Ein Berg-an-Lauf auf den Olymp

Sachsen-Anhalts Olympiakandidaten blicken zuversichtlicher auf die Sommerspiele in Tokio als noch vor vier Jahren in Rio. Fast 20 Athleten können sich derzeit passable Chancen auf einen Start in der japanischen Hauptstadt ausrechnen. Die meisten Hoffnungen verbinden sich mit den Schwimmern des SC Magdeburg. | Von Rudi Bartlitz

Der 2. August 2020 ist, Gott sei Dank, ein Sonntag. Da wird es so manchem Sport-Fan hierzulande ein wenig einfacher gemacht, zu nachtschlafender Zeit beim – zumindest aus Sachsen-Anhalt-Sicht – wahrscheinlichen Höhepunkt der Olympischen Sommerspiele live dabei zu sein. Oder er geht eben erst gar nicht ins Bett. Denn ab 3.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit stehen in Tokio fünf Finalwettbewerbe im Schwimmen auf dem Programm. Darunter als ein Highlight die 1.500 Meter Freistil der Männer. Für den Magdeburger Florian Wellbrock, der sich in diesem Jahr über die Marathonstrecke bravourös den Weltmeistertitel eroberte, könnte in dieser Nacht die größte Stunde seiner Laufbahn schlagen.

Schade eigentlich, dass gerade die Schwimmwettbewerbe, wie schon 2016 in Rio, zu für Europa ungünstiger Tageszeit über die Bühne gehen. Obwohl die Wettbewerbe diesmal auf der anderen Seite des Globus stattfinden, müssen die deutschen TV-Zuschauer also erneut Nachtschichten einlegen, wenn sie die Top-Athleten live sehen wollen. Vor allem für die Aktiven bedeuten die veränderten Startzeiten eine erhebliche Umstellung: Die Finals werden entgegen sonstigen Gepflogenheiten am Vormittag ausgetragen, Vorläufe und Halbfinals am Abend. Hintergrund des ungewöhnlichen Zeitplans: Die Organisatoren haben sich Forderungen des TV-Rechteinhabers NBC gefügt. Hier scheint ein altes Trump-Motto zuzutreffen – America first. Anders gesagt: Wer die Chose bezahlt, bestimmt auch die Sendezeit. Das US-Network will die Schwimm-Wettbewerbe mit Stars-and-Stripes-Stars wie Katie Ledecky, Caeleb Dressel und Co. zur amerikanischen Primetime übertragen.

Wenn diese Ausgabe von MAGDEBURG KOMPAKT vor dem Leser liegt, sind es noch gut 7 Monate bis zum Beginn des größten Sportereignisses der Welt. Wahrlich keine lange Zeitspanne mehr. In welcher Verfassung also sind, mag sich der geneigte Sportfreund am Ende des vorolympischen Jahres fragen, denn die Olympia-Kandidaten unseres Bundeslandes? Wie stehen die Chancen bei dem am 24. Juli in Fernost beginnenden Spektakel? Zumal die letzten beiden Auftritte bei den Ringe-Spielen für Sachsen-Anhalt keinen Anlass zu überbordendem Jubel boten. Eine einzige Medaille (Bronze) gab es 2012, zwei (Gold und Bronze) vier Jahre darauf.

Einer, der Antwort auf die Fragen sollte geben können, ist Helmut Kurrat, der Leiter des Olympiastützpunktes Sachsen-Anhalt. Selbst wenn man an dieser Stelle in Rechnung stellen muss, dass der OSP hauptsächlich als Dienstleister wirkt und kaum direkten Einfluss auf Athleten und Trainer besitzt. „Für die Entwicklung der reinen sportlichen Leistungen sind zu allererst die Spitzenverbände zuständig“, betont Kurrat. Dennoch, wenn er auf die Ergebnisse der Welt- und Europameis- terschaften 2019 schaut, hat er ein besseres Gefühl als noch vor vier Jahren. Aus der Talsohle von London und Rio seien die Sportler des Landes „auf jeden Fall heraus. Jetzt befinden wir uns, um im Bild zu bleiben, in einem Berg-an-Lauf“. Vorsichtig schiebt er nach: „Ich bin bedingt zufrieden.“

