Donnerstag, Juni 30, 2022
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Die „verschwundene“ Königin – Meter 27

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Erzählungen aus der gotischen Kathedrale – Von Michael Ronshausen


Zu den bekanntesten Personen aus der Geschichte des Domes – und natürlich auch da-rüber hinaus – gehört Editha, eine angelsächsische Prinzessin aus dem Hause Wessex, Tochter des Königs Edwards des Älteren und Enkelin König Alfreds des Großen. Im Jahre 929 trat Editha auf Wunsch des ostfränkischen Königs Heinrich ihre Reise nach Magdeburg an, um entweder dort oder in Quedlinburg den Königssohn Otto zu heiraten. Nach allem, was im Laufe der seither vergangenen 1.100 Jahre an Überlieferung erhalten geblieben ist, sollen Editha und Otto eine glückliche Ehe geführt haben. Sechs oder sieben Jahre später – das genaue Datum der Hochzeit ist nicht bekannt – bestieg Editha gemeinsam mit ihrem Mann 936 in Aachen den ostfränkischen, sprich deutschen Königsthron.

Editha, vermutlich zwei Jahre älter als ihr Mann, widmete sich als Königin der familiären Memorabilia und der Vermittlung klösterlicher Anliegen beim König. Ihr nachhaltigstes und bis heute wirksames Werk war ihre Beteiligung an der Stiftung des Magdeburger Mauritiusklosters am 21. September 937. Editha, die sich wohl auch bei den Bewohnern Magdeburgs durch große Mildtätigkeit beliebt gemacht hatte, starb – der Überlieferung nach von Otto tief betrauert – am 26. Januar 946. Ihre erste Grablege in heute nicht mehr bekannter Form fand sie im bereits erwähnten Benediktinerkloster St. Mauritius, und dann – vermutlich einige Jahrzehnte später – im ab 955 neu errichteten Magdeburger Dom.

Doch auch hier fand sie noch keine immerwährende Ruhe. Es ist nicht gewiss, ob und wie ihr Grab nach dem Dombrand von 1207 bewahrt wurde. Bekannt ist nur, dass sich 1510 der Magdeburger Erzbischof Ernst von Sachsen um eine neue Grabstelle in Form eines sandsteinernen Sarkophags kümmerte und ihn in der Scheitelkapelle des Chorumgangs aufstellen ließ. Das Wissen um diese neue Beisetzung Edithas sterblicher Überreste blieb 400 Jahre erhalten und ging dann – eigentlich der Treppenwitz der Domgeschichte – verloren. Noch bis und um 1900 herum galt das Grabmal Edithas demzufolge als Sarkophag, also als echtes Grab mit einer tatsächlich darin bestatteten Person.

Irgendwann nach 1900 muss es zu einem Überzeugungswechsel gekommen sein. Auch in der Gruppe der Domführer wurde das Grabmal fast ausnahmslos als Kenotaph, als Scheingrab angesehen, und als solches bezeichnet. Zwar blieb das „Scheingrab“ bei Domführungen wegen seiner Bedeutungsschwere fester Bestandteil der geführten Rundgänge durch den Dom. Die aber nun aufkommende Frage nach dem Verbleib der Königin wurde einfachsten Falls mit einem Schulterzucken und bestenfalls mit Spekulationen beantwortet. Niemand kam auf die Idee nachzusehen, ob sich im Inneren der Sandsteinhülle wirklich nur ein leerer Raum befindet.

Diesen Schritt ging erst 2008 der Archäologe Reiner Kuhn, der sich mit seinen Kollegen bereits zuvor bei Arbeiten am und im Dom einen Namen gemacht hatte. Kuhn fand eine bleierne Kiste von der Größe eines Kindersargs und damit zweifellos nicht mehr aus dem 10. Jahrhundert stammend. Vielmehr ließen sich anhand einer Inschrift die erhaltenen Gebeine der verstorbenen Königin zuordnen, ebenso wurde das Jahr der erneuten Beisetzung mit 1510, dem Jahr der Erbauung des Grabmals angegeben. In einer Maßnahme, die man, ungerechtfertigter, aber letztlich auch nachvollziehbarerweise, als Nacht-und-Nebel-Aktion bezeichnete, wurde die in einem desolaten Zustand befindliche Grabkiste geborgen und ins Hallische Landesmuseum geschafft.

Hier wurden umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, die den Nachweis erbrachten, dass es sich bei der Toten tatsächlich um Editha handelt. Die Frau war bei ihrem Tod Mitte 30, sie stammte aus dem südlichen England, und selbst erhaltene Insekten aus der ursprünglichen Beisetzung von 946 bewiesen die „Echtheit“ ihrer Gebeine. Ihr Bleisarg wurde zum Museumsstück, die noch vorhandenen Teile ihrer irdischen Hülle fanden Aufnahme in einem aus Titan geschaffenen Sarg, der 2010 wieder in dem Sarkophag von 1510 zur – nun hoffentlich letzten – Ruhe gebettet wurde.

Der historische Bleisarg Edithas aus dem Jahr 1510
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