Samstag, Oktober 16, 2021
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Diplomat, Domherr, Reformator

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Vor 900 Jahren gründete Norbert von Xanten, Magdeburgs späterer Erzbischof, den
Prämonstratenserorden. Von Anita Schmidt und Michael Ronshausen

Wie alle bedeutenden Ordensgemeinschaften gehörten auch die Prämonstratenser von Anfang an zu den großen Mitspielern im christlichen Leben des europäischen Mittelalters. Vor 900 Jahren nahm diese Form des kontemplativen Zusammengehens im nordfranzösischen Prémontré ihren Anfang. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden auf dem Kontinent zahlreiche neue Klöster, die von Chorherren und Chorfrauen besiedelt wurden. Bis zum 9. Januar 2022 erinnert das Kulturhistorische Museum in Magdeburg an den Orden, der seit einigen Jahren auch wieder an der Elbe aktiv ist – und der eine enge Verbindung zum Ordensgründer Norbert von Xanten hat.

Eine unabsehbare Laufbahn

Norbert von Xantens kirchliche Laufbahn war vorherbestimmt, aber in ihrer Kraft keinesfalls absehbar. In den ersten Jahren seines Wirkens lief die politische Arbeit dem Gebet den Rang ab. Tatsächlich aus Xanten, oder zumindest doch aus der näheren Umgebung stammend, lebte Norbert zuerst das Leben eines Diplomaten und Domherren, zog mit dem Kaiser bis nach Italien und wurde schließlich zu einem geistigen Reformer der Kirche. In den letzten Jahren seines Lebens tauschte er sein Büßergewand noch einmal gegen das Habit eines Kirchenfürsten, wurde in Magdeburg zum Erzbischof gewählt und konsolidierte auf diesem Weg auch die Bedeutung und den Einfluss seines neugegründeten Ordens.

Und dieser war auch bald nicht mehr zu übersehen. Immerhin hoben sich die Ordensmitglieder (beiderlei Geschlechts) auch in der Farbe ihrer weißen Kleidung deutlich vom Schwarz oder Braun der Gewänder anderer geistlicher Gemeinschaften ab und setzten so auch optisch ein deutliches Zeichen. Dieses Zeichen sprach von Umkehr, von Neuausrichtung und schließlich ganz konkret von einer Rückorientierung auf die oftmals längst verlorenen oder zumindest vernachlässigten Werte der urchristlichen Gemeinschaft und ihrer Idee. Damit erwarb sich Norbert zahlreiche Freunde, wurde aber auch zum Feind vieler, die sich seiner vorgelebten Rückbesinnung nicht unterwerfen wollten.

Alte Werte in neuem Gewand

Ohne Mühe kann man Norbert von Xanten heute als frühen Reformator bezeichnen, selbst wenn sich seine „Reformation“ durch die zeitlichen Umstände nur in engen Grenzen vollzog. Davon spricht auch der Titel einer derzeit im Magdeburger Museum laufenden Ausstellung zur 900. Wiederkehr der Gründung des Prämonstratenserordens: „Mit Bibel und Spaten“. Zwar nahm das geistliche Leben auch bei den Prämonstratensern weiterhin einen bedeutenden Platz ein, im Vordergrund stand aber von jetzt an die harte Arbeit, auf dem Feld und mit den Menschen – und wenn es Not tat auch für den Menschen. Dazu mussten viele der Kleriker von ihren edlen Rössern he-runtersteigen, was – wie bereits berichtet – nicht allen gefiel. Norberts neuer Weg der Askese wurde mit erheblicher Abscheu betrachtet und führte – glaubt man den Überlieferungen – später sogar zu zwei Mordanschlägen.

Ob es am Ende nur der Versuch war, Norbert mit dem hohen Amt des Magdeburger Erzbischofs ruhig zu stellen, kann man heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Doch der Verdacht liegt nahe. Tatsächlich nutzte der Kirchenfürst seine nun exklusive Position, um den Orden weiter voranzutreiben. Auch in Magdeburg zogen bald die ersten Prämonstratenser und Prämonstratenserinnen ein und machten beispielsweise das heute noch vorhandene Kloster Unser Lieben Frauen zu einem Ort der geistigen Konzentration, aber auch der werteschaffenden Arbeit. Erst die Verwerfungen späterer Jahrhunderte – über die „echte“ Reformation bis hin zu den napoleonischen Kriegen – setzten dem Orden erheblich zu und ließen ihn vorerst fast verlöschen. Deutlich später vollzog sich eine Rückbesinnung, die sich schließlich auch in diesem für die Prämonstratenser einst so wichtigen Ort mit der Neuerrichtung einer kleinen, heute von vier Ordensleuten getragenen Priorei, bemerkbar machte. Hauptsächlich der Magdeburger Norden wird heute katholischerseits durch die Brüder des Ordens betreut.

So fern und doch so nah

Bis zum 9. Januar 2022 widmet sich nun die Ausstellung des Kulturhistorischen Museums der Geschichte des Ordens, erinnert an den Gründer und zeigt zahlreiche Exponate der religiösen und weltlichen Kunst des Mittelalters, darunter auch die berühmte Cappenberger Büste, zwischenzeitlich als Reliquiar Johannes des Täufers angesehen, tatsächlich aber Kaiser Friedrich Barbarossa darstellend. Im Rahmen der Erinnerung an Norbert von Xanten wurde auch die einstmalige Grablege des Erzbischofs im Kloster Unser Lieben Frauen neu gestaltet. Der frühere Erzbischof und heutige Heilige bleibt weiterhin abwesend, seine Gebeine wurden 1628 in das Prämonstratenserklos-ter Strahov bei Prag überführt, was selbst im evangelischen Magdeburg für einigen Unmut gesorgt haben soll. Tatsächlich existiert aber auch die Legende, dass man den verantwortlichen Strahover Abt geschickt hinters Licht geführt hat und ihm mit Heinrich von Assel (geboren 1107) einen wesentlich weniger bedeutenden und natürlich unheiligen Erzbischof untergejubelt haben soll.

Prag? Magdeburg?

An dieser Stelle lässt sich der historische Teil der Geschichte rund um Norbert und seinen Orden noch ein gutes Stück weiter in die Zukunft spinnen. Vermutlich gab es bereits in der Vergangenheit die Idee, den Erzbischof, der heute durchaus als eine Art Magdeburger Vorzeigeheiliger gelten könnte, wieder zurück an die Elbe zu holen. Ernstzunehmende Bestrebungen dafür gab es bislang allerdings nicht. Fragt man den Magdeburger Prämonstratenserchorherren Andreas, sollte man es auch bei der Idee belassen. Pater Andreas beschreibt den Weg des Heiligen als ein historisches Ereignis, es gibt auch in Bezug auf die heute wesentlich weniger prägende Heiligenverehrung keinen Grund, Norbert noch einmal über Land zu schicken. Unabhängig davon ist der große Ordensgründer in der Prager Prämonstratenserabtei mindestens ebenso gut aufgehoben wie in der Magdeburger Konzerthalle neben dem Kunstmuseum.

Zur Ausstellungseröffnung am 8. September 2021 waren neben dem sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Rainer Haseloff (CDU) auch zwei Erzbischöfe sowie der Generalabt der Prämonstratenser, Jos Wouters, anwesend. Papst Franziskus hat dem Orden in einem offenen Brief ebenfalls zum runden Jubiläum Anerkennung und Gratulation ausgesprochen.

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