Donnerstag, Juni 30, 2022
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Die Welt in meinem Kopf

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Die Gedanken als Spiegel der Welt, als Möglichkeit von konkreten Bewusstseinszuständen, sind aber zugleich Quelle für destruktive Entwicklungen. Sich über die eigenen Gedanken Gedanken machen ist wichtig. Doch kann man sich dabei auch verirren. | Von Thomas Wischnewski

Ich habe es mir abgewöhnt, den Tag in Begriffe einzuteilen. Freizeit und Arbeit sind für mich widersinnige Abgrenzungen. Kann ich meinen Geist spalten, ohne wahnsinnig zu sein? Wäre die Seele teilbar? Das Leben ist von Anfang bis Ende mal im Licht, mal in Dunkelheit. Alles kommt und geht, nicht die Tage und Stunden, sondern die Erlebnisse, prägende Momente, das Lachen und Weinen. Schlaf und Taten wechseln sich ab. Zugleich ist nichts, wenn alles auf einmal hereinbricht ins Fühlen und Denken. Worin Verantwortung steckt, was Freude bereitet oder spannend erscheint, aber auch Dinge, die erledigt werden sollen – all das gehört in einen Tag. Die Übergänge sind fließend, manchmal überschneidet sich der eine Aspekt mit einem anderen oder alles ist zugleich. Warum sollte ich da Unterschiede machen? Das ist bestimmt einer der Vorteile, wenn man in vielerlei Hinsicht selbstbestimmt Motor des eigenen Lebens sein kann. Das Leben treibt mich und ich treibe das Leben. Wir mögen uns, deshalb kommen wir schon so viele Jahre gut miteinander aus. Wovon ich träume? Ich fasse meine Träume an, regelmäßig. Solche Hirngespinste aus der Schlafphase, die ich ins Wachsein herüberrette, begegnen mir meistens im Leben wieder. Vielleicht wachsen sie in einen Text, vielleicht sogar in eine unternehmerische Idee, anderenfalls in Spaß machende Beschäftigungen, Ausflüge, Treffen mit Menschen und anderes mehr. Wo möchte ich sein, wenn ich nicht da sein will, wo ich bin? Die Antwort ist einfach: Ich gehe.

Warum diese Gedanken um die Gedanken? Was sich in unserem Kopf abspielt, hat oft mehr mit dem Wort Gesundheit zu tun, als wir das denken können. So ist es uns nicht möglich, uns selbst beim Denken zuzuschauen bzw. die biochemischen Prozesse zu verfolgen, geschweige denn das neuronale Geschehen in seiner Komplexität zu erfassen. Wir wissen, dass bestimmte Stoffe – beispielsweise Alkohol, den wir als Kulturgut begreifen wollen – vergiftende und zerstörerische Wirkungen haben. Auch Nikotin oder Koffein enthält Neurotoxine. Nikotin ist ein Alkaloid der Tabakpflanze und blockiert bestimmte Rezeptoren an den Nervenzellen.
Das selbsterzeugte Gift im Hirn

Doch um die stofflichen Toxine geht es hier gar nicht, sondern um destruktive Gedanken und hormonelle Stressfaktoren, die in der Regel unbemerkt und ausgesprochen langsam ihre zerstörerischen Wirkungen entfalten. Zwar wissen wir um die Destruktivität von Angst, und dass unter solchen Zuständen der Botenstoffe Cortisol ausgeschüttet wird. Wer häufig Angst hat, versetzt seinen Organismus in eine Art Dauerstresszustand. Die kleine, ganz kurze Schreckhaftigkeit wollen wir in der Regel nicht sehen. Aber selbst Bedenken sind schon Ausdruck von Angstsituationen mit Hormonreaktionen. Inzwischen weiß man, dass permanente Reize, die z. B. vom Smartphone herrühren – Töne über hereinkommende Nachrichten, aufblinkende Bildschirme oder das Vibrieren des Gerätes – Mikrostresshormonausschüttungen verursachen. Mit den eigenen Gedanken ist das ähnlich. Je häufiger das innere Urteil negativ gefärbt ist, um so öfter gibt es möglicherweise winzige Cortisolschübe. Gegenüber trüben Gedanken gibt es wohlmeinende Ratschläge, beispielsweise solche, dass man mal auf andere Gedanken kommen solle, sich mit anderen Tätigkeit ablenken müsse oder Entspannungstechniken erlernen könnte. Ja, das kann hilfreich sein. Nur ist unser geistiges Verarbeitungsorgan ein dynamisch lernendes Gebilde. Alles, was wir häufiger wiederholen – eben düstere Gedanken, Ängste oder fortwährende Reizzustände durch vernetzte Geräte – erzeugt Automatismen. Wenn sich diese über eine lange Zeit verfestigen, steckt man im Teufelskreis der Botenstoffe des sich selbst befeuernden Hirns fest. Das selbst erzeugte „Gift“ im Hirn ist dann häufig Auslöser für eine psychische Beeinträchtigung oder man wird gar ein Fall für die Psychiatrie. Und weil man den Kopf eben nicht einfach abschalten kann, erzeugt die Psyche individuelle somatische Reaktionen. Dies können körperliche Empfindungen wie Schmerz oder Müdigkeit sein. Oft hilft dann nur eine Psychotherapie.

