Viren beispielsweise –, erscheint mir durch Covid-19 wie die Metapher für eine selbsterfüllende Prophezeiung. Dass die Pandemie sich in rasender Geschwindigkeit um die Welt ausbreitet – aktuell sind 294.110 Infektionen registriert (Stand 23. März 2020) und fast 13.000 Tote zu beklagen – verbreitet Angst. Und mit der Ausbreitung des Virus wird alles eingestampft, was eben noch so wichtig erschien.

Von Kunst und Kultur bleiben nur Lichtpunkte auf Bildschirmen. Alles und jeder wird irgendwie von den Einschränkungen mitgerissen. Hilferufe und Klagen haben Hochkonjunktur. Der Ruf nach Politik und Staat wird lauter, sie sollen helfen, obschon sie gleichsam von Kritik überfahren werden, nie rechtzeitig Hand angelegt zu haben. Das bedeutsame Reisen, Shoppen, Freizeitallerlei, Theater, Konzerte, Kulinarik und Sportevents haben von heute auf morgen ihre Bedeutung verloren.

Bedeutsames verliert Bedeutung

Es wird uns bewusst, dass der Überbau – oder nennen wir es Wohlstandsbauch – ein vergängliches Ding ist. Aber in dieser Sphäre schafften täglich so viele Millionen Menschen. Ihr Spirit für den Geist hat sich aufgelöst. Dafür schießen jetzt, im Frühling, die Propheten aus dem Boden. Wer auf welche infame Weise Schuld an der Miesere trage und welche Mächte welche Räder angeschoben hätten, um perfide Pläne abzuarbeiten. Man hört Stimmen, welche die Apokalyptischen Reiter heraufbeschwören, Scharlatane und Heilsprediger finden Gehör und Anhänger. Was wird? Das ist die Frage der Stunde. Gleichsam blicken wir auf die Uhren, die nicht anzuhalten sind und die mit jedem neuen Tag existenzielle Probleme lauter läuten lassen. Dabei stehen wir noch am Anfang. Manches Szenarium will ein Ende der Beschneidungen zum Sommer sehen. Unzähligen Selbstständigen, Freiberuflern und Unternehmern ist bewusst, dass die Zeit ohne Wertschöpfung und Erlös nicht überstehbar ist. Noch halten die Lieferketten. Doch was wird, wenn wir in Deutschland nach Einschätzung mancher Virologen rasch 300.000 Infizierte haben werden und die Zahl der Verstorbenen wächst. Und sie Namen haben, die zu sehr vielen Familien gehören. Die Hoffnung ist, dass es eine Zeitrechnung vor, mit und nach Corona gibt. Die Welt und unser Leben, wie wir es bisher genossen haben, werden anders sein. Mit jedem verstrichenen Tag, mit jeder weiteren Woche und jedem Monat, die dem Virus zum Opfer fallen, wird die Zukunft eine andere Gestalt annehmen.

Die Ausbreitung einzudämmen – daran führt kein Weg vorbei, doch gleichzeitig müssen wir nach und nach alles hergeben, was uns lieb und teuer war. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, rechnete der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schon einmal vor, dass die Corona-Krise dem deutschen Staat extrem teuer zu stehen kommt. Er schätzt die Belastungen für die Staatskasse auf 1 bis 1,5 Billionen Euro. Das entspricht etwa den Kosten der Deutschen Einheit nach 25 Jahren. Auf eine ähnliche Summe werden die Ausgaben geschätzt, die man für den Schutz vor dem Klimawandel aufbringen wollte. Was können wir uns in Zukunft noch leisten? Auch das wird eine Frage der Nach-Corona-Ära sein.

Virus Magdeburg AOK

In der jetzigen Situation bleibt der Regierung nichts weiter übrig, als Geld zu drucken. Anders wird sie die Solo-Selbstständigen und kleinen Unternehmen nicht am Leben halten können. Es mag vielleicht manchem so erscheinen, als ob Großkonzerne über ausreichend Reserven verfügten, um die Corona-Zeit unbeschadet überstehen zu können. Darüber richtet der Faktor Zeit. Die Luxusgüter, die uns bisher so wertvoll waren, werden möglicherweise später neu bewertet werden oder man kann sie sich schlichtweg nicht mehr leisten. Wer glaubt, dass nach ein paar Wochen wirtschaftlichem Stillstand, die Maschinerie einfach wie geschmiert wieder anläuft, wird im Irrtum erwachen. Existiert gegenüber den Hilfsgeldern kein Äquivalent an Wertschöpfung, ist das erzeugte Geld seine Ziffern nicht wert. Woher sollten die Steuern so schnell kommen, die nun mit der Krisenpumpe gefördert werden? Indes will aber auch die öffentliche Hand am Leben bleiben. Für das Drehen derer Rädchen muss Väterchen Staat ebenso Fürsorge tragen. Die nächste Infektion nach Corona heißt wahrscheinlich Inflation. Ich möchte es gern anders hoffen. Aber was gerade an deutscher Schaffenskraft und Elanressourcen im Stillstand niedergewalzt wird, gleicht einem Bombenangriff, ohne dass die Gebäudesubstanz zerstört würde.

Das Leben zählt mehr als Geld

Krisen haben eine Reinigungsfunktion. So hatte es bereits ganz rational der Ökonom Karl Marx in seiner Kapitalismus-Analyse „Das Kapital“ aufgeschrieben. Allerdings unterscheidet ein Virus seine Wirkung nicht nach einem Gesellschaftsmodell. Eine schwache Wirtschaft bricht noch schneller in sich zusammen als eine starke. Oder nicht? Die aktuellen Schreckensbilder mit Särgen aus Italien sind nur die Vorboten einer Epidemie zur Vernichtung wirtschaftlicher Existenzen.

