Die Perücke ist eine falsche Behauptung

– behauptete der österreichische Dramatiker Johann Nepomuk
Nestroy. Denn wer nicht genug Haare auf dem Haupt hat und
sich einer Perücke bedient, täuscht vor, da sei etwas, wo eigentlich nichts ist. Ähnlich, wer nicht genug Wissen im Haupt hat und sich der Behauptung bedient. Beide tun so, als ob sie es hätten, das Haar beziehungsweise das Wissen. | Von Gerald Wolf

Ein Beispiel: Niemand weiß, was die Zukunft bringt, die Wahrsager aber behaupten, sie wüssten es. Viele Menschen wüssten das ebenfalls gern, lesen dazu die Horoskope und behaupten schließlich, genauso gut Bescheid zu wissen. – Perückenmacher auf der einen Seite, Behauptungsmacher auf der anderen. Beide schaffen eine Art von Wirklichkeit, die jedoch weit weg ist von der Wahrheit.

Behauptungen sind mangels Wissen gang und gäbe. Dass die Demenz von ungesunder Ernährung herrührt, ist eine Behauptung, und dass an Telepathie und sonstigen Psi-Phänomenen mehr dran sei, als die Wissenschaft wahrhaben will, eine zweite und schon lange bekannte. Jünger hingegen ist die Behauptung, dass das Corona-Virus einem chinesischen Biowaffenlabor entstamme. Als Behauptungs-Aufsetzer geistert herum, unsere Regierung wüsste das, würde darüber aber aus Rücksicht auf die Handelsbeziehungen lieber schweigen. Diejenigen, die wissen, was es jeweils an Sachverhalten zu wissen gibt, kennen die Wahrheit zwar ebenfalls nicht, geben das aber zu. Wenn sie ehrlich sind. Falls sie nämlich sagen, alles andere seien einfach nur Behauptungen, Erfindungen gar, laufen sie Gefahr, sich unbeliebt zu machen. Indes passiert das kaum jemals den Behauptungen. Je öfter sie wiederholt werden, umso mehr wächst deren Akzeptanz, auch deshalb, weil sie zumeist ohne Formeln, Diagramme und nerviges Argumentieren einleuchten.

Was nicht alles lässt sich mit Behauptungen anstellen, mit gänzlich privaten und erst recht mit öffentlichkeitswirksamen. Was wären all die Religionen und Ideologien ohne sie, womit sonst sollten die Politiker ihre potenziellen Wähler umgarnen, womit die Wirtschaft ihre Kunden? Was zum Beispiel würde aus der sogenannten alternativen Medizin ohne ihre Heils-, Linderungs- und Vorbeugeversprechen, was aus den Grünen ohne ihre Weltuntergangsszenarien, was aus den sticky Nazi-Etiketten, was aus der Corona-Panik, müssten diese sachlich begründet werden?

Wissen ist fiddly, Behaupten easy

Allerdings, was schon wissen wir, was genau? Und was, möge sich jeder selbst fragen, was weiß ich und, überhaupt, was kann ich wissen? In provozierender Absicht stellte Immanuel Kant diese Frage schon vor zweiundeinhalb hundert Jahren. Seitdem ist der Wissensfundus der Menschheit ins Unermessliche gewachsen, und er wächst Jahr für Jahr, Tag für Tag. An ein Ende ist nicht zu denken. Natürlich kann man versuchen, sich das für eine jeweilige Fragestellung verfügbare Wissen zu erarbeiten, doch ist das sehr, sehr mühselig. Behauptungen tun ’s auch und, weil eingängiger, oft viel besser. Man muss die Behauptungen noch nicht mal selbst aufstellen, sie lassen sich von den Behauptungsmachern einfach übernehmen. Wie eine Perücke vom Perückenmacher.