In der Regel ist eine psychotherapeutische Begleitung hilfreich. Dass aber eine solche Behandlung auch Nebenwirkungen haben kann, ist kaum bekannt. Gewöhnlich redet man während einer Therapie über Probleme. Doch genau diese können negativ beeinträchtigend wirken. Missverständnisse, Belehrungen oder ein Patient fühlt sich seinem Gegenüber hilflos, können verstärkt in die genau falsche Richtung ausschlagen.

Die eigene Welt anders denken
Natürlich gibt es kein Rezept, dass für jeden Menschen gelten könne, wie dieser seinen vernebelnden Gedanken entfliehen kann. Allerdings könnte man zunächst einen Ansatz aufnehmen, der sich mit der Sprache des Denkens beschäftigt. Wir sind beim Denken unmittelbar an Begriffe gebunden. Zwar sagen einige gern, sie hätten ja Bilder im Kopf. Aber sie wüssten überhaupt nicht, was sie auf diesen Bildern sehen wollten, wenn sie dies nicht benennen könnten. Nun sind diese Worte stets mit Erfahrungen und Wissen verbunden. Eskimos sind hier ein schönes Beispiel. Sie verwenden etwa 200 verschiedene Namen für die Farbe Weiß, je nach Farbton und Beschaffenheit, einfach, weil deren reale Erfahrungswelt permanent mit Weiß verbunden ist. Im Prinzip verhält es sich mit jedem anderen Begriff ähnlich. Je mehr Erfahrung und Wissen sich in einem Gehirn mit einem Wort verbinden, um so variantenreicher wird die Vorstellung über die Bedeutung eines Wortes. Klebt man also an einer begrenzenden Aussagekraft eines Wortes, findet man auch schwerer einen Weg aus einem Teufelskreis des Denkens. Noch viel wichtiger ist es, mit einem Begriff, den wir gelernt haben, neue reale Erfahrungen zu machen. Es gibt kein einziges Wort im Kopf, dass wir selbst erfunden hätten. Worte sind immer Vermittlungscodes durch andere. Das ist ja die Grundvoraussetzung unseres gegenseitigen Verstehens. Wenn in uns also ein destruktiver Gedanke kreist, kann dessen Auflösung oft nur gelingen, wenn wir reale Erlebnisse mit dem Begriff machen. Angst vor Spinnen kann man nur mit Spinnen bekämpfen. Die Erfahrung mit der Realität hilft, die Dinge anders denken zu können.

Heute, in einer Zeit, in der viel über die Beeinträchtigungen des Lebens durch Stress, Mobbing, Diskriminierung, Katastrophen, Krieg und Pandemien geredet wird, ist es wichtig, sich davon nicht „verrückt“ machen zu lassen. Das einfachste Mittel, gesunde Gedanken zu entwickeln, ist es, den Medienkonsum einzuschränken. Wer sich einer permanenten Nachrichtenverbreitung aussetzt, manövriert sich selbst ins apokalyptische Denken und erzeugt innere Stresszustände. In der Regel hat eine verbreitete Nachricht überhaupt nichts mit dem eigenen Dasein zu tun. Anderenfalls wäre man ja Bestandteil einer Berichterstattung. Die gewählten Worte der Nachrichten sind nur abstrakte Codes über das tatsächliche Geschehen, das eigene Verständnis mündet wiederum in rudimentäre Sprachcodes. Und jedem sollte bewusst sein, dass die eigene Gedankenwelt stets gestaltet und neu ausgemalt werden kann sowie durch neue Bedeutungen, Wissen und Erfahrungen andere Schlüsse möglich werden.

Allerdings hat unbegrenzte Variabilität auch Schattenseiten. In Verschwörungstheorien findet dies beispielsweise seinen Ausdruck. Es ist genauso fraglich, Kinder schon frühzeitig mit Worten zur Sexualität zu konfrontieren, zu denen sie eben keine Erfahrung machen können, weil sie Triebsteuerung noch nicht bewusst erleben bzw. einfach nicht geschlechtsreif sind. Die theoretische Vermittlung könnte nämlich genauso gut negativ wirken, als dass damit in der Tat Aufklärung verbunden wäre. Worte, die im Kern stets eine Abgrenzung von etwas anderem sein sollen oder auch wirklich sind, besitzen die Kraft, uns gesund zu erhalten oder eben pathologische Zustände zu erzeugen. Wem die Arbeit keinen Spaß macht und wer fortlaufend darüber jammert, wird die destruktive Sicht auf Dauer verschärfen. In einer Partnerschaft ist es ähnlich. Wer keine sympathischen Worte über den Menschen an seiner Seite denken kann, ist Motor für die Zerrüttung der Beziehung. Die Welt in meinem Kopf, so sehr sie auch durch erlernte Denkcodes gesteuert wird, ist mehr, als was denkbar ist. Man kann seine innere Welt immer wieder neu entdecken. Allerdings muss man dazu aus den Abgrenzungen seiner Begriffe ausbrechen können. Und das fördert die Gesundheit.

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