36 Athleten umfasst Sachsen-Anhalts vor zwei Jahren berufenes Team für Olympia und Paralympics. Wie viele von ihnen am Ende letztlich der Sprung in die schwarz-rot-goldene Tokio-Mannschaft gelingt, ist ein Spiel mit mehreren Unbekannten. Zumal 2020 noch etliche Qualifikationen anstehen. Legt man aktuelle Resultate der bereits absolvierten Qualifikationswettbewerbe und die generellen Aussichten der einzelnen Sportler zugrunde, könnten, wenn alles gut läuft und keine Verletzungen einen Strich durch die Rechnungen machen, am Ende 18 oder 19 von ihnen in der japanischen Hauptstadt dabei sein. In Rio waren es noch 14.

Der mit Abstand größte Sprung nach vorn gelang im ablaufenden Jahr den SCM-Schwimmern. Was die Frauen und Männer aus der Trainingsgruppe des inzwischen zum Teamchef des deutschen Schwimmteams beförderten Bernd Berkhahn ablieferten, nennt Kurrat „überdurchschnittlich“. Über allem thronen die zwei Weltmeistertitel Wellbrocks, dem es als ersten Sportler überhaupt gelang, bei Weltmeisterschaften Gold im Freiwasser und im Becken zu gewinnen. Damit schrieb er Sportgeschichte. Neben dem 22-Jährigen besitzen auch die beiden Freiwasserschwimmer Finnia Wunram und Rob Muffels bereits persönliche Qualifikationen für Olympia. Kurrat: „So früh hatten wir das noch nie.“ Die Chancen, die Normzeiten für Tokio zu erfüllen, dürften auch für Franziska Hentke und die in Magdeburg trainierende Sarah Köhler mehr oder weniger nur noch formalen Charakter besitzen. Im Bereich der Möglichkeiten liegt ein Ticket ebenso für Aliena Schmidtke und die Hallenserin Laura Riedmann.

Größte Aussichten bei den Kanuten, wo die Magdeburger bei Olympia zuletzt oft die Eisen aus dem Feuer holten (Gold 2008 für Conny Waßmuth und Andreas Ihle, 2012 gewann Ihle die einzige Sachsen-Anhalt-Plakette überhaupt), besitzt zweifellos der zweifache Weltmeister im Canadier-Zweier, Yul Oeltze. Er ist zwar noch nicht für Tokio qualifiziert, muss sich national noch durchsetzen. Der 26-jährige Modellathlet sollte mit seinem Leipziger Partner Peter Kretzschmer jedoch über die „objektiv besten Chancen aller Magdeburger Kanuten“ (Kurrat) verfügen. Die drei Frauen Nina Krankemann, Jasmin Fritz und auch Julia Hergert sollten laut OSP-Chef „vor allem in den Mannschaftsbooten“ für den deutschen Verband eine Nominierungsmöglichkeit darstellen.

Kleinere Brötchen als sonst werden diesmal möglicherweise die Ruderer und Leichtathleten backen müssen. Bei den Männern mit Riemen und Skull hängt nahezu fast alles von der Zusammensetzung der deutschen Boote ab. Weltmeis-ter Maximilian Planer, der sich 2019 nicht für das Paradeboot, den Deutschland-Achter, qualifizieren konnte, besitzt laut Kurrat dann noch Chancen, „wenn die Besetzung des Achters im nächsten Jahr noch einmal neu aufgemacht wird“. Max Appel könnte zur Besatzung des deutschen Doppelvierers in Tokio gehören. Ausgerechnet um die einzige sachsen-anhaltische Goldmedaillengewinnerin von Rio, die Hallenserin Julia Lier, gibt er derzeit einige große Fragezeichen. Da sie sich nicht für einen vom Verband angeregten Wechsel nach Berlin entscheiden konnte (wo ihr angestammtes Boot, der Vierer, konzentriert ist), wird sie ihre Chance höchstwahrscheinlich im Einer suchen müssen.

