Freitag, September 17, 2021
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Die wollen doch nur chillen

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Warum Jugendliche in Deutschland sich immer weniger mühen wollen und dabei immer dickleibiger werden. 80 Prozent der Heranwachsenden erfüllen hierzulande nicht einmal die WHO-Maxime von 45 Minuten Bewegung pro Tag. Dicke Kinder und der Sport – eine bedenkliche Entwicklung. | Von Rudi Bartlitz

Was haben wir uns seinerzeit, wir gestehen es, auf die Schenkel geschlagen, wenn Harald Schmidt wieder einmal zu einem Running Gag ansetzte, der auf übergewichtige Heranwachsende zielte. In seiner legendären Late-Night-Show hatte er sich dafür extra eine Mini-Serie ausgedacht. „Die dicken Kinder von Landau“ hieß sie. Aber längst nicht alle konnten damals lachen, wenn der Entertainer über die Hauptprotagonisten seine deftigen Witze riss: den dicken Guido, dessen unfassbar dicke Schwester Petra sowie den unübertroffen dicken Hausmeistersohn Ronnie. Weil: Schmidt war, wie so oft, eigentlich ziemlich nah dran an der Wirklichkeit. Dickleibigkeit war unter Kindern und Jugendlichen nämlich schon vor über drei Jahrzehnten ein ernstes Problem. Und es ist, deutet man alle heutigen Studien, Untersuchungen und Lehrer-Äußerungen nicht völlig falsch, keineswegs besser geworden seither. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Balanceübungen sind schon zu viel
Die reinen Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Die Zahl übergewichtiger Kinder hat sich in den letzten 15 Jahren fast verdoppelt. Faustregel dafür: Zu wenig Bewegung („Die wollen doch nur chillen“) und zu viel Cola, Pommes und Pizza. Und, inzwischen ebenso wichtig: zu viele Computer, in welcher Form auch immer. Laut AOK sind in Deutschland 15 Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig oder sogar adipös. Auch sind viele von ihnen unbeweglicher und unsportlicher als früher. Bei Motorik-Übungen schneiden Kinder und Jugendliche heute im Durchschnitt knapp 15 Prozent schlechter ab als vor 30 Jahren. Schon einfache Balanceübungen werden für sie zur sportlichen He-rausforderung. Der Deutsche Ring meldet, dass mehr als 80 Prozent der Vier- bis 17-Jährigen es beispielsweise nicht schaffen, eine Minute lang auf einem Bein zu stehen.

„Die körperliche Aktivität bleibt heutzutage zu oft auf der Strecke”, warnt Frank Grunwald, Gesundheitsexperte beim Deutschen Ring. “Jedes vierte Kind zwischen drei und zehn Jahren ist nicht regelmäßig sportlich aktiv, jedes achte macht überhaupt keinen Sport.” Das Problem sei aber, dass übergewichtige Kinder schon in jungen Jahren häufig an Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Darüber hinaus haben sie Beschwerden an den Gelenken und der Wirbelsäule. Nicht zu unterschätzen sind auch die psychosozialen Probleme, die diese Kinder bewältigen müssen.

Doch nicht nur die über-, auch die normalgewichtigen Schüler machen Probleme. In einer bereits mehr als zehn Jahre alten Studie der AOK und des Deutschen Sportbundes wird festgestellt, dass seit dem Jahr 1995 bei den 10 bis 14-Jährigen ein Rückgang der Fitness um 20 Prozent zu verzeichnen war. Oftmals scheitern Schüler schon an den vermeintlich einfachsten Aufgaben, zum Beispiel dem Laufen in der Rückwärtsbewegung oder beim Trampolin springen.

In die gleiche Kerbe schlagen Wissenschaftler der Universität Karlsruhe. Ihnen zufolge haben Schüler bereits bei einfachsten sportlichen Übungen erhebliche Probleme. Mehr als die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen schafften es nicht, beim Vorbeugen mit den Händen den Boden zu erreichen. In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Beweglichkeit deutlich verschlechtert. Zwölfjährige Mädchen hätten heute die Werte, die damals 17-Jährige erzielten. Für ein „Motorik-Modul“ (MoMo) hatten die Forscher bundesweit mehr als 4.500 Kinder und Jugendliche getestet. Was herauskam, liest sich zuweilen wie Zahlen aus einem Gruselkabinett. Mehr als einem Drittel der 4- bis 17-Jährigen gelang es demnach nicht, zwei oder mehr Schritte auf einem Balken rückwärts zu balancieren. 86 Prozent schafften es nicht, eine Minute auf einem Bein zu stehen. Im Standweitsprung habe sich die Weite gegenüber dem Wert von 1976 um etwa 14 Prozent verschlechtert.

