Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Die Kunst im Leben: Die Magdeburger Jugendkunstschule ist deutschlandweit einmalig

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Tausende Kinder und Jugendliche konnten hier bereits ihre kreative Ader ausleben und auf besondere Weise etwas fürs Leben lernen. Gegründet vor 30 Jahren, ist sie heute fester Bestandteil kreativer Bildung für Kinder und Familien. Es war kein einfacher, aber ein erfolgreicher Weg. Ein Blick zurück und nach vorn. | Von Birgit Ahlert

Mit Stolz und Staunen blicken Angela Weidt und Sabine Kaftan auf die vergangenen 30 Jahre zurück. Zu Recht. Sie sind die Gründerinnen der heutigen Jugendkunstschule und ihre Aktionen haben immer wieder für Aufsehen in der Stadt gesorgt. Doch ihre Arbeit begann bereits Jahre zuvor. Sie gaben Mal- und Kunstzirkel im sogenannten Pionierhaus (heute Gesellschaftshaus). Nach der politischen Wende 1990 gab es gravierende Veränderungen, das Land DDR wurde Teil des vereinten Deutschlands und überall musste sich neu orientiert werden. Auch das Pionierhaus wurde umfunktioniert und es entstand ein Gemisch aus Marktplatz mit goldenen Stühlen und Ausstellungszentrum. Dazwischen die wuselnden Kinder, die ihre von Ton und Farbe beschmutzten Hände wuschen. Sie wirkten deplatziert in diesem Ambiente. Was also sollte werden aus den Kreativkursen für Kinder? Wie das Kunstkonzept weitergeführt in die neue Zeit im neuen Land? Bei ihrer Suche stießen die beiden engagierten Frauen auf das Konzept von Jugendkunstschulen. „Wir haben immer gern mit Kindern gearbeitet und sahen nun eine Chance, das auch weiterhin zu tun“, erzählt Angela Weidt. Mit Sabine Kaftan fuhr sie zu einer Großveranstaltung nach Leipzig, wo sich Jugendkunstschulen aus mehreren Bundesländern vorstellten. Sie nahmen Kontakt zum Bundesverband auf, waren voller Aufbruchsstimmung und Enthusiasmus. Zu zweit jedoch lässt sich so ein Vorhaben nicht stemmen. Also wurden Unterstützer gesucht und es fanden sich Menschen, die von der Idee begeistert waren. Zunächst wurde eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet, später übernahm ein Förderverein, dessen Mitglieder bis heute aktiv unterstützen. Beschlossen im April 1991, startete das Projekt Jugendkunstschule im September, geleitet von den Frauen Weidt und Kaftan als städtische Angestellte. In einem neuen Gebäude, das der Stadt gehörte: dem Haus KLE, einer Villa mit Garten. „Ein wunderbares Ambiente“, schwärmen die Frauen, „perfekt für Kreativität.“ Wenngleich die Räume klein waren und die Kachelöfen noch selbst mit Kohlen geheizt werden mussten, erzählen beide lachend, „wir haben uns gefreut über diese Chance“. Das Projekt wurde zunächst für zwei Jahre bewilligt und für die Finanzierung gab es ein kleines Budget, verbunden mit Vorgaben für ein Einnahmesoll. Die Bilanz sollte am Ende über die Zukunft entscheiden. Sie war gut. Einfach war es nicht, doch das Interesse an den Kursen der Jugendkunstschule groß. Bald wurde das Angebot erweitert. Es gab Spiel- und Malgruppen für Kinder ab vier Jahren, Kurse für Malen, Zeichnen und Formen, für Druckgrafik, Zeichnen im Museum, Keramik, experimentelle Angebote, Erlebnisgruppen, Kurse für Teilnehmende ab 18 Jahren und sogar Computervisualistik, Anfang der 1990er Jahre noch höchst ungewöhnlich und neu. „Wir wollten Vielfalt“, betont Angela Weidt, „von Anfang an“. Künste miteinander verbinden. Darstellende und bildende. Malerei, Materialgestaltung, Tanz, Theater. Künstler wurden ins Haus KLE geholt, die ihre Erfahrungen einbrachten und die Kursteilnehmenden inspirierten. Darunter beispielsweise Ina Kindler, Theaterpädagogin an den Freien Kammerspielen, oder Tanja Drescher von der „Tanzfabrik“.

