Montag, November 28, 2022

Die Sau bleibt!

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Ein Kommentar von Michael Ronshausen

Die „Judensau“ bleibt uns (vorerst) erhalten! Der Bundesgerichtshof hat soeben den Antrag auf Revision eines jüdischen Klägers gegen das Urteil des Oberlandesgrichts (OLG) Naumburg zurückgewiesen. Der Kläger hatte letztlich die Entfernung einer sogenannten „Judensau“ von der Wittenberger Stadtkirche – sie war einst die Predigtkirche Martin Luthers – gefordert und war damit bereits vor dem OLG in Naumburg gescheitert. Bei den sogenannten „Judensäuen“ – in deutschen und teilweise auch europäischen Kirchen gibt es sie noch zu einigen Dutzend – handelt es sich um menschenverachtende und antijüdische Reliefskulpturen, auf denen Juden in übelster Weise gemeinsam mit Schweinen verbandelt sind. Die Darstellungen zeigen mehrheitlich die Nutzung des Schweins als Nahrungsmittel (was aus jüdischer Sicht verboten ist), unterstellen aber einige male auch sexuelle Verbindungen zu diesen Tieren. Trotz des begrüßenswerten Urteils ist aber immerhin die Absicht des Klägers ein sehr gutes Stück weit nachvollziehbar.

Die (damals christliche) antijüdische Hetze aus dem 13., 14. oder 15. Jahrhundert ist durchaus vergleichbar mit dem agitatorischen Hass der Nationalsozialisten gegen die Juden in der Zeit des 3. Reiches. Und eine Sitzbankaufschrift „Nur für Arier“ oder „Für Juden verboten“ würde heute auch niemand mehr als bewahrenswertes Kulturgut konservieren. Es bleibt der erhebliche zeitliche Abstand, der hier eine Rolle spielen sollte, und aus dem heraus eine ein Stück Zeitgeschichte vor realen Objekten erzählt werden kann. Bereits vor mehr als 20 Jahren hat beispielsweise die Magdeburger Domgemeinde zu ihrer eigenen Judensau (Ernstkapelle, aus der Zeit um 1500) in einer Broschüre Stellung bezogen und klar gestellt, dass hier nicht der Meißel gefragt ist, sondern die Erinnerung an einen unsäglichen Vorgang zum Tragen kommen soll und dessen Bedeutung man nicht beiseite legen kann. Auch hier und heute darf und muss eine solche Darstellung nicht nur ein Stück der vergangenen Geschichte, sondern auch eine Warnung für alle zukünftigen Zeiten sein!

Foto: Die Wittenberger Judensau in einer bildlichen Darstellung aus dem 16.Jahrhundert. Die Abbildung kommt der Darstellung sehr nahe.

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