Der Bewegungsmangel sei keineswegs vererbt, räumt Prof. Klaus Bös vom Institut für Sport und Sportwissenschaft mit einem gängigen (dennoch bei vielen Eltern beliebten) Argument auf: „Das hat mit Sicherheit nichts mit den Anlagen zu tun, sondern alleine mit Umwelteinflüssen.“ Nach Ansicht des Karlsruher Wissenschaftlers Ulrich Oltersdorf liegt der Grund für die falsche Ernährung und die mangelnde Bewegung vor allem im Überflussangebot. „Wir brauchen praktisch nichts mehr selbst zu tun, aber der Mensch ist eben nicht programmiert für den Leerlauf“, sagte der Experte der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel.

Doch stopp, bevor wir alles schlechtreden, in einem Bereich ergab der erwähnte Test signifikant positivere Ergebnisse als vor drei Jahrzehnten. Viele Kinder, so Bös, verfügten über eine erheblich bessere Feinmotorik der Finger als früher. Oha. Aber eigentlich völlig logisch, die braucht es schließlich beim fixen Umgang mit Handy oder Spielkonsole.

Es ist inzwischen x-fach statis­tisch belegt, dass Kinder lang­sa­mer und dicker werden. Doch wo liegen nun die wesentlichen Ursachen für diese durchaus ungesunde Entwicklung? Wer einmal quer durch viele wissenschaftliche Studien und Untersuchungen der letzten Jahre blättert, für den kristallisieren sich ziemlich schnell zwei Bewegungsbremsen he-raus: Kinder und Jugendliche werden zu früh zu sehr zeitlich vereinnahmt, darüber verkommt das spontane Spiel (und eben der Sport). Und: die neuen Medien, die die Kids noch stärker in Beschlag nehmen. Und von denen, das sollte nicht übersehen werden, sich die meisten auch gern in Beschlag nehmen lassen. Weil es einfach der Zeitgeist so will – und weil es bequem ist. Ein Junge brachte es in einer Befragung zur Mediennutzung, wohl eher unfreiwillig, auf den Punkt: „Pro Tag sechs Stunden. Also ich bin nicht so oft an meinem Handy.“ Die neuen Medien können also getrost als Bewegungsbremse gelten. Früher waren Kinder da arm dran. Da standen sie oft ratlos herum und wussten nicht, mit wem sie chatten oder welchen Unhold sie auf dem Display niedermachen sollten.

Es gibt Experten, die in ihrer Kritik sogar noch weiter gehen. Wie der österreichische Autor Christian Ortner, der in seinem Buch „Hört auf zu heulen“ von einer „Verweichlichung der Jugend“ spricht. „Ich habe den Eindruck“, sagte er in einem Interview, „dass viele Eltern in bester Absicht versuchen, ihre Kinder von allen Schwierigkeiten fernzuhalten, ihnen wenig zutrauen und sie dauernd loben. Doch so erziehen sie sie zu schwachen Menschen, die bei He-rausforderungen aufbegehren und wenig Ehrgeiz an den Tag legen.“ Eine seiner von weiten Teilen der Wissenschaft freilich nicht unwidersprochenen Thesen lautet: „Es werden gleichgültige Jugendliche he-rangezogen, die sich auf die Eltern und den Staat verlassen“, die sich einfach nicht mehr anstrengen wollten. Für die „Hotel Mama“ der liebste Ort sei, am liebsten bis zur Rente. „Ehrgeiz und Leidenschaft erlöschen.“

Leistungsorientierung geht zurück
Und wer nun immer noch behauptet, die oben zitierten Angaben seien nicht alle taufrisch und wärmten nur alte Vorbehalte auf, dem empfiehlt sich ein Blick in den jüngsten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht. Der von der Krupp-Stiftung he-rausgegebene Report ist überschrieben „Leistung, Gesellschaft, Gesundheit”. Eine der Kernaussagen: Heute erreichen in Deutschland bereits mehr als 80 % der Heranwachsenden nicht mehr die von der Weltgesundheitsorganisation WHO geforderte tägliche Bewegungszeit von 45 Minuten. In den letzten fünf Jahren, heißt es weiter, ist ein Rückgang der Leistungsorientierung im Kinder- und Jugendsport zu verzeichnen – sowohl im Schulsport als auch im Sportverein.