Das Geldvermögen der Deutschen wird mit über 6 Billionen Euro angegeben. Das ist einer der Gründe für die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Schleichend sollte das „tote“ Geld abgeschmolzen werden. Mit den Corona-Folgen und einer drohenden Inflation würde sich das Problem von zu viel Barvermögen in kurzer Zeit lösen. Das weiß man in Berlin. Und das lässt die Verantwortlichen bei drastischen Einschnitten zögern. Doch Leben zählt mehr als Geld. So müssen wir wohl oder übel inkauf nehmen, dass der Covid-19-Pandemie eine Wirtschaftsinfektion folgen wird. Es leiden dann an erster Stelle jene, die ohnehin nichts zu verlieren haben.

Alles wird auf dem Prüfstand von Morgen stehen. Plötzlich erleben wir, dass der so lange gelobte Zusammenschluss der Europäischen Union seine Predigten nicht wert ist. Der beschworene Zusammenhalt bröckelt unter den pandemischen Bedingungen. Jede Nation zieht sich auf die eigenen Möglichkeiten zurück, versucht, das Gesundheitssystem und die Versorgung der Bürger am Laufen zu halten. Plötzlich gingen die Grenzen zu, obwohl dies doch nicht so einfach möglich sei, wie es die Kanzlerin 2015 oft beschworen hatte. Die Bürokratie in Brüssel ist auf Subventionsverteilung und Setzung von Waren- und Umweltstandards ausgerichtet. Ein europäisches Krisenmanagement? Fehlanzeige. Von der EZB wird ein neuer Rettungsschirm aufgespannt, der mit 750 Milliarden Euro Kredite verspricht, damit Banken und Staaten vorerst flüssig bleiben. Doch der EZB-Schuldenberg aus gekauften Staatsanleihen klettert mit dem Corona-Rettungspaket auf rund 3 Billionen Euro. Da das Virus ein globales Problem ist, strahlen die Folgen auf die so eng verflochtene Weltwirtschaft aus. Die Globalisierung und ihre nun sichtbar werdenden Auswirkungen – dass Medikamente vorrangig aus Asien kommen und viele andere Produkte nicht mehr hierzulande produziert werden – muss genauso einer umfassenden Analyse unterzogen werden wie Welttourismus und Ressourcenausbeutung.

Aus Not kann Tugend werden

Das ist eben die reinigende Kraft einer Krise. Alles, was über viele Jahre unter dem Wachstumsdiktat stand, könnte nun überdacht werden. Es gibt eine Ressource, die nie versiegt. Das sind menschliche Kreativität und Ideenreichtum. Wer die Hände nicht in den Schoß legt, wer sich den gegenwärtigen und kommenden Problemen stellt, wird auch Lösungen entwickeln. Das miteinander und füreinander Tun geht nicht verloren. Das ist die soziale Wurzel, aus der jede Zukunft gemacht wurde. Wir sehen derzeit zwar viel Rückzug und hören jede Menge Klagen, doch dazwischen melden sich stets Menschen, die etwas zu bieten haben. Ob dies Zuwendung oder Hilfe ist bzw. das Finden gemeinsamer Lösungen unter den Beschränkungen der Zeit – das ist das eigentliche Elixier des Lebens. Meine Hoffnung ist, dass dies wieder stärker ins Bewusstsein aller rückt. Dass trotz aller Schwierigkeiten etwas auf die Beine gestellt wird.

Vielleicht haben wir nur manchmal vergessen, dass das Elementare eben nicht das Geld ist, sondern das Vermögen, etwas füreinander zu tun. Genau darauf kommt es jetzt und in der Nach-Corona-Zeit an. Wir machen gerade eine bittere Erfahrung durch, eine Zeit, die möglicherweise so kritisch wird, wie es nur in der Nachkriegsepoche war. Ich habe die Hoffnung, dass diese Wochen friedlich verlaufen, habe jedoch auch eine gewisse Angst, dass in der Folge gewalttätige Auseinandersetzungen möglich sind. Mein Wunsch ist, dass sich solche Befürchtungen nicht erfüllten.

Mut machen mir die Vielen, die unter den schwierigen Bedingungen ihren Beitrag leisten, zunächst in den Krankenhäusern und Ambulanzen, solche, die der Ausbreitung des Virus mit Kontaktvermeidung entgegentreten und andere, die schon jetzt Ideen haben, wie bedürftigen Menschen geholfen werden kann. Ich setze auf die Verwaltungen in den Arbeitsagenturen und dort, wo schnell und unkompliziert über Anträge und Hilfen entschieden werden muss. Aufwand und Arbeit in Ämtern und Jobcentern werden viel von den Mitarbeitern abverlangen. Dort wird der Schlüssel für die Tür zur Übergangszeit gedreht. Alle, die jetzt schnell finanzielle Unterstützung benötigen, müssen dies ohne Hürden erhalten. Das schafft Vertrauen in die Institutionen und schweißt die Gesellschaft zusammen. Scheitern wir an der eigenen Verwaltung, wird die Infektion des Lebens noch manch anderes Leiden hervorbringen.

WEITERE
Magdeburg
Klarer Himmel
16.7 ° C
17.2 °
16.7 °
65 %
1.3kmh
0 %
So
30 °
Mo
26 °
Di
27 °
Mi
23 °
Do
18 °

E-Paper