Die Stadt ist tot, es lebe die Stadt Magdeburg

Der Wiederaufbau Magdeburgs dauert nun schon 70 Jahre und er ist nicht abgeschlossen. Vielen alten, ganz alten Magdeburgern ist die heutige Stadt fremd, nicht nur wegen der Architektur, sondern auch wegen der vielen Freiräume“, sagt Dr. Eckhart W. Peters, der von 1993 bis 2008 Leiter des Stadtplanungsamts Magdeburg war. Vor 20 Jahren forderte er von den Magdeburgern, sie sollten die Elbe wieder in Besitz nehmen, nicht nur dadurch, dass sie die Stadt zum Flussufer hinbauen, sondern sie sollten ihren Fluss mit allen Sinnen erleben. Dem Fluss ist die Stadt längst nähergerückt und vom Ufer haben die Menschen Besitz ergriffen. In sonnigen Stunden, an Wochenenden und Feiertagen sind Tausende beim Flanieren, Sporttreiben und Radfahren entlang der Elbe unterwegs.
Um sich wirklich vor Augen zu führen, welchen Wandel Magdeburg in den vergangenen 30 Jahren erlebte, muss man heutige Fotos mit alten nebeneinander legen. Auf dieser Seite steht eine Luftaufnahme des Hasselbachplatzes aus dem Jahre 1991 einem Bild aus dem Mai dieses Jahres gegenüber. Solche Vergleiche ließen sich über alle Stadtteile hinweg ziehen. Überall wäre Neues zu entdecken. Viele einstige Kriegswunden sind längst geschlossen und manches neue Solitär prägt mittlerweile das Stadtbild. Magdeburger diskutieren gern kontrovers über bauliche Vorhaben und zahlreiche Projekte mussten sich gegen eine vielstimmige Ablehnung durchsetzen.

Man kennt die Kritik, dass die Architektur der Moderne zu oft zu monotone Beton-Glas-Fassaden hervorbringt. Die Sehnsucht nach dem einstigen Gründerzeitflair ist groß. Allerdings wird dabei häufig vergessen, wie düster und feucht es hinter den verschörkelten Fassaden war. Kürzlich war ich von der Friedrichstadt über die Strombrücke in Richtung Innenstadt gefahren. Und obwohl der Neubau für den alten „Blauen Bock“ vielleicht einen anderen Architektenentwurf verdient hätte, erschienen die entstehenden Glaselemente an der Fassade wie ein Spiegel, der zwischen die Blöcke des Zuckerbäckers-Stils gestellt war. Links, entlang des Allee-Centers, verdeckt das Grün der Bäume die lange Front des Baus. Das war für mich ein neuer Blick in die Innenstadt.

Eckhart Peters schwärmt beispielsweise gern für den Bau des MDR Landesfunkhauses. Der „Architekt schuf mit dem imposanten Gebäude am Kleinen Stadtmarsch ein Bindeglied zwischen dem offentlichen Freiraum und der Medienlandschaft. Vielmehr ist die Form des Hauses für ihn eine Umarmung des Domes vom gegenüberliegenden Elbufer aus.
Als die Gero AG Ende der 1990er Jahre die Pläne für ein Hundertwasser-Bauwerk im Herzen der Stadt präsentierte, war die Ablehnung groß. Heute ist die Grüne Zitadelle neben dem Dom die wichtigste touristische Attraktion Magdeburgs. Ähnlich erging es dem Nord/LB-Gebäude. Lässt man heute den Blick von der rosa-bunten Fassade des Hundertwasserhauses über den blauen Marmor der Nord/LB schweifen, vereinen sich die Kontraste zu einem Bild, das von den Türmen der gotischen Kathedrale überragt wird. Dagegen wirkt der Historismus des gegenüberliegenden Justizpalastes fast ausdrucksschwach.

Die Geister scheiden sich auch stets an der Otto-Richter-Straße im Stadtteil Sudenburg. Unter der Leitung von Bruno Taut erhielt genau vor 100 Jahren (1920/21) ein Teil der schlichten Putzfassaden durch den Architekten Carl Krayl einen bunten Anstrich. Manchem erscheint das kitschig, für andere ist es Ausdruck für Lebendigkeit und Frohsinn. Von den Kritiker wird gern vergessen, dass historische deutsche Fachwerkstädte genauso farbig angestrichen waren. Und dann gibt es diese Farbtupfer in der Stadt und sie bilden einen Kontrast zu mancher Betonmoderne, aber es ist wieder nicht recht zu machen. Alles, was irgendwo hingestellt wird, ist dem individuellen Geschmack der Betrachter ausgesetzt. Daran wird sich nie etwas ändern. Es sind eben genau diese Dispute, die dem Wandel einer Stadt Schwung geben. Mal kommt etwas Großes heraus, mal entsteht ein Detail, dessen positive Eigenheit sich vielleicht noch nicht einmal auf den zweiten Blick erschließt.

So sind alle Städte. Es gibt Areale, die mit der Zeit ins Hintertreffen geraten und andere, die sich in den Vordergrund schieben. Auch die Beliebtheit der Stadtteile ist Schwankungen unterlegen. Während Stadtfeld Ost bis vor kurzem noch eine der Lieblingswohngegenden war, zieht die Innenstadt mehr und mehr Menschen an. Das liegt natürlich am neuen Domviertel. Bald wird auch das Luisencarré für neue City-Bewohner sorgen. Bedauerlich ist jedoch, dass der Einzelhandel der Entwicklung nicht mit Vielfalt und Attraktivität in den Sortimenten nachziehen kann. Der Lockdown zur Corona-Pandemie hat das Sterben von kleinen Geschäfte offenbar noch beschleunigt. Selbst wenn neue Mieter die Ladenflächen wieder beleben – Krankenkassen, Friseure und Versicherungsbüros laden kaum Menschen zum Flanieren ein. Die Stadt kann sich mit noch so vielen Aktionen der Entwicklung entgegenwerfen. Dieser Trend ist nicht mehr zurückzudrehen, so gern man es sich auch wünschte. Bei aller Kritik an architektonischen Ergebnissen, am Stadtbild, an einzelnen Projekten oder sonstiger Veränderung – es bleibt der Slogan: Die Stadt ist tot, es lebe die Stadt. Thomas Wischnewski

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