Bei den Leichtathleten sollte den drei Hallenserinnen Nadine Müller (Diskus), Cindy Roleder (Hürden) und Sara Gambetta (Kugel) eigentlich der Sprung ins deutsche Team gelingen. Die beiden Magdeburger Diskusriesen Martin Wierig und David Wrobel qualifizierten sich 2019 zwar für die WM in Doha, was an sich schon einen Erfolg darstellte, ihre Weiten liegen aber doch um Meter hinter der absoluten Weltspitze zurück, um vielleicht mit vorderen Platzierungen bei Olympia liebäugeln zu können.

In Magdeburgs olympischer „Lieblingssportart“, dem Handball, trägt allein Matthias Musche die Hoffnungen. Hier bauen sich derzeit noch zwei Hürden auf: Zum einen hat das deutsche Team (das laut Verbandsvize Bob Hanning Gold holen soll) das Ticket für Fernost noch gar nicht gelöst, zum anderen ist unklar, ob Bundestrainer Chris-tian Prokop überhaupt auf den SCM-Linksaußen setzt. Vor dem 27-Jährigen steht auf jeden Fall Deutschlands Über-Handballer Uwe Gensheimer. Entscheidet sich Prokop dafür, nur einen Linksaußen mitzunehmen, hat der SCM-Mann schlechte Karten. Vor vier Jahren hatte Finn Lemke, damals noch SCM, Bronze aus Rio mitgebracht.

Die vielleicht heikelste Frage zum Schluss (selbst wenn Medaillenzählen, geht es nach der Sportführung in Deutschland, nicht mehr das Nonplusultra sein soll): Auf wieviel Plaketten dürfen diejenigen in Sachsen-Anhalt hoffen, für die allein die olympische Teilnahme nicht die Ultima Ratio des Hochleistungssports ist? Kurrat nennt, und da kann man ihm schlecht widersprechen, zahlreiche Faktoren, die für einen Medaillengewinn gegeben sein müssen, um dann doch eine Prognose zu wagen: „Im Schwimmen könnte es bei ganz optimalem Verlauf zwei oder sogar drei geben, dazu eventuell Yul Oeltze und mit einem Fragezeichen der Handball.“

Die Rio-Bilanz ließe sich also durchaus aufhübschen. Der OSP-Chef salomonisch-zurückhaltend: „Die Chancen auf Medaillen stehen auf jeden Fall besser als 2016.“

Der Olympiastützpunkt Sachsen-Anhalt

Der Olympiastützpunkt (OSP) Sachsen-Anhalt besteht seit 1992. Er betreut alle Kaderathleten der olympischen Spitzenfachverbände, die im Bundesland trainieren. Sportkomplexe des OSP befinden sich in Magdeburg und Halle. Schwerpunktsportarten sind Leichtathletik, Schwimmen, Rudern, Kanu (Rennsport und Slalom), Handball (männlich), Judo, Turnen (männlich) und Behindertensport. Als Fördersportarten werden Basketball (weiblich), Boxen, Eissport, Fechten, Handball (weiblich), Pferdesport, Radsport, Rodeln/Bob und Schießen betreut. Trainerinnen und Trainer eines sogenannten Pools sind vereinsübergreifend in den einzelnen Sportarten tätig. Die Gymnasien in Magdeburg und Halle sind als Eliteschulen des Sports eng an die Standorte des Stützpunkts angebunden. Geleitet wird der OSP von Helmut Kurrat, einem ehemaligen SCM-Handballer.

Explodierende Kosten, Klima-Ärger

Tokio richtet im Sommer 2020 zum zweiten Mal Olympische Sommerspiele aus. In 339 Wettbewerben geht es um Gold, Silber und Bronze. Fünf Sportarten erleben ihre Feuertaufe bei den Ringe-Spielen.