Wie wenig man von der Sache verstehen muss, ergeben Umfragen unter den Teilnehmern der Fridays-for-Future-Demos. Was sie über die Physik und Chemie von Klimafaktoren zu wissen angeben, ist zumeist schwach, oft sogar von der bizarrsten Art (https://www.youtube.com/watch?v=6uEJ6uNyNPE&t=85s) und durchaus kompatibel mit den Ergebnissen der jüngsten PISA-Studie. Ein paar Plattheiten zum „Klimaschutz“ reichen aus, um sich zusammen mit tausenden und abertausenden Gleichgesinnten für die „Klimaziele“ lautstark und vor Eifer glühend einzusetzen. Dass der Wandel des Klimas wie der des Wetters zur Natur gehört, wird ignoriert. Wie es z. B. zu der Behauptung gekommen ist, 97 Prozent aller Klimatologen der Welt wären sich dahingehend einig, dass der Mensch Verursacher des Klimawandels sei. Ja, man scheut die wissenschaftliche Disputation zur Klimatologie wie die Gläubigen eine solche zum Wirken Gottes. Politiker und Medienleute, die ihre Existenzberechtigung am Klimaglauben festgemacht haben, sorgen wie die Vertreter des Gottesglaubens dafür, dass die entsprechenden Behauptungen fest im Kopf haften bleiben. Wie eine Perücke, nur dass diese nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf zu sitzen hat.

Nun gibt es aber auch Leute, die haben genug Haare auf ihrem Kopf und tragen dennoch eine Perücke. Sie geben sich damit ganz bewusst ein falsches Aussehen. Zu Faschingszeiten ist das ein schöner Gag. Auch Schauspieler bedienen sich dieses Tricks, um als ein Anderer zu erscheinen. Vorübergehend. Denn nach dem Auftritt legen sie das gute Stück ihres Perückenmachers beiseite und sind ob ihrer Eigenhaare oder Glatze wieder sie selbst. Anders die Behauptungsmacher. Sie legen ihre Behauptungen auch im privaten Kreise kaum jemals ab, zu stark ist die Befürchtung, sich als Heuchler bloßzustellen. Kaum jemals wird ein Pfarrer seine Zweifel an Gottes Existenz kundtun und ebenso wenig ein Politiker oder ein Seenotretter seine Skepsis, wenn es um die Schutzwürdigkeit der Flüchtlinge geht oder um deren Integrationswillen. Die Gefahr, dadurch die in die Köpfe der Bevölkerung so sorgfältig eingepflanzten Behauptungen zu demontieren, wäre viel zu groß und die Folgen für politische Entscheidungen wie auch für das persönliche Wohlergehen mancher Politiker unabsehbar. Schon im Eigeninteresse achten solche Politiker darauf, dass das Höchstprivate, sozusagen das Haar unter der Perücke, immer schön versteckt bleibt. Zum Beispiel, wenn man seine Wohnung möglichst weit außerhalb von Zentren mit hohem Migrantenanteil nimmt oder seinen Kindern bzw. Enkeln staatliche Problemschulen nicht zumuten will und Privatschulen bevorzugt. Vermutlich hat es dazu noch nie Erhebungen gegeben, zumindest liest man davon nichts in der Presse.

Eine Behauptungs-Steuer

Warum sollte Deutschland als Steuer-Rekordland nicht eine weitere Steuer hinzufügen, eine auf unbewiesene Behauptungen? Dazu folgender Vorschlag: Zur Einstufung in die Steuerklasse sind Behauptungen, noch bevor sie öffentlich werden, sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Dazu dürfen ausschließlich politisch unabhängige Wissenschaftler (also nicht die üblichen „Experten“) herangezogen werden, solche, die bereit sind, ihre Auffassungen in aller Öffentlichkeit gegen welche Widersacher auch immer zu verteidigen. Die Einstufung in die jeweilige Steuerklasse erfolgt in Abhängigkeit von der Belegbarkeit der Aussagen. Ungeprüfte oder gar wissentlich falsche Behauptungen zu verbreiten, ist verboten und wird je nach Schwere unter Strafe gestellt. In Analogie dazu auch der Perückenmissbrauch. Das Tragen von Perücken ohne nachweisbare Missbrauchsabsicht ist abhängig vom Verwendungszweck ebenfalls steuerrechtlich einzuordnen. Bleibt am Ende die knifflige Frage: Welche Experten entscheiden darüber, wer Experte sein darf? Vielleicht würde es schon helfen, wenn nur solche Wissenschaftler ausgewählt würden, die mit ihren Forschungsarbeiten nicht aus staatlichen Fördertöpfen schöpften.

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