Dienstag, September 21, 2021
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Ein Auftakt, der einiges verspricht

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Die Handballer des SC Magdeburg gewannen den erstmals
ausgetragenen Hummel-Cup. Am 9. September beginnt die
neue Saison, die nicht nur mit Spannung erwartet wird, sondern ebenso einige Fragen stellt. | Von Rudi Bartlitz

Ein Vorbereitungsturnier jagt derzeit im deutschen Handball das nächste. Untrügliches Zeichen dafür, dass die von den Fans herbeigesehnte neue Spielzeit näher rückt. Anfang September ist es soweit. Überall will man bis dahin die Kräfte überprüfen, sehen, wo man steht, schauen, wie sich die Neuerwerbungen im Kader einfinden. Der SC Magdeburg macht da keine Ausnahme. Am zurückliegenden Wochenende präsentierten die Grün-Roten dabei sogar eine Premiere: statt des bisherigen Saisonauftakt-Spiels wurde erstmals ein eigenes Turnier ausgetragen. Namensgeber ist dabei der Ausrüster des SCM, das dänische Sportartikel-Unternehmen Hummel. Dessen Chef Gorden Brockmann: „Für uns ist Magdeburg das Aushängeschild in Deutschland schlechthin.“ Eingeladen waren Spitzenvereine aus Slowenien, Nordmazedonien und Dänemark, die wie der Gastgeber alle das Markenzeichen der miteinander verflochtenen Winkel auf ihren Trikots tragen.

Entschlossen hatten sich die Gastgeber zu diesem Schritt, weil der traditionelle Wettbewerb in Ilsenburg um den Klaus-Miesner-Pokal – den sie lange Zeit als so etwas wie ihr Heimturnier betrachtet hatten – nicht mehr stattfindet. Der kleine Harz-Verein sah sich nach 30 Jahren mit Austragung einer Veranstaltung mit europäischen Spitzenteams sowohl organisatorisch als vor allem finanziell einfach überfordert.

Nun also der Hummel-Cup vor eigenem Publikum. Am Ende triumphierten die Hausherren deutlich, setzten sich im Finale gegen den zweimaligen Champions-League-Gewinner Vardar Skople mit 31:20 (12:11) durch. „Das Turnier hatte für uns schon einen hohen Stellenwert“, resümierte Cheftrainer Bennet Wiegert hinterher. Zumal es wegen der Olympischen Spiele und der Pandemie wenig Zeit zur Vorbereitung auf die neue Saison gibt. Hinzu kommt, dass das Turnier mit Spitzenteams besetzt war. „Vieles hat schon ganz gut funktioniert“, so Wiegert, „anderes noch nicht so. Auf jeden Fall konnten wir uns etwas Selbstbewusstsein erarbeiten.“

Dennoch, auf der Platte sah das, was der Bundesliga-Vorjahresdritte zelebrierte, schon mehr als ordentlich aus. Selbst wenn berücksichtigt wird, dass mit Kapitän Christian O’Sullivan, Matthias Musche und Gisli Kristjansson Stammkräfte noch fehlen. Neuzugang Magnus Saupstrup, der dänische Olympia-Silbermedaillengewinner, wurde noch nicht eingesetzt. Was aber gerade Spielmacher Marko Bezjak und Rückkehrer Philipp Weber im Rückraum zeigten, lässt die Hoffnungen wachsen, dass der SCM im Angriff noch variabler und torgefährlicher auftritt als bisher. „Mit Marko zu spielen“, zeigte sich Weber be-geistert, „ist wie ein inneres Blumenpflücken.“

