Mittwoch, Juli 6, 2022
Anzeige

Die süßen Früchtchen der Kindheit

Anzeige

Folge uns

Kühl fühlt sich der Boden unter meinem Körper an. Jedoch nicht kühl genug, um mich zum Aufstehen zu bewegen. Auf dem grünen Rasen habe ich mich ausgestreckt – den Blick zum blau-weißen Himmel gerichtet. Meine Arme bewegen sich langsam auf und ab, als wollten sie in Zeitlupe einen Flugversuch starten, doch eigentlich möchte ich nur, dass die Spitzen der Grashalme meine Handflächen kitzeln. Über mir changiert der Himmel zwischen stahlblau, überstrahlt von gleißendem Sonnenlicht und weißen Zuckerwatte-Wolken, die vorüberziehen, als würden sie gemütlich am Horizont flanieren.

Schon als Kind hatte ich so dagelegen, den Duft der warm-feuchten Erde und der Pflanzen um mich herum einatmend, dem Zirpen der Insekten und dem Zwitschern der Vögel lauschend. Bis Omas Stimme an mein Ohr drang: „Komm her, hier ist die erste reife Erdbeere.“ In ihrem bunten Rock stand sie jenseits der Rasenfläche inmitten des Erdbeerbeetes. Sie hatte sich nach vorn gebeugt und zeigte auf die große rote Scheinbeere mit ihren kleinen Nüsschen. Mit ihrer Hand schob sie die grünen Blätter beiseite und ließ mich die Erdbeere pflücken. Kurz darüberwischen, ein bisschen pusten … und ab in den Mund, wo sich der von der Sonne gewärmte, süß-säuerliche Saft ausbreiten konnte. Wie groß Omas Wunsch war, selbst in die Erdbeere zu beißen, kann ich nicht sagen – meine Angebote wurden stets abgelehnt. Die ersten Früchte des Jahres zu essen, war mir vorbehalten.

Das galt für die Stachelbeeren, die Johannis- und die Himbeeren ebenso wie für die Kirschen und etwas später im Jahr die Pflaumen. Dieses Privileg genoss ich nicht nur bei Oma und Opa väterlicherseits, sondern auch bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Dort waren es vor allem Sauerkirschen, Pfirsiche und Äpfel, deren Geschmack und Gefühl auf der Zunge sich bis heute in meinem Gedächtnis festgesetzt haben. Kein auf dem Markt – und erst recht nicht im Supermarkt – gekauftes Obst reicht an die Früchtchen aus Omas und Opas Garten heran. Auch nicht an die Radieschen, Gurken, Tomaten, Paprika, Bohnen oder Erbsen.
In Maßen genossen, waren die Erträge aus dem Garten das beste Geschenk. Vor allem, weil ich als Kind kaum Arbeit investieren musste. Die Tage, an denen ich zu viele Kirschen oder Erdbeeren gegessen und so mein Unwohlsein selbst verschuldet hatte – sicherlich trotz anhaltender Ermahnung seitens der Erwachsenen –, sind aus dem Bewusstsein gestrichen, leben jedoch in den Erzählungen meiner Familie weiter. Besonders gern werden diese Geschichten bei Geburtstagen oder anderen festlichen Gelegenheiten hervorgeholt – gespickt mit etwas Schadenfreude, weil das Kind ja nicht auf Mutter oder Vater, auf Oma oder Opa hören wollte.

Wenn ich heute auf dem Rasen liege, umgeben von Grün und Sonnenschein, vom Duft des frisch gemähten Grases und von wohliger Wärme, und mich umsehe, muss ich konstatieren, dass sich in den vergangenen Dekaden vieles verändert hat. Die Stachelbeersträucher gibt es nicht mehr. Auch der Kirschbaum, in dessen Schatten ich jauchzend und lachend schaukelte, musste weichen. Ebenso die Schaukel selbst. Der Garten hinter dem elterlichen Haus ist jedoch nach wie vor ein Paradies. Einige Gewächse sind verschwunden, andere hinzugekommen. Und meine Wahrnehmung hat sich seit den Kindheitstagen sicherlich ebenfalls gewandelt. Wenn ich jedoch die Augen schließe und an meine Oma denke, wie sie fröhlich gestimmt der Gartenarbeit nachgeht, dann ist der Geschmack von süßlich-sonnenverwöhnten Erdbeeren stets gegenwärtig.

Tina Heinz

WEITERE
Magdeburg
Klarer Himmel
17.2 ° C
17.2 °
17.2 °
61 %
5.3kmh
9 %
Mi
20 °
Do
18 °
Fr
21 °
Sa
23 °
So
18 °

E-Paper