Die Lage für die Reisebranche ist ernst

Das Aus kam plötzlich. Wohl kaum wie eine andere Branche erwischte es die Reisebüros mitten in der Hochphase der Urlaubsbuchungen. Wegen des Coronavirus können Reisebüros seit März 2020 keine Reisen anbieten. Zusätzlich müssen die Reisebürounternehmer die Provisionen der stornierten und abgesagten Reisen an die Kunden zurückzahlen. Mittlerweile stehen 100.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Schicksale von Menschen, die es hart trifft. Es spricht also viel für den Erhalt der Arbeitsplätze. Forderungen der Branche nach Unterstützung und langfristigen Krediten sind nachvollziehbar. In einem Twitter-Video-Post des Bundesministeriums der Finanzen kündigte Finanzminister Olaf Scholz ein Konjunkturprogramm auch für die Reisebüros an. Auch wenn eine Erholung ab Mitte Juni nicht unwahrscheinlich ist, können die Reisebüros mit dem bisherigen Geschäftsmodell längst nicht so schnell neue Umsätze generieren. Damit stehen die Reisebüros in Deutschland buchstäblich vor dem Nichts – die Lage ist mies.

Christian Engelhardt, der in Magdeburg zwei Reisebüros (Cactus und Sonnenklar) betreibt, schildert am Telefon, welche Probleme seine Branche hat.

Wie sind die Lage und der derzeitige Alltag?

Christian Engelhardt: Wir arbeiten in unseren Reisebüros zwar mit halber Personalstärke, aber wir müssen täglich unser Pensum absolvieren. Unsere Mitarbeiter telefonieren viel, füllen Formulare am Computer aus. Dennoch ist alles anders: Stornieren statt buchen heißt es bei uns in der Coronazeit. Unsere Situation ist dramatisch. Seit Wochen liegt unser Geschäft am Boden. 100 Prozent der gebuchten Reisen sind abgesagt, da kein Flug mehr stattfindet und Einreiseverbote und Ausgangsbeschränkungen weltweit bestehen. Unser Umsatzrückgang ist damit genau 100 Prozent. Dabei ste-cken fast alle 50 Magdeburger Reisebüros in großen finanziellen Schwierigkeiten, mehr als die Hälfte davon wird es nicht schaffen, diese schwierige Lage zu meistern.

Wer bleibt auf den Kosten sitzen, wenn die Reisen abgesagt werden?

Christian Engelhardt: Wir in erster Linie. Ein Reisebüro lebt ausschließlich von den Provisionen, die Veranstalter für verkaufte Reisen zahlen. Die liegen zwischen 8 und 10 Prozent. Die Arbeit der Reisebüros, die zum Teil schon vor einem Jahr für die Reiseveranstalter geleistet wurde, wird jetzt nicht mehr bezahlt. Zum Beispiel haben wir vor über einem Jahr schon Kreuzfahrten gebucht, die jetzt stattfinden sollten. Oder auch für unsere Kunden Reisen geplant und gebucht, die aufwändig sind und detaillierte Absprachen mit Veranstaltern erfordern. Derzeit ist nach wie vor die Situation, dass es in vielen Ländern Einreisebeschränkungen gibt und der internationale Flugverkehr am Boden liegt. Die Vermittlungsprovisionen, die wir zum Teil schon erhalten haben, müssen wir jetzt zurückzahlen. Aber auch Provisionen, die wir erst mit Reiseantritt der Kunden erhalten, fallen somit komplett aus.

Das sind ja düstere Aussichten. Wie soll es weitergehen?

Christian Engelhardt: Bedauerlicherweise haben wir im Gegensatz zu anderen Branchen keine Möglichkeit, etwas für unsere Umsätze zu tun. Restaurants haben sich zum Teil mit Außer-Haus-Verkauf über Wasser halten können. Andere Dienstleister, wie zum Beispiel das Friseurhandwerk, mussten zwar auch Umsatzeinbrüche durchleben, erhalten mit Öffnung ihrer Geschäfte aber wieder Geld. Wir können im Moment nur im Interesse unserer Kunden bestmöglich die Sachen abwickeln. Geld zurück oder Reiseguthaben. Alle offenstehenden Fragen, die unsere Klientel hat, werden von uns beantwortet. Deshalb bleiben wir auch hier. Obwohl wir also die doppelte bis dreifache Arbeit und null Ertrag haben, müssen wir Personal und die Miete bezahlen. Wir verdienen derzeit Null: Null durch Buchungen, Null mit der Beratung und Null mit der Rückabwicklung bereits gebuchter Leistungen. Betriebswirtschaftlich ist das ein Fiasko, denn ich muss ja weiterhin Gehälter zahlen. Wir brauchen daher einfach konkrete monetäre Hilfe. Heißt: Wir brauchen Geld.

Gibt es seitens der Reiseveranstalter und der Politik Unterstützung?