Die Kinder konnten nicht nur ihre künstlerische Fantasie ausleben, die Ergebnisse wurden von Beginn an auch öffentlich präsentiert. Die erste Ausstellung fand im eigenen Haus statt. So gemütlich die Villa KLE war, so groß wurde die Herausforderung, Bilder in den kleinen Räumen zu platzieren. „Wir haben das gesamte Haus umgekrempelt“, erzählt Angela Weidt und ein großes Lächeln überzieht ihr Gesicht bei dieser Erinnerung. Schränke, Werkzeuge, Staffeleien – alles, was nicht gebraucht wurde, musste weichen. „Wir haben das Haus leer geräumt und alles auf die Terrasse gestellt.“ Im Innenbereich wurden mit Baustellenzäunen quasi neue Gänge und somit Ausstellungsflächen geschaffen. „Dann war das ganze Haus KLE ein Kunstmuseum mit verschiedenen Abteilungen.“ Sehr eng, sehr schön – und ganz schön anstrengend. Deshalb blieb es bei dieser einmaligen Aktion. Für die nächsten Ausstellungen wurden andere Orte gesucht – und gefunden. Zunächst in der Galerie der AOK, später in der Galerie Süd, in der Johanniskirche oder auch im Rathaus.

Die Aktionen wurden immer größer, die Ausstellungen mit Aufführungen kombiniert. Aus einzelnen Kursen entstanden gemeinsame Projekte. Das erste große trug den Namen „Lebenswasser“ (1992). Dafür reisten Angela Weidt und Sabine Kaftan mit „ihren” Kindern in den Harz, um künstlerisch zu arbeiten, wanderten zur Steinernen Renne, schauten sich das Wasserkraftwerk an. Die Kinder erhielten nicht nur vielfältige Inspiration, sie beschäftigten sich zudem mit dem Thema Wasserressource und Fragen wie: Wem gehört das Wasser, was machen wir damit? Die Kursteilnehmenden haben gezeichnet, geformt, kleine Brunnen gebaut – und alles später als Galerie präsentiert. Die Tanzgruppe hatte ein Stück entwickelt, die Kinder schlüpften in die Rollen von Tieren. Kostüme nähte das Team der Jugendkunstschule mit Helfern. „Es war eine Freude zu erleben, mit welcher Begeisterung die Kinder, Eltern und unsere Partner sich engagiert haben“, sagt Sabine Kaftan und die Freude ist ihr noch immer anzusehen. Das Tanzprojekt wurde schließlich an einem gebührenden Ort aufgeführt, mit Wasser in der Nähe: im Carl-Miller-Bad, das extra für die jungen Künstler geöffnet worden war. Das große Finale des Projekts fand dann im Theater Freie Kammerspiele statt. Eine Ausstellung präsentierte die Kunstwerke der Teilnehmenden, ergänzt von einem Theaterstück zum Thema Wasser. „Es war eine sehr spannende Zeit, wir konnten viel ausprobieren“, blickt Angela Weidt zurück.

Immer wieder neue Wege zu gehen, gehört seit jeher zum Grundprinzip der Jugendkunstschule. Immer wieder wagten die Frauen neue Projekte. Wie die Zirkuswelt im Garten, wo Kinder jonglieren lernten und zum Abschluss eine große Vorstellung gaben. Heute gibt es derartige Zirkusse für Familien und Schulen, damals war das etwas völlig Neues. Das größte Projekt allerdings ist bis heute legendär: „Traummaschinen“ 1995. Das Technikmuseum war in Gründung und die Halle noch leer. Ein riesiger Raum, den die Kreativen der Jugendkunstschule mit Leben füllen durften. Das ging nicht klein-klein, da reichte kein Schuhkarton, da musste Großes passieren! Mit den Kindern wurde gesägt und gehämmert, große Maschinen ausgedacht, mit viel Fantasie in die Realität umgesetzt.

Die Jugendkunstschule wurde mit solchen Projekten Stadtgespräch. Wie noch viele Male seitdem. Immer wieder zeigte sie sich als Vorreiterin, impulsgebend für spätere Generationen. Viele Kunstprojekte, die in den letzten Jahren entstanden sind, gehen auf Ideen der Jugendkunstschule zurück. Bis heute ist sie mit ihren Einfällen und Aktionen beispielgebend. Hier hat die Kreativität ein Zuhause.