Gastgeber der Spiele der XXXII. Olympiade im Jahr 2020 ist Tokio. Die Spiele finden vom 24. Juli bis zum 9. August statt. Die meisten Wettkampfstätten befinden sich in einem Radius von acht Kilometern um das Olympische Dorf. In 33 Sportarten mit 51 Disziplinen gibt es 339 Wettkämpfe mit Entscheidungen über Gold, Silber und Bronze. Neu im Programm sind: Karate, Sportklettern, Skateboard, Surfen und Baseball (Männer) sowie Softball (Frauen). Nach 1964 richtet die japanische Hauptstadt zum zweiten Mal die Spiele aus; sie hatte sich bereits für 2016 beworben. Mitbewerber waren Istanbul und Madrid. Die Mitglieder des IOC entschieden 2013 in Buenos Aires, dass Tokio der Austragungsort 2020 sein wird.

Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt plus 7 Stunden zur MESZ. Das Olympia-Maskottchen heißt Miraitowa und setzt sich zusammen aus den Worten Mirai (Zukunft) und Towa (Ewigkeit). Die Materialien für die Medaillen in Tokio werden aus recyceltem Elektronik-Schrott gewonnen. Seit 2017 läuft ein Projekt, in dem unter anderem weggeworfene Smartphones oder Laptops ausgeschlachtet werden, um daraus wertvolle Metalle zu gewinnen. Die Japaner können ihre Altgeräte gezielt für diesen Zweck spenden. Auch Industrieabfälle werden verwendet. Die TV-Rechte in Deutschland hält Eurosport. Sublizenzen besitzen ARD und ZDF.

Ärger gibt es in Japan um die hohen Kosten der Veranstaltung. Sie explodierten regelrecht. Jüngs-ten Angaben des japanischen Rechnungshofes zufolge liegen sie bei rund 22 Milliarden Euro und würden damit gegenüber ursprünglichen Berechnungen um mehr als 100 Prozent steigen. Noch im Dezember 2018 hatten die Organisatoren den Etat mit 10,3 Milliarden Euro beziffert. Etwa 80 Prozent der Ausgaben werden Steuergelder sein. Vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) kommen weitere 1,5 Milliarden Euro, der Rest setzt sich aus Einnahmen aus Sponsoring, Merchandising und Ticketverkäufen zusammen.
Die letzten Olympischen Sommerspiele in Rio hatten 2016 offiziell vier Milliarden Euro gekostet. Vier Jahre zuvor war die Ausrichtung des Events in London mit 13 Milliarden Euro zu Buche geschlagen. Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu betrachten, da nicht immer transparent ist, welche Kostenstellen bei der Berechnung berücksichtigt werden – und welche nicht.

Wegen der drohenden großen Hitze in den Sommermonaten (Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeit) wurden jetzt die olympischen Marathon-Wettbewerbe und das Gehen nach Sapporo verlegt. In der 800 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegenen Stadt auf der Insel Hokkaido liegen die Tagestemperaturen im Hochsommer um fünf bis sechs Grad unter denen von Tokio. Zudem ist die Luftfeuchtigkeit deutlich geringer. Das Freiwasser-Rennen in der Bucht der japanischen Hauptstadt war zuvor wegen der hohen Temperaturen bereits von 10 Uhr auf 7 Uhr Ortszeit verlegt worden. Anfang August hatten die Freiwasserschwimmer nach einem Fünf-Kilometer-Testwettkampf auf der Olympiastrecke Alarm geschlagen. “Das war das wärmste Rennen, das ich jemals bestritten habe”, sagte London-Olympiasieger Oussama Mellouli (Algerien). Andere Teilnehmer bemängelten die Wasser-Qualität im Odaiba Marine Park: Es habe ein wenig gestunken und die Sicht sei trübe gewesen. (rb)

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