Christian Engelhardt: Ein konkretes einheitliches Konzept der Reiseveranstalter gibt es leider nicht. Einige zeigen sich kulant und nehmen bereits getätigte Anzahlungen als Reisegutscheine für künftige Urlaubsreisen auf. Einige bieten Reisenden nun besondere Flexibilität in Sachen Stornierung an.
Und was die Politik betrifft: Wenn der Staat nichts unternimmt, gibt es beim Mittelstand keine Reisebranche mehr. Während die großen Unternehmen, wie beispielsweise Tui, Unterstützung bekommen, läuft in Sachen Reisebüros kaum etwas. Viele Politiker, aber auch Kunden, wissen überhaupt nicht, wie Umsätze in Reisebüros erzielt werden. Auf der Protestaktion unter dem Motto „Rettet die Reisebüros“ auf dem Domplatz haben wir auf unsere prekäre Lage aufmerksam gemacht.

Die Reisewarnungen soll Mitte Juni für Europa fallen. Sehen Sie da Hoffnung?

Christian Engelhardt: Kunden erkundigen sich weiter über einen möglichen Urlaub. Einige Destinationen stehen kurz vor der Öffnung. Im Gespräch sind u. a. die Reiseländer Österreich, Griechenland und Kroatien. Aber auch die Türkei und Ägypten könnten bald wieder Urlauber empfangen. Die Nachrichten dazu ändern sich nahezu täglich. Doch die Unsicherheit bei den Reisenden bleibt groß. Viele der Kunden sind skeptisch. Weiß der Urlauber, ob er in Quarantäne muss, wenn er aus dem Urlaub zurückkommt? Niemand weiß, was im Urlaubsland für Regelungen bestehen. Wer will schon mit Mundschutz am Strand liegen oder das Abendessen im Hotel hinter Plexiglasscheiben zu sich nehmen. Um den Reisemarkt wieder anzukurbeln, reichen nicht nur attraktive Angebote sondern muss das Vertrauen in die Branche wieder wachsen. Momentan planen viele Urlauber ihre freien Tage in Deutschland zu verbringen. Aber das geben die Kapazitäten gar nicht her. Schon jetzt ist es schwer, am Meer oder in den Bergen noch eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

Wie soll es mit Ihren Reisebüros weitergehen?

Christian Engelhardt: Unsere Reisebüros verdienen erst Geld, wenn der Gast wirklich unterwegs ist. Wir haben – wie andere Unternehmen auch – die Soforthilfe in Anspruch genommen. Allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein. Da unser Geschäftsbetrieb weitergeht, fallen auch Kosten wie Miete und Löhne an. Natürlich könnte ich meine Büros auch zumachen, damit wäre aber keinem geholfen. Ich würde lediglich die Kunden ihrem Schicksal überlassen und langjährig aufgebautes Vertrauen zerstören. Um Kosten für Ladenmiete oder Gehälter zu decken, haben wir zusätzlich einen KfW-Sofortkredit beantragt, der zügig bewilligt wurde. Immerhin müssen wir mehr als 300.000 Euro Umsatzausfall kompensieren. Die 2,2 Millionen Euro Umsatz von Mitte März bis Mitte Juni in diesem Jahr fallen komplett weg. Unsere Branche ist diejenige, die als letzte wieder nach den Ausfällen durch die Corona-Krise Geld verdienen kann. Allerdings werden einige Reisebüros für immer schließen. Künftig müssten sich die Abrechnungsmodalitäten bei den Veranstaltern ändern. Eine Servicepauschale oder Beratungsgebühren im Gesamtpreis wäre eine Überlegung, die bei Stornierungen wie sie derzeit stattfinden, das Überleben der Reisebüros sichert. Auch ein Notfallfonds, der die direkten Verdienstausfälle der Reisebüros deckt, wäre eine Überlegung. Es kann nicht sein, dass wir die Arbeit für die Veranstalter machen, ohne im Anschluss dafür vergütet zu werden.

Wird es Veränderungen geben?

Christian Engelhardt: Sie spielen auf das Buchen von Reisen im Internet an? Sicher buchen schon viele Menschen online ihren Urlaub. Dennoch werden die meisten Reisen noch über das Reisebüro gebucht. Ein Vorteil ist die umfassende Beratung und eine gewisse Sicherheit auf Ansprechpartner. Mit der Schließung verschwindet ein Mehrwert für die Kunden. Übrigens: Den Online-Anbietern setzt die Krise genauso zu wie uns.
Mein Wunsch ist es, dass die Kunden mehr Verständnis für die Lage der Reisebüros aufbringen. Wir sind die Vermittler, nicht der Vertragspartner. Viele warten noch auf ihr Geld, das der Reiseveranstalter für ihre ausgefallene Reise erstatten muss. Den Frust darüber, wenn die Rückabwicklung stockt, bekommen wir ab.

Gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Christian Engelhardt: Zurzeit können wir mit unserem Partner verstärkt auf die Vermietung von Reisemobilen setzen. Langfristig geplante Reisen mit dem Wohnmobil mussten allerdings auch storniert werden. Rundreisen durch Europa sind derzeit kaum umsetzbar. Da die Campingplätze nach und nach wieder öffnen, wächst auch die Nachfrage nach Ferienmobilen. Vor allem für die Sommermonate liegen schon zahlreiche Bestellungen vor. Für uns gilt es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Wir beobachten die Entwicklung ganz genau und hoffen, dass Reisen bald wieder möglich ist. Reisen ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens.

Das Gespräch mit Christian Engelhardt führte Ronald Floum.

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