Ein neues Zuhause mussten die Akteure allerdings auch suchen. Denn längst reichten die kleinen Räume der Villa für die große Nachfrage nicht mehr aus. Dennoch bangte die Jugendkunstschule nach rund zehnjährigem erfolgreichen Bestehen um ihre Existenz. Innerhalb des politischen Strukturwandels wurde im Kulturbereich großflächig Geld gekürzt. Die rettende Fügung: Michael Kempchen, Intendant des Puppentheaters, regte einen Zusammenschluss an. Seit 2004 besteht die Jugendkunstschule unter dem Dach des Puppentheaters. „Es gibt viele Gemeinsamkeiten und Synergieeffekte“, sagt Michael Kempchen und freut sich noch heute über diesen Schritt. In beiden Häusern geht es um Kunst und kulturelle Bildung, das passt hervorragend zusammen. Ebenso vereint es die Möglichkeiten der Weiterbildung für Pädagogen. „Gemeinsam sind wir für die Kinder der Stadt da.“

Zwei Jahre später konnte auch das Platzproblem gelöst werden und ein Traum ging in Erfüllung: 2006 wurde aus der ehemaligen Feuerwehr am Thiemplatz das Kulturzentrum „THIEM20“, wo die Jugendkunstschule gemeinsam mit der Musikschule ein Zuhause hat. Ein Ort, an dem sich die Kinder – und schließlich auch die Erwachsenen – wohlfühlen. „Das war wie der Einstieg in die Profiliga“, sagt Sabine Kaftan mit Stolz und Dankbarkeit. „Wir haben hier eine ganz andere Präsenz“, ergänzt Angela Weidt. Mussten früher die Schulklassen wegen der kleinen Räume aufgeteilt werden, können nun mehrere Klassen parallel arbeiten. Aus den anfänglich 50 Kindern sind mittlerweile 200 geworden, im Jahr summiert sich die Teilnehmerzahl auf fast 6.000. Es gibt Projektarbeit mit Schulklassen vormittags, nach dem Mittag Kunstklassen, Projekte und Workshops ergänzen den Reigen am Wochenende (für Familien, Gruppen, Kindergeburtstage). Zusätzlich sind Kurse für Erwachsene fest installiert. „Der früheren intimen Heimlichkeit ist Professionalität gefolgt.“

Nach 30 Jahren können die Gründerinnen auf eine erfolgreiche Entwicklung zurückschauen. Der Blick auf die Zukunft verrät den Wechsel zur nächs-ten Generation. Sabine Kaftan ist bereits im Ruhestand, Angela Weidt folgt im nächsten Jahr. Die Nachfolgerinnen stehen nicht nur bereit, sie sind schon mittendrin. „Zwei wunderbare Frauen“, freut sich die langjährige Leiterin der Jugendkunstschule Angela Weidt, deren Nachfolgerin Friederike Bogunski ist. An ihrer Seite steht Ulrike Gehle, die u. a. Projekte wie die KinderKulturTage betreut.

Über das eigene kreative Umsetzen gibt es vielseitige Inspiration im Jugendkunsthaus. Im Jubiläumsjahr beispielsweise angelehnt an das Spielzeit-Thema des Puppentheaters: Wald. Es geht ums gemeinsame Wachsen, natürliche Kreisläufe, das Klima und auch darum, dass sich die Bewohner des Waldes gegenseitig brauchen, wie auch wir Menschen uns gegenseitig brauchen, erklärt Friederike Bogunski. Demokratie ist ein Thema. Dem anderen zuhören, andere Meinungen aushalten. Die Kinder lernen, sich respektvoll zu äußern, zu hinterfragen, Entscheidungen zu treffen. Das beginnt beim Betrachten und Beurteilen anderer Arbeiten: In jedem ist etwas Gutes zu entdecken. „Das hat mit Respekt zu tun, im Kleinen wie im Großen. Auch darum geht es uns. Kunst legt einen wichtigen Grundstein.“

Die Kunst steht nie nur für sich, betont Friederike Bogunski, als Teil des großen Ganzen bereichert sie unser Leben. Auch wenn die Kursteilnehmer die Kunst nicht zu ihrem Beruf machen, „so lässt sie uns das Leben, das Umfeld, das Miteinander anders sehen“. Gemälde werden anders betrachtet, weil man verstehen kann, welche Arbeit geleistet, welche Technik angewandt wurde … Selbst der Blick auf die Straße, die Häuser, die Stadt verändert sich, wird facettenreicher. Details werden entdeckt, die im Alltag sonst verborgen bleiben. Weil sich der Blick dafür schärft. Und so wächst auch die Freude. Es macht glücklich. Das haben nicht nur Forscher untersucht und bestätigt, das erfahren die Kursgeberinnen immer wieder durch Begegnungen mit ehemaligen Teilnehmenden der Kunstkurse, die davon schwärmen, wie diese Erfahrung ihr Leben verändert hat. Angela Weidt und Sabine Kaftan haben etwas Wunderbares geschaffen, ein Samenkorn gelegt, aus dem facettenreiche Pflanzen erwachsen. Für eine bunte, kreative Zukunft.

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