Doch: Ohne Wettbewerb, ohne Regeln, sportartspezifische Fertigkeiten und Leistungsorientierung verliere der Sport für Kinder- und Jugendliche seine Existenzberechtigung. Ebenfalls wüchsen Kinder und Jugendliche in einem sich ständig wandelnden gesellschaftlichen Umfeld auf, z. B. seien sie mit einem dynamisch steigenden Angebot an digitalen Medien und Spielen konfrontiert. Das mit dem Medienkonsum unmittelbar einhergehende Sitzverhalten und der daraus folgende geringe Energieumsatz, warnt der Bericht, sei problematisch. „Die gesundheitlichen Folgen des rückläufigen Sportverhaltens von Kindern und Jugendlichen sind gravierend, daher ist die kindliche Bewegungsförderung von großer Bedeutung.“

Ist der Sport alter Prägung, in dem es noch um ein Gegeneinander, um Höhen, Zeiten und Weiten geht, ist der dem Untergang geweiht? Davor warnten jedenfalls Wissenschaftler, Sportler und Funktionäre bei der Diskussion des Krupp-Berichts. Prof. Chris-toph Breuer von der Deutschen Sporthochschule in Köln und Leiter der Studie, konstatierte, „dass die Leistungsperspektive sukzessive an Bedeutung verliert“. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, nahm die Ausführungen von Breuer mit ernster Miene zur Kenntnis und bemängelte, dass sich nur noch ein Drittel der deutschen Sportvereine dem Leistungssport widmen würde. Zu wenig für einen wie ihn. Denn, so Hörmann: „Es gibt nur einen Sieger im Wettkampf. Sport ist an der Stelle brutal.“
Eine Hüpfburg ist zu wenig

Seine Empfehlung daher: Das Gesamtpaket im Sport müsse früh für die Talente stimmen, damit sie später Weltspitzenleistungen erreichen würden. Und zu diesem Gesamtpaket, da waren sich sämtliche Teilnehmer der Gesprächsrunde einig, zählt auch das in ihren Augen richtige Begriffsverständnis von Sport. Der Sportsoziologe Breuer brachte es wie folgt auf den Punkt: „Wenn jetzt anstelle von Bundesjugendspielen eine Hüpfburg aufgestellt wird, dann trägt dies nicht in dem Maße zu einer Persönlichkeitsentwicklung bei wie ein leistungsorientiertes Sportkonzept.“ Der Bewegungsmangel könnte, auch das wurde herausgehoben, zusätzlich noch ganz andere Ursachen haben. Der Kinder- und Jugendsport sei in den vergangenen Jahren „teilweise deutlich teurer geworden“. Gemeint sind damit zum Beispiel die gestiegenen Eintrittsgelder für Schwimmbäder oder Tennisanlagen. Von der landauf, landab allseits (und zu Recht!!!) beklagten Qualität des Sportunterrichts soll, und kann, an dieser Stelle gar nicht länger eingegangen werden – da würden sich Welten an Versäumnissen auftun.

Die in ihrer Grundaussage deprimierenden Worte von der Verweichlichung und des Sich-Nicht-Schinden-Wollens machen – wenn auch sicher verbal verklausuliert – inzwischen selbst vor einem Sektor nicht mehr halt, in dem es zuallerletzt zu vermuten wäre: im Hochleistungssport. In der Berichterstattung von den gerade beendeten Olympischen Sommerspielen in Tokio fragte mancher Reporter angesichts des alles in allem unbefriedigenden Abschneidens des deutschen Teams, ob die Bereitschaft, tagtäglich über sich hinauszugehen, den Schmerzpunkt zu überwinden, bei Athleten aus sogenannten Wohlstandsländern wie Deutschland noch ebenso ausgeprägt wäre wie bei vielen Konkurrenten. Peter Peters vom Hamburger „High Performance Sports Institute“ beklagte in der „Frankfurter Allgemeinen“, gerade in den Mannschaftssportarten fehlten den Deutschen „Durch­set­zungs­ver­mö­gen, Willen und massiv die menta­le Stärke“. Er vermis­se über­grei­fend die Wider­stands­fä­hig­keit. „Diese Menta­li­tät sehe ich bei vielen Jungs und Mädchen heute nicht mehr, die im Hoch­leis­tungs­al­ter ankom­men. Die suchen für sich immer schon ein Ausgangs­tür­chen. Nach dem Motto: „Schön, dass ich dabei bin. Aber ich gehe nicht all in.“

Fabian Hambüchen, Olympiasieger von Rio im Turnen, hatte schon im Vorfeld der Spiele angemerkt: „Ich sage mal provokativ: Es ist eine gewisse Verweichlichung der Jugend, die ich sehe. Wenn du einfach mal mit den Kindern ein ernstes Wörtchen redest, überschreitet das für mich keine Grenze.“ Sein Goldkollege, Speerwerfer Thomas Röhler, verwies in einer Eurosport-Diskussion-Runde darauf, dass in Deutschland die gesellschaftliche Anerkennung des Sports fehle und prognostizierte: „Das wird künftig noch schwerer.“ In anderen Staaten hätten die Athleten eine ganz andere Art, „sich für ihr Land aufzuopfern“ als in Deutschland, meinte die oftmalige Leichtathletik-Langstreckenmeisterin Sabrina Mockenhaupt und verwies auf ein weiteres Problem: „Warum sollst du dich quälen, wenn du als (Olympia)Achte öffentlich anschließend so runtergemacht wirst. Dann doch lieber gleich Tiktok.“

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