Und noch etwas war ganz wichtig bei dem Turnier: Es wurde der Ernstfall für den Punktspielstart in gut zwei Wochen geprobt. Das genehmigte Konzept beim Hummel-Cup sah eine Höchstzahl von 3.000 Zuschauern vor. „Organisatorisch hat alles geklappt“, so Geschäftsführer Marc Schmedt. „Jetzt hoffen wir, demnächst zum Auftakt gegen Stuttgart die Zulassung für 5.000 Besucher zu erhalten.“ Während andere Bundesligisten wie der THW Kiel und die Füchse Berlin dabei auf die sogenannte „2G“-Variante (Einlass nur für Geimpfte oder Genesene) setzen, wird der SCM Schmedt zufolge „keine Entscheidung treffen“, ob nun „2G oder 3G“ zuzulassen sind.
Wenn nun am 9. September der Liga-Startschuss ertönt , wird nicht nur eine neue Punktehatz beginnen, es werden zugleich ein paar ganz dringende Fragen der hiesigen Ballwerfer-Gemeinde zu beantworten sein. Die wichtigste lautet gar nicht so sehr, wer sich zum neuen Meister kürt und wie sich die schwarz-rot-goldenen Klubs in den internationalen Wettbewerben schlagen. Sondern: Wie geht es weiter mit der Nationalmannschaft, dem unbestrittenen Vorzeigeprodukt dieser Sportart hierzulande. Von ihrem Ansehen, das weiß die Liga genau, hängt vieles ab, gerade auch für die Vereine und deren Stellenwert. Nach dem im Großen und Ganzen enttäuschenden Abschneiden bei Olympia (wo die Schützlinge von Alfred Gislason im Viertelfinale gegen Ägypten sang- und klanglos rausflogen) müssen einige grundlegende Überlegungen angestellt werden.

Für die Aufarbeitung bleibt nicht viel Zeit, denn schon in gut vier Monaten steigt die nächste EM. Es sollte in Tokio eine Medaille werden, am liebsten aus Gold. Stattdessen endet das Turnier mit erneutem Frust. Auch beim sechsten Großereignis seit Olympia-Bronze 2016 ging die DHB-Auswahl leer aus. Das sollte zu denken geben. Die Weltspitze sei zwar nicht weit weg, meinten zwar viele Experten nach Tokio. Aber da steckte wohl mehr das Bemühen um ein wenig Trost dahinter denn knallharte Analyse. Fakt bleibt: Die Weltspitze ist seit einigen Jahren eben doch unerreichbar.

Offensichtlich war, nach einer Monster-Saison in der Bundesliga mit 38 Spieltagen fehlte dem Bundestrainer die Zeit für optimale Vorbereitung und den Spielern im entscheidenden Moment die Kraft. Gislason: “Wir wollen Erfolg haben, aber wir haben keine Zeit, daran zu arbeiten.“ Die Hoffnungen, dass sich daran kurz- oder mittelfristig etwas ändert, tendieren gegen Null. Unübersehbar ferner die Nachteile in der individuellen Klasse generell. Dass den Deutschen da die Dänen, Franzosen oder Spanier voraus sind, darauf hat sich der hiesige Handballfan ja inzwischen eingestellt. Aber, wie bei Olympia nicht zu übersehen, inzwischen auch schon die Ägypter? Hinzu kommen seit Jahren Nachteile im Aufbauspiel, wo die Top-Nationen wesentlich stärker besetzt sind. “Wir haben deutlich weniger Wurfkraft aus dem Rückraum als die anderen Mannschaften”, räumte Gislason ein.

Was nun also? Bis zum Januar werden Mängel schwerlich zu beheben sein. Zumal nach Olympia bereits vier Nationalteamstützen (Gensheimer, Weinhold, Pekeler, Bitter) mehr oder weniger ihren Rücktritt erklärten. Beim Kieler Wiencek (und vielleicht noch dem einen oder anderen mehr) weiß niemand, wohin der Weg führt. Die zunächst sicher für viele höchst verwegene These, dass dann eben die Klubs vorübergehend in die Bresche springen müssen, um das Renommee des deutschen Handballs einigermaßen aufrechtzuerhalten, ist vielleicht gar nicht so abwegig, wie sie klingen mag. Und es sieht da nicht einmal schlecht aus. Zumindest stammt der letzte Champions-League-Gewinn eines Bundesligis-ten vom Dezember 2020, als der THW Kiel den FC Barcelona eliminierte. Noch besser stehen die Chancen im zweiten Europapokal-Wettbewerb – dem EHF-Cup, der über ein Jahrzehnt von deutschen Klubs dominiert wird und seit 2021 unter dem Namen European League firmiert. Hier ist der jüngste Erfolg sogar noch jüngeren Datums. Die Erinnerungen sind längst nicht verblasst: Erst in diesem Sommer triumphierte der SCM im Finale gegen den ewigen Ligarivalen Füchse Berlin.

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